Ich fühl' mich nicht als Mörder

Christina Ullrich

Eine lesenswerte wissenschaftliche Diskussion zur Reintegration von NS-Tätern in die postnationalsozialistische Gesellschaft, die die verketteten Mechanismen einer Schuldverweigerung aufzeigt.

"…Die wirklich Schuldigen an den Verbrechen, die in der nationalsozialistischen Zeit und im Kriege begangen worden sind, sollen mit aller Strenge bestraft werden…".
Wie sah es aber tatsächlich mit der Strenge aus, die Konrad Adenauer hier in seiner Regierungserklärung vom 20. September 1949 einfordert?

Einleitung

Die Historikerin Christina Ullrich legt mit ihrer wissenschaftlichen Arbeit >>Ich fühl' mich nicht als Mörder<<, Die Integration von NS-Tätern in die Nachkriegsgesellschaft den Fokus auf die Beständigkeit gesellschaftlicher Strukturen in der nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland. Exemplarisch stehen hierfür 19 Täter mit ihren Lebensläufen, die nach dem biografischen Bruch durch den Krieg fast nahtlos wieder in die Gesellschaft integriert werden. Integration bedeutet aber die Täter sind ein Teil der Gesellschaft und haben entsprechend teil an ihr. Wie sahen die gesellschaftlichen Mechanismen aus, die diese Wiederteilhabe ermöglichten, die den Gestapo Chef von der SD Dienststelle Minsk Georg Heuser, beteiligt an der Tötung von Tausenden von Juden und weiteren als lebensunwert geltenden Menschen, zum Leiter des Landeskriminalamtes Rheinland-Pfalz werden ließen?

Methodik und Aufbau

Methodisch nährt sich Christina Ullrich dieser Frage mit Hilfe der Biografieforschung an. Die Lebensläufe der 19 exemplarischen Täter der mittleren NS-Führungsebene werden qualitativ rekonstruiert. Die Auswahl orientiert sich an Merkmalgemeinsamkeiten wie der Beteiligung zum gemeinschaftlichen Massenmord in den Ostgebieten sowie dem beruflichen Wiedereinstieg nach dem Krieg.
Die Arbeit gliedert sich in zwei Hauptteile. Der erste Teil hat die Täter im Blick. Im Fokus ist die postnazistische Zeit über die Entnazifizierung bis zur Wiedereingliederung in die Gesellschaft.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Verfolgung der NS-Straftaten. Hier liegt der Fokus auf der postnazistischen Gesellschaft und ihrer Haltung zu den Tätern in den 50er und 60er Jahren. Mit dem Aufkommen des Ulmer Einsatzgruppen- und des Auschwitz-Prozesses stellt sich die Frage, ob die prozessualen Strafverfolgungen zu einem biografischen Bruch geführt haben.

Inhalt

Bereits in der Übergangsphase von Kriegsende bis zur Entnazifizierung wird ein engmaschiges Netz, bestehend aus Tätern und der Gesellschaft sichtbar. Statt die Gräueltaten anzuprangern, wird die Tat gar nicht erst zur Kenntnis genommen oder die Täterschaft verharmlost und Zugehörigkeiten zu verbrecherischen Organisationen wie der Gestapo verwischt. Die Gesellschaft versucht sich von ihrer eigenen Schuld zu entlasten, in dem sie die Täter - und damit auch sich selbst - aus ihrer Verantwortung entlässt. Ein Konstrukt von Schuldigen wird geschaffen, der pathologische KZ-Täter. Die Einsatzgruppenmitglieder werden lediglich als verführte Gehilfen eines totalen Systems gesehen, die nur aufgrund des Befehlsnotstandes gehandelt haben. Persilscheine ehemaliger Kameraden und Fürsprecher aus der Gesellschaft formen ein idealisiertes Täterbild, das anknüpft an klassische bürgerliche Werte wie Anstand, Fleiß und Fürsorge für die Familie. Die Strafverteidiger benennen als Entlastung jüdische Kronzeugen.
Und selbst im verbrecherischen Morden ist der Täter wieder Opfer, da die massakrierte Zivilbevölkerung schlicht weg zu Partisanen erklärt wird. Die für die Entnazifizierung zuständigen Spruchkammern übernehmen nicht nur dieses positive Täterkonstrukt, sondern sie verstärken es auch noch, in dem sie den Völkermord mit einem ganz "normalen" Krieg gleichsetzen. Die beiden großen Kirchen leisten den Tätern ebenfalls Beistand und treten als ihre Fürsprecher auf. Die Verleugnung und Verdrängung der eigenen Schuld, einhergehend mit der Abwälzung auf Einzelne, führt dazu, dass sich die Täter und die Mehrheitsgesellschaft in solidarischer Einheit als Opfer der Siegerjustiz fühlen. Dieses zeigt sich in der erst in den 60er Jahren einsetzenden Verurteilungspraxis, die die Täter zu fast 90% als Gehilfen verurteilt sowie in der gesellschaftlichen Sicht, dass die Täter durch die Kriegsgefangenschaft und Internierungshaft genug Sühne gezeigt hätten. Die gesellschaftliche Maxime, die die Sühne für beendet erklärt hat, katapultiert die Täter gemeinsam mit der Politik wieder zurück in die Gesellschaft. Schwer Belastete werden ab 1949 durch die folgenden Amnestiegesetze zu freien geschätzten Bürgern. Salonfähige Bürger, die zurückkehren in ihre vor dem Krieg ausgeführten Berufe, vom Angestellten, über den selbstständigen Handwerker bis zum Beamten und hier insbesondere diejenigen bei der Kripo, die nun Karriere beim Bundesnachrichtendienst machen. Geschätzte Nachbarn, die sich überaus fürsorglich um die Jugend in den Vereinen kümmern.
Die Westintegration und der beginnende kalte Krieg entkoppeln die Entnazifizierung geradezu. Und mit dem Wirtschaftsaufschwung tritt an die Stelle einer Auseinandersetzung mit den NS-Tätern und ihrer Strafverfolgung eine Rückkehr in den normalen Alltag. Kennzeichnend hierfür ist auch der veränderte Sprachgebrauch hinsichtlich der Verbrecher, die nun nur noch Kriegsverurteilte heißen.
Eine vermeintliche Zäsur findet in den 60er Jahren mit dem Ulmer Einsatzgruppenprozess und dem Auschwitz-Prozess statt. Im Fokus der Öffentlichkeit sind jetzt erstmalig die Gräueltaten des Völkermords. Gleichzeitig beginnt die Debatte um die Verjährungsfrage von NS-Verbrechen.

In ihrer Schlussbetrachtung stellt Christina Ullrich fest, dass es eine Zusammenballung von Faktoren ist, die die Reintegration der NS-Täter nicht nur erleichtert, sondern forciert. Da ist die Restauration der kleinbürgerlichen Werte wie Anstand und Moral zu nennen, die auf die Täter übertragen werden. Ferner eine mehrheitsgesellschaftliche und täterbezogene Opferhaltung, die die Schuld abwendet und verharmlost und die Kriegsfolgen gegeneinander aufrechnet. Die Verbrechenssuche, insbesondere der Spruchkammern, richtet sich auf ein NS-Täterprofil, das sich