Henker und Opfer

George Bataille

© Matthes&Seitz

Die menschliche Wahrheit

Nach Auschwitz stellt sich die Frage nach dem Humanismus immer wieder neu. Welches Verständnis haben wir vor dem Hintergrund des Holocausts vom Menschen. „Ist das ein Mensch?“ fragt Primo Levi in seinem autobiografischen Roman. Und Jonathan Littel taucht in seinem jüngsten Buch „die Wohlgesinnten“ in die Tiefen des Täters ein und behauptet, es gibt keine Grauzone zwischen dem Henker und dem Opfer.
Und genau hier ist der Punkt, um auf eines der bedeutendsten moralphilosophischen Werke des 20. Jahrhunderts des französischen Philosophen George Bataille zu sprechen zu kommen.

In „Henker und Opfer“ geht es um die Frage nach der menschlichen Wahrheit. Einer Wahrheit, die sich zwischen Moral und Verbrechen platziert.
Geht André Masson in seinem Vorwort davon aus, dass die treibende Kraft im Menschen, sein Verlangen nach Unterwerfung ist, so geht George Bataille noch einen Schritt weiter. Er dringt in die dunklen Tiefen der menschlichen Psyche vor, in dem er über David Roussets „Grenzüberschreitung“, Satres „Judenfrage“ und die Bedeutung des Stellenwerts von Kunst und Poesie reflektiert.

Trügerischer Humanismus

Sichtbar wird ein trügerischer menschlicher Humanismus, der sich erst in und mit der Grenzüberschreitung offenbart. Was bisher noch unausgesprochen im Raum als Verbot steht, nämlich grausam gegen seine Mitmenschen zu handeln, fällt mit dem Grenzübertritt. Und die Dimension dieser Grausamkeiten wächst und wächst, da der Meilenstein immer wieder neu und weiter gesetzt wird. „Aber wir sind nicht nur die möglichen Opfer der Henker: die Henker sind unseresgleichen.“ Jeder hat, wenn er den Mut nicht verliert, also die Möglichkeit, diese Grenze zu überschreiten, andere zu erniedrigen und zu quälen und damit die menschliche Vernunft zu Grabe zu tragen.
Satre geht in seinen Aussagen sogar soweit, dass er sagt, dass es der Antisemit ist, der quält und erniedrigt, aber nur weil sein Leitmotiv die Angst ist. Diese Angst benötigt einen Sündenbock. Und jetzt kommt der Sündenbock ins „Spiel“, der sich selbst in Frage stellende Jude, der an die Vernunft im Menschen glaubt. Gehört nach Satre der Antisemitismus in der modernen Gesellschaft der Vergangenheit an, so sagt George Bataille „Wie die Pyramiden oder die Akropolis ist Auschwitz Tat, ist Auschwitz Zeichen des Menschen. Das Bild vom Menschen ist seither untrennbar mit einer Gaskammer verbunden…“ und Auschwitz ist daher eine Tatsache, damit auch die Existenz des Juden und der Antisemitismus.
Und wer kann deutlich aufzuzeigen, was der antisemitische Grenzübertritt bedeutet und mit sich bringt? Die Antwort lautet: Nur die Kunst und die Poesie. Denn Kunst und Poesie sind nicht eingezäunt. Die innere Grenzüberschreitung des Einzelnen kann sich in der Literatur wieder finden und damit das Grauen nach außen einbinden. Aber nur der Schriftsteller selbst setzt die Grenzen, doch dafür muss er frei sein. Und absolut frei und selbst bestimmt ist der Mensch jedoch nur im „Ausnahmezustand“. Und der ist mit dem Tod erreicht.

Fazit

George Batailles Blick geht tief in die Unterwelt des Menschen, um Auschwitz zu erklären. Auschwitz als ewiges menschliches Fanal setzt Grenzen, die jederzeit von Jedem überschritten werden können und so aus dem Henker und Opfer eins werden lässt. Linderung schafft hier nur die Kunst, denn sie sucht und findet einen Ort für den Menschen, wo er seine Grenzübertritte in der Fantasie und zwischen den Buchstaben ausleben kann. Schier das Unvorstellbare in Bildern oder der Literatur. Doch der Künstler muss frei sein, um sich die schauderhafte, fürchterliche Gewalt auch vorstellen zu können. Um diese lebendig werden zu lassen, um sie zu zeigen und zu sagen, dies ist die Wahrheit von gestern und von heute und morgen.
„Henker und Opfer“ des französischen Philosophen George Bataille ist ein dichtes gegen das Vergessen gerichtetes Werk, mit einem klaren Blick in die menschlichen Untiefen der Seele, das die Erinnerung an Auschwitz wach hält.

Georges Bataille, Henker und Opfer,
Mit einem Vorwort von André Masson, 1. Auflage Berlin 2008, Matthes & Seitz, 96 Seiten, Klappenbroschur, EUR 10,00, ISBN 978-3-88221-726-1

© Soraya Levin