Forced Prostitution ...

Barbara Drinck, Chung-Noh Gross (Hrsg.): Forced Pr

© Kleine Verlag

"Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren". So steht es in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von 1948. Doch eine wirkliche Bekämpfung der Verbrechen gegen die Menschlichkeit ist bislang mit dieser universalen Rechtserklärung eben so wenig gelungen wie mit der Haager Landkriegsordnung oder der Genfer Konvention.

Zu den Verbrechen der Menschlichkeit zählt auch die sexuelle Gewalt, die sich in Kriegs- aber auch in Friedenszeiten überwiegend gegen Mädchen und Frauen richtet. Sie ist damit geschlechterspezifisch dominiert und weist auf ein patriarchalisches Rollenverständnis hin sowie auf tradierte männlich orientierte Strukturen, die erst die Handlungsräume zur Unterdrückung des weiblichen Geschlechts ermöglichen.

Die Unterdrückung manifestiert sich in massiven Menschenrechtsverletzungen wie über den organisierten Menschenhandel bis hin zur staatlich verordneten Zwangsprostitution.

Ein Diskurs über sexuelle genderspezifische Gewaltformen, der innerhalb der Gesellschaften bislang nur begrenzt und in den Nachkriegsgesellschaften geradezu verleumdet und tabuisiert wird, ist notwendig.

Mit „Forced Prostitution in Times of War and Peace“ wird solch ein Diskurs über die sexuelle geschlechtsspezifische Gewalt in Kriegs- und Friedenszeiten, die sich gegen Mädchen und Frauen richtet, aufgenommen. Die beiden Herausgeberinnen Barbara Drinck, Professorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Geschlechtertheorien und Chung-Noh Gross, die sich politisch für die koreanischen "Trostfrauen" und für die Rechte der Frauen im Krieg engagiert, lassen in ihrer Veröffentlichung Experten aus der Menschenrechts- und Bürgerbewegung, aus der Genderforschung, aus dem Migrationsbereich, aus dem medizinischen und psychosozialen Feld, aus der Soziologie, der Politik, der Pädagogik, des Journalismus, der Geschichte, aus interkulturellen Frauen- und Mädchenprojekten und Forschern zum Thema "Trostfrauen“ zu Wort kommen. So lieferte bereits die im Jahr 2006 veröffentlichte deutsche Fassung eine Initialzündung für eine breite öffentliche Debatte und eine Auseinandersetzung insbesondere der „Trostfrauenproblematik“ auf der politischen Ebene. Dieses veranlasste die beiden Herausgeberinnen ihre deutsche Fassung um die neuen Erkenntnisse und Diskussionen zu ergänzen. Herausgekommen ist die erweiterte englische Version, die ganz deutlich zeigt, dass der öffentliche Diskurs um die Zwangsprostitution in Kriegs- und Friedenszeiten einen Wendepunkt für die bisherige Tabuisierung der Opfer bedeutet.

Aufbau

Barbara Drinck und Chung-Noh Gross zeigen anhand zweier großer Themenblöcke die sexuelle Gewalt gegen Frauen und Mädchen auf.
Der erste Themenblock beschäftigt sich mit den Gewalterfahrungen von Frauen in Deutschland, in Europa und Afrika. Als Beispiele nennen sie den organisierten Menschenhandel nach Westeuropa, die Vergewaltigungen während des Zweiten Weltkrieges und danach in Deutschland, die KZ-Bordelle unter der NS-Diktatur, die Kriegsvergewaltigungen im ehemaligen Yugoslawien und hier insbesondere in Bosnien und im Kosovo sowie die Kindersoldatinnen in Uganda.
Der zweite Themenblock setzt sich mit der Zwangsprostitution der japanisch-kaiserlichen Armee während des asiatisch-pazifischen Krieges auseinander. Die "Trostfrauenproblematik" wird von unterschiedlichen Seiten her diskutiert. Die Sicht der Opfer, die der Täter wie der Regierung, die der Zivilgesellschaft, die der Medien, die Sicht derjenigen, die sich um Aufklärung bemühen sowie die Debattenführung im US-Repräsentantenhaus.


Inhalt

Laut der Presse werden jedes Jahr annährend 500.000 Frauen von illegalen Schleppern nach Westeuropa in die Zwangsprostitution gebracht.
Die schlechten sozioökonomischen Rahmenbedingungen, die durch die Globalisierung verschärft werden, führen in männerdominierten Gesellschaften wie Osteuropas und Asiens zur Steigerung der Armut von Frauen. Die einzige Hoffnung auf ein besseres Leben ist der Weg nach Westeuropa, wo die Frauen in die Migrationsfalle geraten.

So münden die versprochene „normale“ Arbeit sowie die versprochene Ehe in der Prostitution und die illegale Einreise, verursacht durch eine zu strenge Visavergabe, wird zur Dauererpressbarkeit für Sexpraktiken. Die institutionelle Abschiebepraxis, besonders in Ländern wie Deutschland, wo der Zeugenstatus und der Aufenthaltstitel nicht voneinander losgelöst sind, verhindert oftmals eine Verurteilung der Täter und macht die Frauen ein zweites Mal zum Opfer.

Im ehemaligen Nachkriegs-Yugoslawien ist ein weiteres institutionelles Versagen festzustellen, das besonders schwer wiegt, da sich hier ein von der Mafia umfassend betriebener Frauenhandel dank des humanitären Hilfspersonals weiter ausweitet. Bedient werden seit 1999 annährend 20% der Soldaten der Kosovoschutztruppe und der Angehörigen der UN mit Zwangsprostituierten. Die Täter, die immerhin für 80% des Umsatzes sorgen und die sich der sexuellen Ausbeutung und des sexuellen Missbrauchs schuldig machen, werden aufgrund ihrer Immunität nicht angeklagt. Auch werden die Frauen, in dem sie sich dem Vorwurf der illegal betriebenen Prostitution stellen müssen, ein zweites Mal zum Opfer. Eine Sensibilisierung für Fragen hinsichtlich sexueller Ausbeutung und Gewalt und Schulungen in Genderfragen für humanitäres Hilfspersonal wären notwendig.

Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen fordert in der im Jahre 2000 verabschiedeten Resolution 1325 dazu auf, Frauen auf allen Ebenen der Konfliktvermeidung und -bewältigung mit einzubeziehen. Ein deutscher Aktionsplan liegt bis heute noch nicht vor. Die Umsetzung seitens der internationalen Organisationen erfolgt nur schleppend, so dass den Nichtregierungsorganisation wie "Medica mondiale", die Aufgabe überlassen bleibt, die Zwangsprostitution zu bekämpfen.

International und national kaum Beachtung finden bislang auch die Kriegs- und Nachkriegsvergewaltigungen im Hitler-Deutschland, die während der Vertreibungen, auf der Flucht und während der Besatzungszeit stattfanden. Die offiziellen Zahlen nennen an die 1,4 Millionen Vergewaltigungen. Geschwiegen wird darüber, weil eine Täter-Opfer Debatte vor dem Hintergrund der Verbrechen des Nationalsozialismus bis heute schwierig ist. Die Scham und gesellschaftliche Stigmatisierung der Opfer tragen ebenfalls zur Tabuisierung bei.

Tabuisiert wird auch die sexuelle Gewalt an Frauen durch den nationalsozialistischen Vernichtungsapparat. Tausende von Frauen werden als "asozial" gebrandmarkt und in den KZ's, bei der Wehrmacht und in den Arbeitslagern zur Prostitution gezwungen.
Mauthausen, Ravensbrück, Birkenau, Ausschwitz stehen für staatlich institutionalisierte KZ-Bordelle, die nicht nur darauf abzielten, das sexuelle Verhalten der Frauen im Kontext einer rassistisch geprägten Politik zu steuern, sondern die die sexuelle Unterdrückung und Ausbeutung auch ökonomisierte. Der organisierte, in ein Belohnungssystem eingebettete Bordellbesuch, forciert von SS Reichsführer Heinrich Himmler, diente der totalen Ausbeutung der Arbeitskraft der Häftlinge.

Obwohl die Sexsklavinnen nach 1945 schwiegen, sind die gefundenen Begleitscheine wichtige Zeitzeugen, die Aussagen über die Aufenthaltsdauer, die Nationalität und den Gesundheitszustand geben.

Doch trotz der Beweise, ist ein weiteres institutionelles Versagen auf allen Ebenen auszumachen. In den beiden deutschen Staaten nach 1945 erfolgte eine Rehabilitation nur für politisch Verfolgte Opfer. Ukrainische Frauen mussten gar den Gulag fürchten, da ihnen Kollaboration mit dem Feind unterstellt wurde. So forderte der Krieg zweimal seine Opfer.

Ungleiche Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen begründen sich aber nicht nur in der Duldung durch die Gesellschaft sondern sie sind auch kulturell begründet. Wo Vergewaltigung in der Ehe oder die Zwangsverheiratung nicht als Verbrechen angesehen werden, wird die Rechtlosigkeit der Frau besonders deutlich. So in Uganda, wo seit fast 20 Jahren im Norden eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen der Rebellentruppe "Lord Resistance Army" und der staatlichen Armee tobt. Hilflos sind die Menschen den Überfällen der Rebellen in ihren Dörfern ausgesetzt. Die Frauen werden vergewaltigt, die Kinder verschleppt und brutal zu Kindersoldaten ausgebildet. Die Mädchen müssen in der Gefangenschaft nicht nur die ihnen seitens der Gesellschaft festgeschriebenen weiblichen Aufgaben wie Kochen, Wäsche waschen, schwere Lasten tragen, übernehmen sondern sie sind auch täglich mit der sexuellen Gewalt und dem sexuellen Missbrauch an ihnen konfrontiert. Völlig entrechtet und zur Ware degradiert gehen die Mädchen mit Beginn ihrer Geschlechtsreife in den Besitz eines Kommandeurs über. Eine 14jährige beschreibt ihre Leidensgeschichte folgendermaßen: "Der Mann, dem ich zugewiesen wurde, hatte zwei Frauen...Er stieß mich nieder und legte sich auf mich drauf und hat mich vergewaltigt...Er hat mich in dieser Nacht dreimal vergewaltigt...Mein Hüftgelenk fühlte sich an, als würde es aus der Pfanne springen und mein Geschlechtsteil schmerzte. Ich konnte nicht urinieren, ohne vor Schmerz zu weinen..."

Die Vergewaltigungen stigmatisieren die Mädchen zusätzlich und grenzen sie aus ihrem kulturellen und sozialen Umfeld aus. Eine Rückkehr in das Dorf ist nahezu unmöglich. Die Agrargesellschaft Ugandas, in der Frauen auf die Feldarbeit angewiesen sind, macht die Mädchen so ein zweites Mal zum Opfer, in dem sie ihnen die ökonomische Grundlage entzieht. Hierin begründet sich die hohe Nachkriegsprostitution als Überlebungsmechanismus der Frauen.

Stigmatisierung und sozial-kulturelle Ausgrenzung mussten und müssen weiterhin auch die im asiatisch-pazifischen Krieg zwangsvergewaltigten Frauen erfahren.
Weit mehr als 200.000 Frauen wurden zwischen 1932 und 1945 von den kaiserlich-japanischen Truppen aus den besetzten Gebieten zwangsverschleppt und in eigens eingerichteten Militär- und Truppenbordellen zur Prostitution gezwungen. Mädchen und Frauen aus Taiwan, Korea, China, Hongkong, Malaysia, den Philippinen, Singapur, den pazifischen Inseln, deren Leiden sowie das Verbrechen an ihnen durch die Japaner bagatellisiert werden, in dem man sie als "Trostfrauen" bezeichnet. Und bis heute räumt die japanische Regierung dieses Kriegsverbrechen nicht in vollem Umfang ein, obwohl Dokumente und Zeugenaussagen belegen, dass die Einrichtung der Militärbordelle institutionalisiert war. Nachgewiesenermaßen war das Außenministerium besonders aktiv, in dem es die Polizeistationen anwies, Frauen "anzuwerben". Die Bordellverwaltung oblag der Militärbehörde.
Die wenigen Frauen, die diese menschenverachtende erzwungene Tortur von laut Augenzeugen täglich bis zu 30 bis 40 Vergewaltigungen überlebt haben, sind physisch und psychisch geschädigt, stark traumatisiert, leben sozial zurückgezogen und voller Schande. Von ihren Familien oft verstoßen, hat der kulturelle gesellschaftliche Druck zudem viele der wenigen Überlebenden in den Suizid getrieben. Die dringend notwendige Aufarbeitung der sexuellen Kriegsverbrechen wurde daher jahrelang nicht in Angriff genommen. Erst als sich koreanische Frauen Ende der 80er Jahren "laut und öffentlich" erinnern, beginnt die Öffentlichkeit die Kriegsverbrechen zur Kenntnis zu nehmen.
Die japanische Justiz sieht jedoch keinen Zusammenhang zwischen der Zwangsprostitution und einem Kriegsverbrechen. Sie verweist auf ganz "normale Kriegsvorgänge". Dementsprechend wird ein Verstoß gegen die internationalen Rechte auch ausgeschlossen und Entschädigungszahlungen an die Opfer entschieden zurückgewiesen. Die japanische Regierung räumt zwar ihre moralische Verantwortung ein und hat einen "Entschädigungsfonds" gegründet. Es muss allerdings berücksichtigt werden, dass dieser überwiegend privat finanziert worden ist. Somit ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich die japanische Regierung endgültig ihrer rechtlichen Verantwortung zu entziehen versucht.
Die Opfer und so genannten "Trostfrauen" legen weiterhin ihr Gewicht auf die Anerkennung der Kriegsverbrechen seitens der japanischen Regierung. Zugegebenermaßen haben auch die internationalen Nachkriegsverbrechertribunale dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit, gegen das Völkerrecht, gegen den Menschenhandel nicht zur Anklage gebracht. So bleibt es einer kleinen Gruppe von Koreanerinnen seit 1992 weiterhin vorbehalten, einmal die Woche vor der japanischen Botschaft in Seoul zu demonstrieren und immerhin damit beizutragen, dass im Jahr 2000 das Thema auf dem "Internationalen Frauentribunal gegen Kriegsverbrechen" eine breite Beachtung fand.
Das Tribunal sprach den Kaiser Hirohito wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" schuldig. Dieses Urteil ist ohne Zweifel von einem hohen symbolischen Wert. Da das Tribunal aber nicht mit einer gesetzlichen Strafgewalt ausgestattet ist, wird den "Trostfrauen" weiterhin ihre rechtliche Anerkennung als Opfer der Kriegsverbrechen und entsprechende Entschädigungszahlungen versagt.
Regierungspolitiker beabsichtigen vielmehr, dass Thema der "Zwangsprostituierten" aus der Erinnerung zu verbannen. Äußerungen wie "Trostfrauen waren Gewerbetreibende" fördern den Revisionismus und die nostalgische Sehnsucht und wirken der Auseinandersetzung mit der "Trostfrauenproblematik" entgegen. Die männerdominierten Medien haben keine Einwände und schließen sich der revisionistischen Meinung an. Sie bestätigen und bekräftigen noch die öffentliche Meinung, die eine "Zwangsrekrutierung" der Frauen leugnet, die vom „amerikanischen Kulturimperialismus“ spricht, die sich sogar für die Notwendigkeit der Militärbordelle ausspricht.

Diejenigen, die sich ihrer Verantwortung für die "Trostfrauen" bewusst sind, sehen sich üblen Beschimpfungen wie "antijapanische Japaner", "masochistische Nestbeschmutzer", "japanische Spione" ausgesetzt.

Von historischer Bedeutung für die überlebenden „Trostfrauen“ ist die vom Demokraten Michael Honda am 30.07.2007 ins US-Repräsentantenhaus eingebrachte Resolution 121. Die Resolution, die von der japanischen Regierung eine Entschuldigung für ihre Kriegsverbrechen der sexuellen Versklavung fordert, bringt die Debatte über die „Trostfrauen“ auf eine internationale Ebene und zwingt so zu einem von außen kommenden gesellschaftlichen Diskurs.

Fazit

Barbara Drinck und Chung-Noh Gross fassen in ihrem Buch „Forced Prostitution in Times of War and Peace“ eine Fülle von Informationen zur sexuellen Versklavung argumentativ stringent zusammen.
Überzeugend ist die inhaltliche Breite, mit der das Thema der "Zwangsprostitution" behandelt wird. Die Zuwortmeldung der verschiedenen Disziplinen und Opfer verdeutlicht das "globale genderspezifische Gewaltphänomen", das sich hinter der Problematik der "sexuellen Versklavung" verbirgt. Das Scheitern der internationalen Menschenrechtsübereinkommen wie beispielsweise der UN-Resolution 1325 gegen geschlechtsspezifische Gewalt gegen Mädchen und Frauen macht die Verbindung von geschlechtermarkierten Gewaltexzessen und patriarchalischen Strukturen deutlich, die ihren sichtbaren Höhepunkt in der kriegsbedingten Institutionalisierung findet.

Die englische Ausgabe, die inhaltlich weit über die deutsche Ausgabe hinausgeht, zeigt, dass der gesellschaftliche Diskurs über die sexuelle Versklavung in Kriegs- und Friedenszeiten in Gang gebracht wurde. Besonders deutlich wird dieses an der von außen geführten Debatte der „Trostfrauen“ im US-Repräsentantenhaus.

„Forced Prostitution in Times of War and Peace“ ist ein wichtiger bedeutender Meilenstein ethischer Verantwortung, der die Notwendigkeit von außen geführter Debatten und einer konzertierten internationalen Aktion gegen sexuelle Versklavung sowie die Überwindung patriarchalischer Strukturen deutlich macht.

Barbara Drinck, Chung-Noh Gross (Hrsg.):
Forced Prostitution in Times of War and Peace, Sexual Violence against Women and Girls, Kleine Verlag GmbH, Bielefeld 2007, 328 Seiten, ISBN13: 978-3-89370-436-1

© Soraya Levin