Die neue religiöse Intoleranz

von Martha Nussbaum

Eine anschauliche Sachliteratur, die anregt zur Diskussion wie viel religiösen Pluralismus wir im Kontext von religiös-instrumentalisierten Terror aushalten können.

„Erkenne dich selbst, damit du aus dir heraustreten kannst; diene der Gerechtigkeit und fördere Frieden.“. Eine Botschaft, die die amerikanische Philosophin und Professorin für Recht und Ethik der Universität Chicago Martha Nussbaum mit ihrem Buch „Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst“ transportiert.

Nussbaum greift den aktuellen Diskurs über die Verträglichkeit des religiösen Pluralismus innerhalb der westlichen Wertegesellschaft auf. Im Zentrum ihrer Diskussion steht der Islam als neue religiöse Gefahr für unsere westliche Gesellschaft. Ein angstgesteuertes Bedrohungsempfinden, das eine feindselige Gegenbewegung der Mehrheitsgesellschaft produziert, die die Minderheit in ihrer individuellen Freiheit beschränkt.

Martha Nussbaums theoretische Reflexionsperspektive kreist um den Begriff der Angst. Sie zeigt anhand von Beispielen die Gesetzmäßigkeiten von Angst mit ihren Wirkmechanismen auf. Ihr Blick auf die Zuschreibung von religiösen Bedeutungsinhalten ist verbunden mit einer kontroversen Debatte über das europäische und das US-amerikanische freiheitliche Selbstverständnis und der damit verbundenen Freiheitsrechte. Es schließt sich ein politisch-philosophischer Diskurs an, der in der Debatte auf John Lockes Position der Gewissensfreiheit und Roger Williams System der Anpassung zurückgreift.

Die Gesetzmäßigkeiten der Angst folgen der aristotelischen Rhetorik. Der Mensch reagiert auf eine ihm zugetragene Bedrohungssituation bipolar, d.h. angemessen oder unangemessen. Eine nicht angemessene Reaktion bedingt oftmals eine irrige Annahme. Nussbaum führt das Beispiel des Peloponnesischen Krieges von Thukydides an, wo dieser Irrtum einer Problemüberschätzung beinahe ein Gemetzel nach sich zieht.

Diese Verfügbarkeitsheuristik mit ihrem abstrakten Wirkmechanismus der Angst wird deutlich an der noch immer wirkenden jüdischen Weltverschwörung in Form der Rede des Rabbiners und der Protokolle der Weisen von Zion. Beide Beispiele verdeutlichen, dass das tatsächliche Problem der soziopolitischen und sozioökonomischen Verwerfungen Ende des 19. Jahrhunderts überlagert wird durch ein jüdisches Angstkonstrukt. Dass es sich bei der Rede des Rabbiners lediglich um einen Textauszug aus dem Roman Biarritz von Hermann Goedsche handelt, wird nicht wahrgenommen. Weit gehende Elemente dieses Textauszuges generieren die erdachten Protokolle der Weisen von Zion, dessen Inhalt durch „Informationskaskaden“ seine kontinuierliche Weitergabe befördert.

Kaskaden als Angsttransporteur sind nicht generell negativ besetzt. Bei einer tatsächlichen Gefahr sind sie ein wirksames Schutzinstrument für die Bevölkerung.
Ist der Islam nun aber eine tatsächliche Gefahr für die westliche Wertegemeinschaft oder handelt es sich eher um ein Misstrauen gegenüber dem Fremden in Form der Verhüllung von Frauen und dem Bau von Minaretten, das durch die Verfügbarkeitsheuristik, die Islam mit islamischen Terrorismus verknüpft, in diffusen Ängsten mündet?

Nussbaum betrachtet zum einen das Verhüllungsverbot. In einigen europäischen Ländern wie zum Beispiel in Belgien und Frankreich gilt das Verhüllungsverbot im öffentlichen Raum. Sie zeigt auf, dass die Reichweite der Gleichheit durch das Verbot begrenzt wird. Während andere nichtreligiöse Personengruppen wie Sportler, Ärzte und Leute wie du und ich bei Frost sich ihr Gesicht verhüllen dürfen, wird es den muslimischen Frauen zum einen aus Sicherheitsgründen verwehrt. Zum anderen wird argumentiert, dass gerade die Burka ein Symbol für die Unterdrückung der Frau darstellt und damit Frauenrechte beschneidet. An dieser Stelle argumentiert Martha Nussbaum, dass in der westlichen Wertegemeinschaft die Frau durch Werbung und Sexmagazine zum reinen Objekt degradiert wird und diese Träger auch verboten werden müssten, um eine entsprechende Gleichheit herzustellen. Ist das Tragen der Burka patriarchal erzwungen? Für die Gegner ein „ja“. Nussbaum stellt diesem Argument die verdeckte häusliche Gewalt entgegen. Als „dümmstes“ Argument bezeichnet Nussbaum den Hinweis auf die Gesundheitsgefahr, die von dem Tragen der Burka ausgehe. Eine entsprechende Hitzewirkung sagt sie, hänge allein vom Stoff ab. Ferner würde die Burka vor einer zu intensiven Sonneneinstrahlung und vor zu viel Staub schützen. Auch in der westlichen Wertewelt tragen die Frauen letztlich Kleidung, die ihre Gesundheit schädigt. Denken wir an zu enge Hosen oder die High Heels. Im Sinne der Gleichheit wären diese nach Nussbaum ebenfalls zu verbieten.

Eine Zuschreibung von fundamental religiös besetzten Bedeutungsinhalten geschieht in Bezug auf den Bau von Minaretten und Moscheen. An dieser Stelle blickt Martha Nussbaum zum einen auf die Schweiz und zum anderen auf die Kontroverse in Bezug auf das New Yorker islamische Gemeindezentrum Park51.

In der Schweiz hat die Islamfurcht einen Minarettdiskurs bedingt, der ein Referendum nach sich zog, in dem die Bevölkerungsmehrheit sich im Jahr 2009 eindeutig gegen den Bau von weiteren neben den lediglich vier bestehenden Minaretten positionierte. Nussbaum verweist auf die angstbesetzten Zuschreibungen, die durch Medienkampagnen geschürt worden sind. Plakate mit Burkaträgerinnen und raketenähnlichen Minaretten im Hintergrund haben islamische Bedrohungsszenarien dargestellt.

Öffentliche Debatten und Gegenbewegungen hat auch der geplante Bau des islamischen Kulturzentrums mit einer Moschee in der Nähe von Ground Zero hervorgerufen. Die Befürworter haben sich für eine Stätte des interreligiösen Dialogs ausgesprochen. Die Gegner haben den Bau als Provokation empfunden, zumal das Zentrum zunächst den Namen Córdoba-House getragen hat und am zehnten Jahrestag der Anschläge von 9/11 eröffnet werden sollte. Martha Nussbaum relativiert die gegnerischen Argumente, in dem sie den Bauherren tatsächlich wenig Feingefühl in Bezug auf die Namensgebung zuspricht. Schließlich sei der Name ja geändert worden und das Zentrum kann keine Provokation sein, da es von Ground Zero aus nicht sichtbar ist. Der zehnte Jahrestag als Eröffnungstermin sei aufgrund der Finanzsituation eh nicht haltbar gewesen. Den Befürchtungen, dass sich das Zentrum zu einem Hort von Fundamentalpredigern entwickeln könnte, setzt Nussbaum die ausdrücklich sich dagegen aussprechenden Beteuerungen der Organisatoren entgegen.

Die genannten Beispiele verweisen darauf, dass seit 9/11 der Islam als Religion mit der Terrorgruppe al-Quaida gleichgesetzt wird. Diese Deutungsmuster setzen ein islamisch besetztes Angstbild frei und führen zu Veränderungen innerhalb des Gleichheitsgrundsatzes. Nussbaum stellt hierbei einen Bruch zwischen der europäischen und der US-amerikanischen Sicht- und Handlungsweise fest, der aus den jeweils unterschiedlichen Vorstellungen der nationalen Identität herrührt.

Während die europäische Identität über die örtliche Abstammung und Zugehörigkeit zur Religion gebildet wird, entsteht die amerikanische Identität durch die politischen gemeinsamen Ideale. In Europa wird daher Andersartigkeit mit Fremdheit assoziiert, die wiederum abgewehrt wird. Diese Abwehr äußert sich in der Verletzung der Gewissensfreiheit als Bereich der Menschenwürde und der Religionsfreiheit. Nach Nussbaum haben die Europäer das Anpassungssystem, die Gewissensfreiheit für Alle, nach Roger Williams nicht verstanden. Die europäischen verfassungsmäßigen Grundlagen missachten selbst das abgemilderte Freiheitsprinzip von John Locke.

In den USA ist durch das verfassungsmäßige Prinzip der Anpassung die Freiheitsakzeptanz weitaus größer und ausgeprägter. Die Freiheit des einzelnen darf nur dann eingeschränkt werden, wenn die Sicherheit oder der Landesfrieden oder die Rechte anderer bedroht sind. Gerade diese Bedrohungsszenarien sieht Nussbaum jedoch nicht durch das Tragen der Burka oder dem Bau von Moscheen oder Minaretten.

Sie plädiert insbesondere in Europa für eine Bewusstseinsänderung, die über die Sicht auf das eigene Lebensumfeld hinausgeht und die Interessen anderer im empathischen Maß mit Hilfe von Sachkenntnissen nachempfindet. Auch sollte der Staat nur dort aktiv werden, wo die Sicherheits- und Friedensaspekte und die Rechte einzelner tatsächlich bedroht sind.

Fazit

Bereits der Titel des Buches „Die neue religiöse Intoleranz“ spricht für eine Neuausrichtung von Toleranzverhältnissen im Bereich des Religiösen. Das neue Feindbild heißt „Islam“ und ist in unserem heutigen Alltagsbewusstsein angekommen. Gruppen wie die Terroristen von 9/11 über Boko Haram und die Mörderbande des selbsternannten Islamischen Staates mit ihren archaischen Praktiken führen zu angstbesetzten islamischen Machtdemonstrationen, die in den westlichen Mehrheitsgesellschaften die religiöse Toleranz vereiteln. Martha Nussbaum zeigt den Wirkmechanismus dieser angstbesetzten Zuschreibungen auf. Wo Angst dominiert, kann kein Vertrauen in die Träger der fremden Religion mehr bestehen. An die Stelle von Akzeptanz tritt Exklusion.

Der Begriff der Religionsfreiheit wird unter dem Begriff „Sicherheit“ mit einem negativen Attribut neu besetzt und verhandelbar gemacht. Martha Nussbaum verdeutlicht, dass es gerade der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat ist, der an die nicht verhandelbaren Freiheitsrechte gebunden ist.

Insgesamt betrachtet ist „Die neue religiöse Intoleranz“ eine ethische Debatte über das Verständnis von Religionsfreiheit innerhalb der westlichen Wertegemeinschaft und was wir in Zukunft darunter verstehen wollen. Eine anschauliche Sachliteratur, die anregt zur Diskussion wie viel religiösen Pluralismus wir im Kontext von religiös-instrumentalisierten Terror aushalten können.

Martha Nussbaum, Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst, Aus dem amerikanischen Englisch von Nikolaus de Palézieux, Hardcover, 220 Seiten, 2014 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt, EUR 39,95, ISBN 978-3-534-26460-5

© Soraya Levin