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Exil unter Palmen. Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer

Exil unter Palmen. Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer. Der Buchtitel hört sich zunächst wie ein Sehnsuchtsort an dem zauberhaften Küstenstreifen der Côte d’Azur an. Palmen stehen für das Leben, für die Unbeschwertheit und für Träume. Im Christentum stehen sie sogar für den Sieg über das Böse. Mir kommt dabei der Gedanke, dass die schreibenden Exilanten tatsächlich - auch wenn nicht alle - einen Sieg über das Böse, über Hitler-Deutschland errungen haben. Denn ihre Stimmen finden während und nach der Nazi-Zeit weiter Gehör.

Bereits die Eingangsbeschreibung der Autorin Magali Nieradka-Steiner über das Eintreffen in Sanary-sur-Mer ist wie ein virtuoses Reisekopfkino, das die Bilder der Côte d’Azur mit den langen Sandstränden, den Cafés zwischen den in zarten Tönen platzierten Häusern vor den Augen ablaufen lässt. Ein wenig wirkt diese mediterrane Leichtigkeit so wie in dem von ihr genannten Reiseführer „Das Buch von der Riviera“ von Erika und Klaus Mann. Eine Reise im Jahr 1931 an der Côte d’Azur entlang. Sanary-sur-Mer, dieser damals kleine Ort ist laut der Mann-Geschwister vom deutschen Maler Rudolf Levy bereits vor der Nazizeit entdeckt und im Stammcafé der Künstler in Paris, im Café du Dôme beworben worden.

Das Buchcover zeigt ein berühmtes Gesicht. Es ist der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger von 1929 Thomas Mann, der locker an einen Türrahmen gelehnt steht. Die leichte Sommerkleidung vermittelt bereits ein Gefühl von mediterraner Wärme und Meer. Das Foto, abgeschnitten und am Rand platziert, wirkt wie eine Strandung, wie eine kurze Begegnung, ein kurzer Augenblick des Innehaltens, wie die Trennung von der Heimat.

Zunächst ist es noch keine von den Nazis erzwungene Amputation von Deutschland, denn im Gegensatz zu seinem Bruder Heinrich und seinen Kindern Erika und Klaus steht Thomas Mann noch nicht unter dem politischen und religiösen Verfolgungsdruck der Nazis, was sich bald ändern sollte. Dennoch kehrt er auf Anraten von einer Vortragsreise 1933 nicht nach Deutschland zurück, sondern strandet durch den deutsch-französischen Schriftsteller René Schickele in Sanary-sur-Mer.

Die Autorin zeigt auf, wie aus dem einstigen schummrigen Fischerdorf laut Ludwig Marcuse „die Hauptstadt der deutschen Literatur“ wird. Es sind die vor den Nazis geflohenen deutschsprachigen Schriftsteller, die sich in Sanary-sur-Mer ihren eigenen literarischen Kosmos schaffen.
Die Autorin nimmt den Leser mit auf diesen Streifzug der literarisch-schwergewichtigen Exilanten. Einst für die Maler ein Sehnsuchtsort des Lichtes, nun für die Schriftsteller eine Zufluchtsoase vor den Nazis mit einem für jeden eigenen Rhythmus.
Während die Stars der internationalen Literaturszene wie Thomas Mann und Lion Feuchtwanger in repräsentativen Villen leben, fliehen die mittellosen Künstler für den Austausch in die Cafés.

Dieser Umstand, den Nieradka-Steiner aufzeigt, macht sichtbar, dass die Masse der schreibenden Zunft bereits in der Heimat dauerhaft in Bewegung bleiben muss, um nicht unterzugehen. In der Fremde ist es nochmal um so schwieriger, nicht zu ertrinken und einen Rettungsring zu ergreifen.
Während die Großen der literarischen Weltbühne das urbane Leben und die Zuschauertribüne vermissen, kämpfen die anderen einfach nur um das nackte Überleben.

Es sind die Schriftsteller des Pariser Café du Dôme, für die das Café in Friedenszeiten ein Zufluchtsort für Gespräche und Diskussionen, für einen Austausch unter Gleichen ist. Diese Stammgäste des alten Kulturbetriebes finden sich nun am neuen Zufluchtsort namens Sanary-sur-Mer wieder.

Es ist ein Buch über Exilanten und es stellt sich für jede Person im Exil die Frage, wohin soll ich gehen. Zum sicheren Hafen für die Geflüchteten wird die Kunstautorität Julius Meyer-Graefe. 
Hier im südfranzösischen Sanary-sur-Mer spielt eine andere Musik. Im Schlepptau die Vergangenheit, für die einen Melancholie, für die anderen Inspiration. Während dieser Ort für die einen eine Oase der Stille ist und sie zum Schreiben antreibt, versuchen andere ihren heimatlichen Rhythmus beizubehalten.
Thomas Mann arbeitet an „Joseph und seine Brüder“, Lion Feuchtwanger inspiriert das Refugium nicht nur zum Schreiben des Romans „Die Geschwister Oppermann“, sondern auch für die ein oder andere innerhalb der Ehe geduldete Affäre.
Franz Hessel begibt sich auf diesem stillen Pflaster weiterhin jeden Tag in den Nahkampf des Schreibens von einer Seite. Er projiziert seine eigene Lebenswirklichkeit der ménage-a-trois in die Geschichte seines letzten Romans „Alter Mann“.
Klaus Mann schreibt an seinem „Mephisto“ und der Schriftsteller Franz Werfel lässt eine literarische Totenstille nicht zu und beginnt an seinem neuen Roman „Der veruntreute Himmel“ zu arbeiten. Während Franz Werfel an diesem stillen Ort für Ideen für seinen neuen Roman inspiriert wird, vermissen andere wie seine Ehefrau Alma Mahler-Werfel das urbane Leben und die lauten Zuschauerränge und fühlen sich hier erdrückt. Obwohl ihr Südfrankreich einen Zufluchtsort bietet, lehnt sie dieses Frankreich ab. Obwohl ihr Ehemann Jude ist, hasst sie Juden.
Die Beschreibung der Haltung der Partner der Schriftsteller durch die Autorin verstärkt den Blick auf das Exil und die Lebenssituation der Schriftsteller.

Für Augenblicke teilen sie, die Vertriebenen, die Verfolgten, die Gestrandeten das gleiche Schicksal. Man könnte vielleicht meinen, sie könnten aufgrund ihrer künstlerischen Profession ein gemeinsames Sprachrohr haben. Dem ist aber nicht so. Deutlich werden diese unterschiedlichen Gesinnungs- und Meinungsströmungen an dem Verhältnis zwischen Thomas Mann und seinem Sohn Klaus sowie dem bekannten Exilstreit der Literaten.

Die von seinem Sohn Klaus herausgebrachte Exilzeitschrift „Die Sammlung“ wird von Heinrich Mann, Aldous Huxley und Andrè Gide unterstützt, nur nicht von ihm, dem eigenen Vater. Hier wird er deutlich, der Vater-Sohn-Konflikt. Während sich Klaus Mann politisch einmischt, einen eindeutigen Standpunkt gegenüber den Nazis bezieht und wachrütteln möchte, geht es Thomas Mann um die Veröffentlichung seiner Werke in Deutschland.

Hier stellt sich für mich die Frage nach dem Einmischen der Kunst in die Politik. Thomas Mann ist kein Unbekannter. Es ist immerhin Literaturnobelpreisträger und veröffentlicht international. Auch ohne den deutschen Markt wäre er sicherlich nicht mittellos geworden.
Nicht nur der Vater-Sohn-Konflikt verdeutlicht sich daher an diesem Punkt zwischen dem politischen und dem unpolitischen Bekenntnis, sondern die moralische Haltung.
Klaus Mann mischt sich ein. Es geht ihm um die schreibende Zunft innerhalb Deutschlands und die außerhalb von Deutschland. Die Autorin verweist in diesem Zusammenhang auf den wohl bekanntesten Exilstreit. Ein Streit zwischen Klaus Mann und Gottfried Benn.
Hier wird es wieder deutlich. Klaus Mann bezieht moralisch und politisch Stellung. Für ihn ist ein politisches Statement und Bekenntnis gegen das Nazi-Regime selbstverständlich.
Gottfried Benn hingegen distanziert sich nicht von den Nazis, sondern entgegen allen Erwartungen von den Schriftstellern im Exil. Hier wirft einer von ihnen im Rundfunk mit Verunglimpfungen um sich und stützt damit das verbrecherische System. Denn wenn er, wie es die Autorin anführt, die Exilanten so darstellt, als ob sie mit einem erhobenen moralischen Zeigefinger von ihrem schönen französischen Badeort drohen, dann tut er so, als ob es sich um eine selbstgewählte Urlaubszeit handelt. Es ist aber kein Urlaub. Es sind verfolgte Schriftsteller, die einen aus politischen Gründen, die anderen, weil sie Juden sind, die nicht zum Baden an die Côte d’Azur gekommen sind. Die einzig und allein hier sind, weil ihr Leben bedroht ist und weil sie als Feinde des Naziregimes gelten. Die Verbitterung über das Treiben der Nazis bleibt jenseits der Heimat bestehen.

Während für die einen Schriftsteller wie Marcuse der Ort Sanary-sur-Mer sogar zur Heimat wird, meinen andere wie Lion Feuchtwanger, dass deutsche Schriftsteller nach Deutschland gehören. Dieses verdeutlicht, dass die Exilzeit nicht eine selbstgewählte Urlaubszeit im schönen Südfrankreich ist, obwohl Lion und Marta Feuchtwanger hier glückliche Jahre verbringen. Hier müssen sie oder wollen sie am Ende sogar bleiben und hier müssen sie zwangsweise wieder weg.

Denn mit dem Kriegsbeginn werden die Verfolgten auch in Sanary-sur-Mer zu neuen Verfolgten, werden die Feinde des Naziregimes zu Feinden von Frankreich. Sie werden verhaftet. Die Ziegelei in Les Milles wird zum provisorischen Lager. Es sind unhaltbare Zustände in diesem sogenannten „Intellektuellenlager“, wo Lion Feuchtwanger, Franz Hessel und andere Schriftsteller inhaftiert sind.

Für die Schriftsteller ist nicht nur die Internierung lebensbedrohlich. Diese sogenannte Zone libre, steht unter der Kontrolle von Marschall Philippe Pétain. Die Autorin macht mit dieser Ausführung die Todesgefahr für die jüdischen Schriftsteller deutlich. Denn unter der Vichy-Regierung werden die Juden verfolgt und in die Vernichtungslager deportiert.

Die Exilanten, die aus dem Lager freikommen, sind zur weiteren Flucht gezwungen. Der Ort Sanary-sur-Mer ist ein Glücksfall, da er bei der Hafenstadt Marseille liegt. Und diese ist der Dreh- und Angelpunkt, um nach Übersee zu kommen.
Die Autorin führt zwei Romane an, die die Schwierigkeiten der Exilanten zur Flucht verdeutlichen. Es handelt sich hierbei um Anna Seghers Roman „Transit“ und „Die Nacht von Lissabon“ von Erich Maria Remarque.
In beiden Romanen wird der im Buch genannte Aspekt, dass Sanary-sur-Mer zum Wartesaal wird, stark verdeutlicht. In „Transit“ zermürbt das Warten auf die überlebensnotwendigen Papiere die Menschen, in „Die Nacht von Lissabon“ geht es ebenfalls um die rettende Flucht nach Übersee in die USA. Doch die sie in Sicherheit bringenden Papiere fehlen.

Die aus Sanary-sur-Mer, die es nach Übersee schaffen, treffen sich fast alle in Los Angeles wieder. Lion Feuchtwanger spricht von einem „gigantischen Sanary“, das jedoch eher einem städtischen Moloch gleicht, statt dem beschaulichen Sanary-sur-Mer, wo das Zusammenrücken und der Austausch zwischen den Literaten aufgrund der kurzen Distanzen möglich gewesen ist.  Hier ist Mobilität gefordert, die die mittellosen Schriftsteller sich nicht leisten können. Ein Brückenschlag zum Café du Dôme ist für diese ausgeschlossene Gruppe nicht möglich. Wer ein literarischer Star ist, lebt hier in diesem sogenannten „gigantischen Sanary“ wieder im Glamour. So beziehen Thomas Mann und Lion Feuchtwanger jeweils eine Villa in Pacific Palisades.

Dieser Kontrast zwischen den beiden Sanarys verdeutlicht, wie wichtig der literarische Zusammenhalt in der Fremde ist. So zitiert die Autorin Will Schaber, den Gründer der deutsch-jüdischer Exilzeitung „Aufbau“, der sagt: „in Sanary lebt ein Stück deutscher Literaturgeschichte …“. Daher ist der im Jahr 1999 eingeweihte Rundweg in Sanary-sur-Mer mit Informations- und Gedenktafeln ein literarischer Glanz auf dem Pflaster dieser kleinen südfranzösischen Stadt. Die Tafeln geben einen Einblick in die Seele der Exilanten, für die Sanary-sur-Mer ab 1933 bis 1942 zur zweiten literarischen Heimat geworden ist.

Magali Nieradka-Steiner verdeutlicht mit ihrem Buch Exil unter Palmen. Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer nicht nur die Spannungen, die sich aufgrund der Flucht der Künstler ergeben. Sie zeigt die unterschiedlichen Charaktere auf, die sich zum einen darin zeigen, dass die einen wie die Feuchtwangers die Stille und den südfranzösischen Ort mit den mediterranen Gärten genießen, während die anderen das alte Leben und den Glamour vermissen. Auch politisch sind sie streitbar, die Autoren. Insbesondere zeigt sich dieses an Klaus Mann und dem Streit mit Gottfried Benn.

Die Autorin veranschaulicht auch, dass der sonnige Ort zwar zum Schreiben animiert, aber dieser sonnige Aufenthaltsort auf der Durchreise lange Schatten wirft. Walter Benjamin und Klaus Mann begehen Selbstmord, Franz Hessel verstirbt vor Ort und andere, die haben wir einfach vergessen wie Erich Klossowski.
Und der Maler Rudolf Levy, der diesen Ort entdeckt haben soll, der stirbt in Auschwitz.

Magali Nieradka-Steiner ist ein kraftvolles und sehr gut recherchiertes Buch über die deutschen Exilanten in Sanary-sur-Mer gelungen. Ein Buch, das ganz private Einblicke in die Lebens- und Alltagswelt der Künstler gibt. Das ihre Glücksmomente sowie ihre Seelenzustände und ihre  Alltagsveränderungen aufzeigt. Mit dem Buch werden die unterschiedlichen Motive der Schriftsteller deutlich, die sich mal für kurze Zeit oder aber auch für Jahre in Südfrankreich aufhalten. Insbesondere diese Hintergrundgeräusche machen das Buch so lesenswert.

Die Buchgestaltung trägt mit dazu bei, dass die Aufmerksamkeit hoch bleibt. Da sind die transparenten Fotografien als Hintergrund für die Einleitung in ein neues Kapitel zu nennen. Da gibt es Fotografien, die wirken wie Urlaubsfotos von Sanary-sur-Mer, vom entspannten Liegen am Strand, von einer Party bei William Seabrook. Es gibt Porträtaufnahmen von Autoren wie Erika und Klaus Mann mit ihrem persönlichen Reiseführer „Was nicht im Baedeker steht, Riviera“ und von Aldous Huxley, von Walter Benjamin und anderen. Auch unbeschwert wirkende Aufnahmen von der Kirmes und von Orten wie Hotels. Daneben Fotos mit Abgründen wie von Lion Feuchtwanger im Internierungslager von Les Milles.
Die Fotos laden zum Verweilen und Nachdenken ein. Sie sind ein sehr guter begleitender Effekt, um die Atmosphäre während der Exilzeit zu spüren.
Die am Ende des Buches zusammengestellte bibliografische Auswahl animiert zudem zur weiteren Literaturerkundung.

Magali Nieradka-Steiner, Exil unter Palmen. Deutsche Emigranten in Sanary-sur-Mer, 2. durchgesehene Aufl. 2022 (1. Aufl. 2018), 272 S. mit 32 s/w Abb., Bibliogr. und Reg., 14,5 x 21,5 cm, kart. wbg Paperback, Darmstadt, 20 EUR, ISBN 978-3-534-27395-9

© Soraya Levin


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