Der weiße Dampfer

Tschingis Aitmatow

© GoyaLit

Es könnte ein Paradies sein. Das Naturreich am kirgisischen Issyk-Kul, einem Gebirgssee, umgeben von einem gewaltigen bewaldeten Bergmassiv. Mittendrin eine kleine Försterei, die drei Familien und einen kleinen Jungen beherbergt. Er ist sieben, seine Mutter hat ihn beim Großvater Momun zurückgelassen, sein Vater fährt als Matrose auf dem weißen Dampfer zur See. In seiner Einsamkeit träumt er sich in eine Welt, wo die Natur zu lebendigen mit ihm sprechenden Figuren wird, wo er als Fisch im Issyk-Kul zum weißen Dampfer, zu seinem Vater schwimmt und ihm erzählt. Erzählt von seiner Einsamkeit, seinem stillen Weinen in den Estragonsträuchen und seiner Verzweiflung nicht dazu zu gehören. Ein Fremder für die Großmutter zu sein, wo er doch nicht fremd sein möchte. Seiner Ohnmacht und Wut über den unbarmherzigen Onkel Oroskul. Der böse Oroskul, eiskalt und ohne Gefühl, beschimpft seine Frau als „unfruchtbare Hündin“, prügelt auf sie ein, demütigt und quält den gutmütigen und nimmermüden Großvater Momun. Momun, fleißig und nie ein Widerwort oder ein Aufbegehren, Momun, der alles verzeiht, Momun, den alle verspotten, Momun, dessen bescheidenes Glück einzig der Enkel, der siebenjährige einsame Junge ist. Momun schuftet tagein und tagaus für Oroskul, hilft ihm selbst die illegal geschlagenen Bäume im Naturschutzgebiet weg zu transportieren. Bei einem Baumtransport riskiert er sein Leben. Als wie aus dem Nichts Marale auftauchen, glaubt er an ein Wunder. Denn laut der Überlieferung stammt ihr Volk von der gehörnten Hirschmutter ab. Die gehörnte Hirschmutter, die sich vor vielen Jahren aus Kummer über die menschlichen Grausamkeiten von ihnen abgewandt hat. Nun ist sie wieder da und mit ihr scheinbar auch Hoffnung und Glück. Momun hat plötzlich die Kraft und lehnt sich zum ersten Mal in seinem Leben auf. Er widerspricht Oroskul, um seinen Enkel von der weit entfernten Schule abzuholen. Eine Auflehnung, der eine Tragödie folgt. Oroskul übt Vergeltung. Er zwingt den Großvater auf die gehörnte Hirschmutter zu schießen. Der Tod der Hirschmutter, die mit einem Besäufnis und Geschrei verspeist wird, treibt den Großvater an die Grenze seiner Leidensfähigkeit. Aber nicht nur ihn. Auch den siebenjährigen Jungen, der im Anblick des kraftlosen Großvaters und der toten gehörnten Hirschmutter seinen Lebensmut verliert. „Ich werde ein Fisch, ich schwimme davon“, „Sei gegrüßt weißer Dampfer, ich bins.“

Fazit

Tschingis Aitmatows Novelle zeigt in ihrer emotionalen Dichte gnadenlos die menschliche Hilflosigkeit und die menschlichen Schwächen. Die kraftvoll ausgemalte Natur am Issyk-Kul und ihr Gegenüber das stille Verzweifeln eines kleinen siebenjährigen Jungen. Ein Fremder, ja, ein Namenloser, dessen Findlinge und Blumen ihm helfen, seine Einsamkeit zu ertragen. Ein Junge, der mit ansehen muss, wie der einzige Mensch, von dem er geliebt wird, sein Großvater, gequält, gedemütigt und unterdrückt wird. Ein Junge auf der Suche nach Gerechtigkeit und wärmender Liebe, dessen einziger Ausweg darin besteht, dem glücklosen Leben davon zu schwimmen.

Eine unbeschreiblich kraftvolle Novelle, die zeigt, dass die Guten nur im Märchen siegen, die Realität sie aber verschlingt. Mit großer einzigartig glänzender Sprachkraft äußerst gefühlvoll und szenisch stimmungsvoll von Dieter Wien gesprochen.

Tschingis Aitmatow: Der weiße Dampfer, 4 CD, Gesamtspielzeit ca. 230 Minuten, Hamburg 2007, GoyaLit aus dem Hause JUMBO Neue Medien & Verlag GmbH, ISBN 978-3-8337-1884-7, € 19,95

© Soraya Levin