Warum der Befreiung vom Nationalsozialismus national gedacht werden sollte

Veröffentlicht am 7. Mai 2022 um 19:17

Der Zweite Weltkrieg begann mit dem deutschen Überfall auf Polen.
Heute müssen wir erleben, dass Frieden in Europa 77 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf europäischem Boden kein Selbstverständnis ist. Für Frieden, Freiheit und Demokratie müssen wir nicht nur kämpfen. Wir müssen als erstes den Wert von Frieden, Freiheit und Demokratie erkennen und ihn in unseren Wertekanon übernehmen. 
Von selbst gelingt dieses nicht. Es bedarf eines Anschubes von Außen. Eignen tun sich sicherlich Gedenktage, die aufzeigen, welches menschliche Leid Kriege anrichten. Gedenktage werden jedoch oft nicht in der Öffentlichkeit in ihrer Gesamtbedeutung wahrgenommen.

Im Fall zum Gedenken an das Kriegsende in Europa am 8. Mai 1945 ist ein Gedenktag daher nicht ausreichend. In diesem Fall ist ein nationaler Feiertag nötig, da der deutsche Staat sich damit eindeutig zur Demokratie, zur Freiheit und zum Frieden symbolisch bekennen würde. 

Der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker sprach zum 40. Jahrestag des 8. Mai 1945 von einer Befreiung. „ (…) Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. (…)“ 
Von einer Gewaltherrschaft befreit zu werden und dieses bewusst zu „feiern“, sollte auf jeden Fall Staatssymbolik sein. Denn unsere Staatssymbolik dient der Identifikation der Bürger mit ihrem Staat.

Der 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung von dieser Gewaltherrschaft ist bis heute kein nationaler Feiertag. Es stellt sich die Frage nach dem Warum.
2015 hat der Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages meine entsprechende Petition für die bundesweite Einführung dieses nationalen Feiertages abgelehnt. Wie in der auf dieser Seite veröffentlichten Ablehnung nachzulesen ist, ist ein Grund, dass die Bedeutung des Tages als Tag der Befreiung nicht allgemein anerkannt ist.

Was heißt dieses konkret? Der Krieg, ausgehend vom deutschen Boden, mitgetragen von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung, hat lange Schatten geworfen. Er hat Millionen von Lebensentwürfen zerstört. Mord, Terror und Raub an den europäischen Juden und gegen politisch Andersdenkende. Zerstörte Städte, Flucht und Vertreibung, die Erkenntnis, den falschen Werten hinterhergelaufen zu sein, Kriegsgefangene, Kriegsopfer, Ausgebombte, die Niederlage spüren, sich besetzt von den Alliierten zu fühlen. 

Eine allgemeine Sicht, dass dieser Tag ein Tag der Befreiung von diesem verbrecherischen System gewesen ist, sollte eigentlich für Menschen - auch wenn sie selbst leidgeprüft sind -, die in einer Demokratie leben, ein Selbstverständnis sein. 

Ich frage mich, welche Sicht ein Mensch auf dieses System haben könnte. Insbesondere vor dem Hintergrund des geplanten verwaltungsmäßig organisierten Massenmordes an den europäischen Juden, vor dem Hintergrund der KZ-Insassen und ihrer Folter und Ermordung, vor dem Hintergrund des Mordens und der Ausübung von Terror in den überfallenen und besetzten Ländern.

Das Leid der Kriegsopfer sollte thematisiert werden. In diesem Zusammenhang ist das Ende des Zweiten Weltkrieges auf europäischen Boden nicht nur als Kriegsende zu betrachten. Denn das gezielte Morden an den europäischen Juden ist damit auch beendet worden. 

Sich zu reflektieren, sich mit der Schuldfrage zu beschäftigen, sich für die Zukunft verantwortlich fühlen, derartige verbrecherische Systeme nicht zu stützen, sie erst gar nicht aufkommen zu lassen, darum geht es.

In meinem Ablehnungsschreiben zum Petitionsantrag wird darauf verwiesen, dass „Der Bund … nur bei herausragenden Anlässen von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung kraft Natur der Sache eine eigene Gesetzgebungskompetenz.“ hat. 
Diese Aussage ist ungeheuerlich. Es handelt sich doch wohl um einen herausragenden Anlass von einer gesamtgesellschaftlichen Bedeutung. Dieser Anlass, nämlich das Kriegsende, hat weiteren Millionen Menschen nicht nur das Leben gerettet. Dieser Anlass hat nicht nur dafür gesorgt, dass wir heute in einem demokratischen Land leben. Dieser Anlass macht doch wohl die Wertebasis sichtbar und diese ist sehr wohl ein herausragender Anlass, denn die Kriegsereignisse, die entmenschten Handlungen und die Folgen daraus, sollten für die Generationen der Gegenwart sichtbar gemacht werden und ihre zukünftige Handlungsmaxime eines Lebens in Freiheit, Frieden und Demokratie bestimmen. 

Der Hinweis in der Petitionsablehnung, dass der Vorschlag der Einführung eines nationalen Feiertages, die Gefahr birgt, dass dem Einzelanlass nicht mehr genug Raum gegeben wird, ist absurd. Gerade mit dem Nationalfeiertag wird diesem Geschehen und unserem Verständnis von Werten ein besonderer Raum gegeben. 

Der weitere Aspekt - wir gedenken genug - ist eine Beleidigung für die Opfer und zeigt, dass sich auch in Jahrzehnten kein gesamtgesellschaftliches Bewusstsein für die Notwendigkeit von Gedenkprozessen entwickelt hat. Primo Levis „Ist das ein Mensch?“ sollte Pflichtlektüre für diese „demokratischen Entscheider“ werden. „Wir lagen in einer Welt der Toten und der Larven. Um uns und in uns war die letzte Spur von Zivilisation geschwunden…“. Für diese verschwundene Zivilisation sind wir auch in Zukunft mit verantwortlich.

Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ sollte ebenfalls eine Pflichtlektüre an den Schulen sein und ja, am nationalen Feiertag aufgeführt werden. Denn wenn menschenverachtende Autokraten und Diktatoren die Menschen in den Krieg treiben wollen, „Dann gibt es nur eins! …Sag NEIN!“

Soraya Levin

 

 


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