Insider-Outsider

IFADE (Hrsg.)

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Thema

Ereignisse wie der 11. September 2001 haben auch in Deutschland die Diskussion über das Aufeinandertreffen unterschiedlicher Kulturen und Religionen in den Vordergrund gerückt. Denn mit der Anwerbung der sogenannten Gastarbeiter in den 60er Jahren - und hier überwiegend aus der Türkei - trafen auch zwei Kulturen aufeinander. Beinahe jeder vierte Ausländer in Deutschland ist türkischer Abstammung, es gibt mit Berlin-Kreuzberg das größte türkische Stadtviertel außerhalb der Türkei. Bei den Angeworbenen ging man noch davon aus, dass sie nach einiger Zeit in ihr Heimatland zurückkehren. Die Kinder der türkischen Arbeitsmigranten sind aber überwiegend in Deutschland geboren und aufgewachsen. Aus einem vorübergehenden Aufenthalt ist ein dauerhafter Aufenthalt geworden. Ist es aber gelungen, die türkischen Gastarbeiter und die zweite Generation in die deutsche Gesellschaft aufzunehmen? Oder sind die Migranten der ersten und zweiten Generation ausgegrenzt und wenn ja, welche Folgen zieht das nach sich? Oder haben sie sich selbst abgegrenzt und leben in ihrer eigenen Gesellschaft? Wie hat man die unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen aufeinander abgestimmt? Gibt es bei den Deutschen und bei den Türken noch klischeehafte Vorstellungen voneinander und wie nimmt man sich eigentlich selbst wahr?

Das Buch Insider - Outsider greift Facetten dieser Fragen auf. Elf Wissenschaftler mit Migrationshintergrund liefern mit dem Sammelband eine materialreiche Untersuchung zum Thema türkischer Migranten in Deutschland. Sie bearbeiten u.a. folgende AspekteIdentitätsentwicklung,

Beziehung zwischen den Generationen,

Rassismus und Selbst- und Fremdzuweisung,

Zugehörigkeitsempfinden,

politische Teilhabe und

ethnische Netzwerke. IFADE, gegründet 2002 in Berlin, ist ein internationales und interdisziplinäres Forum junger ForscherInnen und WissenschaftlerInnen in Deutschland mit Migrationshintergrund.

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel.Im ersten Kapitel geht es um den Rollenkonflikt innerhalb der Generationenbeziehung am Beispiel einer Mutter-Tochter-Beziehung, um Probleme bei der Identitätsfindung, um Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie um Ausgrenzungsprozesse.

Das zweite Kapitel untersucht die politische und ökonomische Einbindung der türkischen Migranten. Untersucht wird die Beziehung zwischen Mann und Frau und ihrer Einbindung in die Arbeitswelt, die Selbstorganisation und die Mitarbeit türkischer Migranten in den gewerkschaftlichen Organisationen und Parteien. Es geht aber auch um türkische Minderheiten wie die der Kurden und ihre Einordnung und Wahrnehmung innerhalb der deutschen Gesellschaft.

Das dritte Kapitel beschreibt die Probleme der türkischen Zuwanderer und ihrer Einbindung in das Bildungssystem mit den Folgen für den Schulbesuch und die Chance auf Arbeit. Gefragt wird aber auch nach dem Verhältnis zu anderen gesellschaften Gruppen und der spürbaren Diskriminierung.Inhalt

Wie funktioniert die kulturelle Vermittlung zwischen Mutter und Tochter und wie ist die Reaktion darauf?
Diesen Fragen geht die Autorin Asiye Kaya im ersten Teil des Buches nach. Sie stellt einen Zusammenhang zwischen Kulturübertragung und Ausgrenzung her, indem sie auf die verschiedenen sozialen Räume von Mutter und Tochter hinweist. Die Mutter ist mit der alten Tradition behaftet und in ihr relativ stabil. Die Tochter ist, in dem sie die Schule besucht, in die lokale Gesellschaft eingebunden. Mutter und Tochter tauschen ihre jeweiligen Lebenserfahrungen aus. Nicht nur die Mutter gibt damit ein Stück Kultur weiter, sondern auch die Tochter. Das Selbstverständnis der Tochter ändert sich mit dem Beginn der Pubertät und dem Tragen des Kopftuches. In der Schule erfährt sie Ausgrenzung und Diskriminierung. Sie zieht sich stärker auf die Familie und die Religion zurück. Der Rückzug führt zur Abgrenzung gegenüber der deutschen Kultur und Gesellschaft.

In dem zweiten Aufsatz von Halil Can geht es ebenso um Familienstrukturen und Identitätsfindung. Der Autor zeigt auf, dass der Verlust von "Heimat" und von "Zugehörigkeit" zur Verfestigung der Familienstrukturen führt. Viele Migranten haben weiterhin eine enge Beziehung zur Türkei. Sie pendeln als Urlauber oder Rentner. Die zweite und dritte Migrantengeneration - die Kinder und Enkelkinder - entwickeln nach Ansicht des Autors hierdurch unterschiedliche Zugehörigkeitsgefühle und Kulturvorstellungen. Zudem nimmt die deutsche Gesellschaft Migranten mit deutscher Staatsbürgerschaft weiterhin als Türken wahr. In der Türkei sind sie hingegen Türken, die aus Deutschland kommen. Halil Can sieht in der verschiedenen Selbst- und Fremdzuschreibung die Ursache für den Identitätsverlust vieler Migranten. Die Folge ist eine Rückbesinnung auf die Familie und türkische Traditionen.

Im Folgenden stellt Nevim Cil einen Zusammenhang zwischen der Ausgrenzung der türkischen Kindergeneration aus der deutschen Gesellschaft und der Wiedervereinigung her. Cil zeigt auf, dass die erste Generation sich selbst außerhalb der Gesellschaft gesehen hat. Identität hat sie über die Arbeitswelt hergestellt. Die zweite Generation identifiziert sich aber teilweise mit der deutschen Gemeinschaft. Mit der Wiedervereinigung und dem Slogan "Wir sind ein Volk" fühlen sich die Kinder der Migranten aus der deutschen Gemeinschaft ausgegrenzt und nicht mehr zugehörig. Nevim Cil zieht hieraus den Schluss, dass die zweite Migrantengeneration ihre Identität damit verliert und sich wieder auf die traditionellen Werte der Eltern besinnt. Die Folge sind neue soziale Räume. Die Türkei wird von der Zweiten Generation als "Heimat" wiederentdeckt.

Auch Semra Celik befasst sich in ihrem Aufsatz mit der Identitätsbestimmung. Sie erörtert, dass aufgrund des türkisch-deutschen Beziehungsgeflechts die Auswahl an Einordnungs- und Zugehörigkeitsmöglichkeiten für die Migrantenkinder sehr groß ist. Die Autorin fragt sich, wie es aber dennoch zur Entstehung eines mit positiven Bildern wie Gastfreundschaft besetzten türkischen WIR-Gefühls kommt. Die Ursachen sieht sie in der gefühlten und erlebten Ausgrenzung der zweiten Migrantengeneration aus der deutschen Gesellschaft.

Die Autoren des zweiten Buchkapitels greifen die Identitätsbildung vor dem Hintergrund der politischen und wirtschaftlichen Teilhabe auf. Die Autorin Esra Erdem ist der Meinung, dass gemeinschaftliche Identität durch gleiche Migrationserfahrung hergestellt wird. Aufgrund der schlechten Arbeitsmarktsituation für Migranten, konzentrieren sich diese auf die ethnischen Ökonomien. Voraussetzung für das Funktionieren von ethnischen Ökonomien sind weniger die räumlichen Bindungen sondern die sozialen Netzwerke der türkischen Gemeinschaft. Diese beruhen unter anderem auf Gegenseitigkeit, Vertrauen und Verpflichtungsgefühlen. Identitätsstiftend wirkt laut Esra Erdem darüber hinaus die nach außen sichtbare traditionelle Rolle der Frau.

Die schlechte Arbeitsmarktsituation fließt auch in dem Thema von Gökce Yurdakul mit ein. Sie geht der Frage nach, wie türkische Arbeitnehmer in die deutsche Arbeiterklasse und ihrer Vertretung - der Gewerkschaften - integriert sind. Sie untersucht die Auswirkungen der Konzentration auf die Minderheitenpolitik in Europa. Gökce Yurdakul zeigt auf, dass mit der europäischen Politik der Konzentration auf Minderheitenrechte eine Verlagerung von Arbeitnehmerrechtsfragen von Migranten auf staatsbürgerliche Rechtsfragen wie Gleichberechtigung und politische Teilhabe stattgefunden hat. Themen wie Ausgrenzung und Migrantenarbeitslosigkeit werden nun überwiegend in staatlichen Einrichtungen wie die der Migrantenvereinigungen gelöst.

Die europäische Minderheitenpolitik wird jedoch durch die kurdische Bewegung in Frage gestellt. Bülent Kücük beschäftigt sich mit der kurdischen Frage und ihrem Bild in der deutschen Öffentlichkeit. Der Autor zeigt auf, dass es der kurdischen Bewegung nicht um Minderheitenrechte im deutschen Raum geht, sondern um Minderheitenrechte im Heimatland.

Im dritten Teil des Sammelbandes setzt sich Jennifer Petzen mit der Sicht auf den Migrantensexismus auseinander. Sie vertritt die Meinung, dass das Bild männlicher Migranten von vielen politischen Gruppen wie auch der Schwulen-Lesben Szene oft mit Gewalt und Religiosität besetzt wird. Daraus folgert die Autorin, dass die Bedrohung der eigenen Identität dazu führt, dass Muslime zu "Anderen" gemacht werden. Verstärkend wirkt zudem, dass die niedrige soziale Stellung der türkischen Frau mit der muslimischen Kultur verbunden wird. Mit den Fragen nach Menschenrechten findet laut der Autorin eine Verlagerung von der sozialen Stellung der Frau auf die Homosexuellen statt. Jennifer Petzen vertritt die Meinung, dass die soziale Stellung der Homosexuellen dazu benutzt wird, um die Rückständigkeit und Andersartigkeit der muslimischen Kultur deutlich zu machen. Rassismus in der Schwulenszene ist ihrer Ansicht nach, nicht von der Hand zu weisen.

Rassismus ist auch ein Thema von Kien Nghi Ha. Der Autor zeigt auf, dass Kultur und Identität als eine Einheit betrachtet werden. Türken gelten - auch wenn sie die deutsche Staatsbürgerschaft haben - weiterhin als Türken. Kien Nghi Ha betont, dass die Migranten dadurch gezwungen sind, sich in dem "Ursprungsheimatland" einzuordnen. Die Folge ist eine strukturelle Diskriminierung, die deutlich wird an der geringen politischen Teilhabe, an sozialen Rechtsfragen und an dem Kulturaustausch.

Wie wichtig die Identitätsbildung und die Identifikation mit der örtlichen Gemeinschaft ist, zeigt Bruce M.Z. Cohen am Vergleichsbeispiel türkischstämmiger Jugendlicher in Deutschland und pakistanischer Jugendlicher in England auf. Cohen stellt die Gemeinsamkeiten beider Migrantengruppen und die Gründe für die unterschiedliche Entwicklung in dem jeweiligen Gastland dar. In Deutschland zeigt sich die türkische Migrantengruppe weniger integriert. Dieses ist am geringen Bildungsstand sowie der geringen Arbeitsmarktchancen türkischer Jugendlicher auszumachen. Nach Ansicht des Autors ist der Umgang mit den Staats- und Zuwanderungsrechten entscheidend für die Integration. So führt nach Meinung von Bruce M.Z. Cohen der Mangel an der politischen Partizipation in Deutschland zur Ausgrenzung der türkischen Migranten. Cohen vermutet auch, dass das deutsche Schulsystem dazu beiträgt, die Benachteiligung von sozial schwachen Gruppen zu verstärken. Der Autor ist der Überzeugung, dass sich langfristig die Spaltung zwischen der deutschen Gemeinschaft und den türkischen Migranten vergrößert. Die Folge ist eine stärke Identifikation der türkischen Migranten mit der Türkei und ihren Traditionen.

Safiye Yildiz betrachtet das Thema Identitätsbildung und Gesellschaftsspaltung aus interkultureller Sicht. Sie geht der Frage nach, ob und in welcher Art pädagogische Ansätze wie der multikulturelle Ansatz zur weiteren Gesellschaftsspaltung und zur Bildung von Parallelgesellschaften beitragen. Sie behauptet, dass die bisherigen Erziehungskonzepte aufgrund der begrifflichen Trennung von Kultur und ethnischer Herkunft zur Stärkung des Nationalgefühls und der Gruppentrennung beitragen. Die Folge ist eine weitere Spaltung der Gesellschaft in Deutsche und Migranten. Die pädagogischen Ansätze werden ihrer Meinung nach politisch instrumentalisiert. Der Begriff Kultur gewinnt an Bedeutung. Die Folge ist, dass Migrationsprobleme lediglich vom nationalen Standpunkt aus behandelt werden. Der Kulturbegriff dient damit letztlich als Erklärungsmuster für soziale Handlungen und Haltungen und für auftauchende strukturelle Probleme.

Diskussion

Im Ergebnis des Sammelbandes zeigt sich, dass die strukturelle Integration der türkischen Migranten in Deutschland gering ausgeprägt ist. Die türkischen Migranten haben eine eigene Identität entwickelt, die sich über die Religion und Identitätsmerkmale wie Charaktereigenschaften definiert. Tatsache ist, dass die Fehleinschätzungen und Versäumnisse der Politik sich als integrationshemmend gezeigt haben. Lange Zeit wurde nicht wahrgenommen, dass Migranten auf Dauer nach Deutschland kommen. Weiterhin Fehlen aber bedarfsgerechte Lösungen für Migrationsprobleme. Die Politik sollte sich dafür aussprechen, Identität nicht mehr nur in Bezug auf den ethnischen Hintergrund zu diskutieren. Eine Verlagerung der Diskussion auf familiäre und soziale Hintergründe wäre sicherlich integrationsfördernd. Es ist zudem sicherlich unbestreitbar, dass mit der Annahme der deutschen Staatsbürgerschaft türkischstämmige Migranten nicht ad hoc als Deutsche in der Gesellschaft gesehen werden. Dennoch ist es berechtigt zu sagen, dass mit der deutschen Staatsbürgerschaft ein grosser Schritt in Richtung Integration von statten geht. Denn mit der Übernahme staatsbürgerlicher Rechte geht politische Partizipation, Mitgestaltung und Gleichberechtigung und damit mehr wie nur ein Gefühl von Teilhabe an der Gemeinschaft einher. Politik und Vertreter der Minderheiten sollten Migranten in diese Richtung motivieren.

Zu hinterfragen bleibt auch das Geschlechtsrollenverständnis von türkischen Migranten. Ausschließlich die herkunftsspezifische Perspektive zu beleuchten, reicht meiner Meinung nach nicht aus. Das soziale Umfeld und der soziale Status müsste mit in die Betrachtung einbezogen werden, da das Milieu für die Rollenbildung mitentscheidend ist.

Zu bedenken ist auch, dass die türkischen Migranten ethnische Netzwerke vorfinden, die zweifellos sehr hilfreich und unterstützend sein können. Sie können aber auch einer Integration entgegenwirken, da sie eine Integration in die deutsche Gemeinschaft überflüssig machen. An dieser Stelle ist zu überlegen, welche Voraussetzungen notwendig sind, um "ausgrenzende" ethnische Netzwerke zu ersetzen.

Für eine erfolgreiche Integration ist aber auch der Zugang zum Arbeitsmarkt entscheidend. Es ist daher unerlässlich, die Bildungschancen von sozial Benachteiligten, wozu auch Migrantenkinder gehören, zu verbessern. Bedenklich ist es, wenn türkische Migranten mit Attributen wie Gewalt und Religiosität besetzt werden. Viele gläubige Muslime stellen keine Gefahr für die Gemeinschaft dar und leben friedlich in ihr. Problematisch sind aber zugegebener Maßen weiterhin Themen wie Homosexualität und Emanzipation der Frau. Eine offene Gesellschaft und alle, die in ihr leben, müssen den Diskurs an dieser Stelle ertragen. Zudem darf aber eine demokratische Gesellschaft religiösen und reaktionären Gruppen, die antisemitisch oder antidemokratisch sind und die Trennung von Staat und Religion nicht akzeptieren, keinen Freiraum geben. Akzeptanz endet dort, wo die demokratischen und freiheitlichen Grundwerte in Frage gestellt werden. Berechtigterweise ist auch zu fragen, wie sich die türkischen Migranten selbst in die Gemeinschaft einordnen. Was tragen sie selbst mit bei, um eine erfolgreiche Integration zu gewährleisten?

Fazit

Bei den Aufsätzen wäre eine umfangreichere Analyse notwendig gewesen. Sie sind in ihrer Kritik sehr einseitig ausgerichtet. Es wird nicht danach gefragt, was die Migranten für ihre Integration geleistet haben oder leisten können. Der Blick richtet sich lediglich auf die Versäumnisse des Zuwanderungslandes. Insgesamt setzt aber gerade wegen der einseitigen Ausrichtung dieser Sammelband zur Minderheitenpolitik interessante und vielversprechende Diskussionsimpulse - und nicht nur für die Sozialwissenschaften. Schade, dass der Klappentext aber lediglich die Fachwelt anspricht. Für den "Normalbürger" klingt der Inhalt nicht sehr überzeugend. Dabei beschreiben die Autoren in ihrem gut lesbaren Sammelband Migrantenprobleme, die sicherlich Migranten und deutsche Gesellschaftsmitglieder ebenso interessieren.

Zu empfehlen für diejenigen, die der Überzeugung sind, dass ein friedliches Zusammenleben möglich ist.

IFADE (Hrsg.): Insider - Outsider. Bilder, ethnisierte Räume und Partizipation im Migrationsprozess. transcript (Bielefeld) 2005. 250 Seiten. ISBN 3-89942-382-8. 23,80 EUR.
Reihe: Kultur und soziale Praxis

© Soraya Levin