Im Winter ein Jahr

zum Film von Caroline Link

© Jumbo Neue Medien

Im Winter ein Jahr, Caroline Links erfolgreiche Verfilmung nach Scotts Campbells Roman Aftermath als grandioses Hörkino.

Es ist die Geschichte einer in München lebenden gutbürgerlichen Familie, über die, wie ein Damoklesschwert, der Selbstmord des Sohnes Alexander schwebt. Niemand soll wissen, dass es ein Selbstmord war, niemand das Bild dieser trügerischen heilen Welt stören. Die Eltern sprechen vom Jagdunfall. Das tragische Ereignis ist jetzt ein Jahr her als Eliane Richter bei dem Maler Max Hollander ein Bild in Auftrag gibt. Er soll ihre beiden Kinder malen. Die Kunst, Tanz und Theater studierende einundzwanzigjährige Lilli und den 19-jährigen toten Alexander. Die spröde und ruppige Lilli wird ihm, dem Künstler, Modell sitzen, ihm behilflich sein, aus den Fotos des toten Bruders das passende auszuwählen. Max Hollander tut sich schwer ihre Gesichter zu malen. Seine Leinwand bleibt lange Zeit leer und füllt sich erst, als sich aus der anfänglichen Widerspenstigkeit zwischen ihm und Lilli eine enge Bindung entwickelt. Nun holt er ihr Inneres aus dem Schattendasein. Unter ihrer Oberfläche verbirgt sich eine empfindliche Lilli, die sich dem Druck und den gewaltigen Ansprüchen ihrer Eltern nicht gewachsen sieht. Sie kann nicht so sein wie ihr toter Bruder, der im Sportinternat immer höchste Leistungen brachte, der immer funktionierte, „nur einmal ist er ausgebrochen, das war endgültig.“ Sie ist wütend über seinen Ausbruch, wütend und traurig und auf der Flucht vor dem toten Alexander. Sie fühlt sich schuldig. Ihr Gefühlsleben ist durchlöchert, sie sucht doch nur ein bisschen Liebe und glaubt diese in Aldo zu finden. Wie eine Klette heftet sie sich an ihn, doch er, er kann ihr Klammern und ihre extreme Nähe nicht ertragen. Und die Eltern. Ihre Ehe liegt seit dem Tod des Sohnes in den letzten Zügen, ihr Alltag und ihre Show nach außen überlagern ihre Emotionen, für die in ihrer Welt kein Raum ist. Nur einmal – ganz kurz – da bricht es aus Eliane heraus, der Vorwurf an Thomas und Thomas, der weint.

Max Hollander glättet mit seinem Bild die empfindsamen Risse hinter Lillis und Alexanders Gesicht und öffnet für sich den Blick auf seine eigene Geschichte, die von Verlust gezeichnet ist.

Fazit

Im Winter ein Jahr
erzählt über eine gut bürgerliche Welt, in der kein Raum für Emotionen bleibt. In der nur Leistung und Erfolg zählen. Eliane und ihr Mann Thomas vergessen darüber die Gefühlswelt ihrer Kinder. Die heile Welt bricht mit dem gesellschaftlich nicht akzeptablen Selbstmord Alexanders auseinander. Der Tod als letzte Lösung in einer gefühlsleeren kontrollierten Welt, als letzte vollendete Leistung. Der Maler Max Hollander entblättert die Familienfassade, die nicht nur die Schuld und den Schmerz sichtbar werden lässt, sondern auch seinen eigenen Schmerz.

Im Winter ein Jahr öffnet atmosphärisch gestimmte klangvolle Hörbilder und zeichnet durch die Erzählstimme von Barbara Nüsse und die vitale Sprache der Originalstimmen der Schauspieler ein lebendiges Kopfkino einer sehr persönlichen und bewegenden Erzählung über bürgerliche Enge, Freiheit, Ausbruch, Trauer und Schuld.

Im Winter ein Jahr
, 2 Audio-CDs, Das Original-Hörspiel zum Film, Nach e. Drehbuch v. Caroline Link und dem Roman v. Scott Campbell, von Caroline Link (Autor), Karoline Herfurth (Herausgeber), Barbara Nüsse (Sprecher), Corinna Harfouch (Sprecher), Josef Bierbichler (Sprecher), Hans Zischler (Sprecher), Misel Maticevic (Sprecher), Gesamtspielzeit : 02:19:36, Verlag: Jumbo Neue Medien, Hamburg 2008, € 14,95 UVP, ISBN-13: 9783833722899

© Soraya Levin