Die Stimmen der Tiere: Europa

Cord Riechelmann

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Cord Riechelmanns tierische Enzyklopädie Die Stimmen der Tiere ist eine klangvolle Reise durch fünf Kontinente. In diesem Teil führt Cord Riechelmanns tierische Klangreise nach dem vielgestaltigen Kontinent, nach Europa.

Der Eingriff des Menschen in den natürlichen Lebensraum führt zum Wandel oder gar zur Vernichtung von ökologischen Nischen und zwingt die Lebewesen zur Anpassung. Am besten hat sich das Wildschwein in den europäischen Kulturraum eingewöhnt. Seine Nischen sucht es sich sogar in Großstädten wie Berlin, wo das schweinische Grunzen manch einen Städter ganz schön erschrecken kann. Aber keine Angst, Wildschweine sind im Allgemeinen sehr friedliche Tiere und ihr Gegrunze dient allein dem Gruppenzusammenhalt. Sensibler Abstand ist jedoch gegenüber den Frischlingen geboten, da man es leicht mit einer äußerst kampfmutigen Wildschweinmutter zu tun bekommen kann.

Die Jägerin wird selbst zur Gejagten, wenn sie beim Eurasischen Wolf auf der Speisekarte steht. In Mittel- und Westeuropa lange Zeit nicht mehr heimisch, kehrt er nun mit seinem Furcht einflößenden Geheul zurück. Ein Ruf, mit dem die Gruppe zusammengehalten wird. Oft hört man ihn aber auch hundeartig bellen oder knurren.

Viel leidenschaftlicher und wohlklingender sind hingegen die an Gänselaute erinnernden Duette der Singschwäne. Ihr umfassendes Lautrepertoire nutzen sie nicht nur, um sich die Zeit zu füllen sondern insbesondere um ihre Gefühle und Leidenschaft für ihren Partner auszudrücken.

Mucksmäuschenstill scheint hingegen die Nordische Wühlmaus. Ihre hohen fiependen Töne sind für die menschlichen Ohren kaum hörbar, aber für die Mäuse eine Überlebensgarantie. Denn wenn ein Fiepen verstummt, ist Gefahr im Verzug. Vielleicht durch die Schnee-Eule, deren Hörvermögen auch über weite Distanzen sehr gut ausgeprägt ist und die sich mit ihren lautlosen Flügelschlägen ungehindert ihrem Opfer nähern kann. Ihr Ruf ähnelt einem pfeifenden Fiepen. Nur während der Brutzeit ist er etwas dumpfer.

Ein furioses und lebhaftes melodisches Konzert liefert dagegen die Nachtigall. Die schlauen Männchen haben zur Gefahrabwehr in ihren Gesang Töne mit auf genommen, die für Katzenohren äußerst unangenehm sind. Um der Gefahr zu trotzen, heißt es also singen.
Ihre melodiöse Coloratur besteht aus über 200 Strophen, mit denen sie nicht nur die Weibchen anlocken, sondern auch in den musischen Wettstreit mit ihrer Konkurrenz treten.

Weniger virtuos aber doch nicht zu verwechseln sind die zweisilbigen Laute des Kuckucks. Ziemlich faul nutzt er andere aus und legt seine Eier gern in das Nest des Teichrohrsängers, der dann ahnungslos die fremde Vogelbrut großzieht.

Manchmal ist auch der Regenruf des Buchfinken nur zweisilbig. Auch wenn der Regenruf bei allen Arten angeboren ist und gleich klingt, so ist der Buchfink jedoch ein wahrer Sänger von Dialekten. Je nach Region prägt er seinen erlernten Gesang aus.

Ein wahres Crescendo bieten die Rotkehlchen, die mit Vorliebe die trommelnden Wolfsspinnen verspeisen.
Nicht trommelnd aber schmatzend und knabbernd sind die tagaktiven Eichhörnchen zu hören, die über ein abwechselungsreiches Lautrepertoire verfügen. Und hört man es am späten Abend und in der Nacht im Garten rascheln und keckern, dann ist vielleicht ein Igel zu Besuch.

Fazit

Die Stimmen der Tiere: Europa
ist eine ausdrucksvolle Stimmungsreise durch die europäische Lautwelt. Wie schon der asiatische Kontinent präsentiert auch der europäische Kontinent sein eigenes spezielles Klangorchester.
Die europäische Kulturlandschaft hat die Lebensräume für die Tiere sehr stark nachhaltig verändert. Manch einer hat sich entschlossen angepasst wie das Wildschwein und manch einer kehrt als einstiger Mythos wieder zurück, der Wolf.

Die Stimmen der Tiere: Europa ist nach Die Stimmen der Tiere: Asien ein weiterer ansprechender Einblick in die tierische Natur, die die Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Umgangs mit unseren Lebensräumen durchs Hören sichtbar macht.

Cord Riechelmann, DIE STIMMEN DER TIERE: EUROPA, Mit Kommentaren von Hanns Zischler, Jewelbox in Schuber, Spieldauer 73 Min., KEIN & ABER Records Zürich 2008, ISBN: 978-3-0369-1183-0, 14.90 €, 24.90 CHF

© Soraya Levin