Die Globalisierung des Nichts

Georg Ritzer

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Thema

Weltweit gibt es einen zunehmenden politischen, wirtschaftlichen, technischen und kulturellen Austausch. Ob Produkte, Dienstleistungen, Menschen oder Kapital, die weltweiten Verflechtungen werden immer intensiver. Mit dem Begriff "Globalisierung" wird in Veröffentlichungen und wissenschaftlichem Diskurs versucht, nicht nur die wirtschaftliche sondern auch die politische, soziale und insbesondere kulturelle Veränderung zu beschreiben. Das weltweite Konsumverhalten nähert sich einander an. Deutlich zeigt sich die Entwicklung zum Beispiel im Bereich der Lebensmittel- und Modebranche. Überall auf der Welt trinkt man Coca Cola oder trägt Blue Jeans. Was sind die Ursachen für diesen Prozess? Welche Entwicklungen sind mit ihm verbunden? Welches sind die kulturellen Folgen der Globalisierung? Eine schwer zu beantwortende Frage, da die Auswirkungen im Kulturbereich kaum messbar sind. Die Antworten sind daher auch diskussionsbedürftig und umstritten.

McDonaldisierung und die Globalisierung des Nichts

Der US-amerikanische Soziologe George Ritzer, Professor für Soziologie an der Universität von Maryland, vertritt bereits in seinem Buch über die McDonaldisierung, dass die westliche - insbesondere die US-amerikanische - Kultur immer weiter in die Kulturen anderer Länder eindringt. Der gesamte Konsumbereich wird immer mehr standardisiert und rationalisiert, die lokalen Identitäten werden verdrängt und gleichen sich an. Als Beispiel nennt er die Fast-Food-Kette McDonald. In seinem neusten Werk "Die Globalisierung des Nichts" nimmt George Ritzer Bezug auf sein vorhergehendes Buch der "McDonaldisierung" und geht noch einen Schritt weiter. Er prägt den soziologischen Begriff des Nichts, assoziiert diesen mit Konsum und beschreibt, wie sich dieses sogenannte "Nichts" auf der ganzen Welt verbreitet, wie es globalisiert wird. Er arbeitet die Vielschichtigkeit der kulturellen Globalisierung heraus und zeigt mit dem Verlust von Kultur die Negativseite dieses Prozesses auf.

Überblick

Das Buch "Die Globalisierung des Nichts" umfasst acht Kapitel und einen Anhang.In den ersten drei Kapiteln und im Anhang erläutert George Ritzer den Begriff des Nichts und seine Globalisierung. Im Kapitel zwei verdeutlicht der Autor ausführlich den Begriff des Nichts und seinen Begriffsgegenpol das Etwas.

Mit Kapitel zwei und drei liefert George Ritzer eine konzeptionelle Hilfestellung zur Begriffsauswertung des Nichts.

In Kapitel vier greift Ritzer den Begriff der Glokalisierung auf und führt neben den Subdimensionen wie McDonaldisierung, Kapitalismus und Amerikanisierung den von ihm neu geprägten Begriff der Grobalisierung ein.

Es folgt eine anschließende Diskussion der Beziehung zwischen der Globalisierung und dem Nichts.

In Kapitel sechs veranschaulicht Ritzer anhand der konsumorientierten Internetsites die Beziehung zwischen dem Nichts und der Globalisierung.

Anschließend untersucht der Autor die Gründe des Verlustes inmitten vom Überfluss.

Zum Schluss geht er der Frage nach, was eigentlich diejenigen tun können, die über den kulturellen Globalisierungsprozess beunruhigt sind.

Den Anhang nutzt Ritzer dazu, methodologische Fragestellungen aus dem Bereich der Philosophie und Soziologie in Bezug auf die Begrifflichkeit des Nichts einfließen zu lassen.

Ausgewählte Inhalte

Einleitend legt George Ritzer dar, was er mit dem Begriff des Nichts meint. Er erläutert, dass der Begriff nicht philosophisch verwandt wird, sondern soziologisch. Der Begriff Nichts steht stellvertretend für jedwede soziale Form, die weitgehend frei ist von einem spezifischem Inhalt und zentral erdacht und kontrolliert wird. Der Autor stellt den Konsum in den Mittelpunkt seiner Betrachtung, da dieser ein Teilbereich der sozialen Welt ist und immer mehr durch das Nichts charakterisiert wird. Beispielhaft nennt Ritzer die global verbreitete Form der Kreditkarte, die Ausbreitung von Einkaufszentren und Selbstbedienungsläden. Er betont, dass die USA der Ausgangspunkt für vieles sind, was als Nichts bezeichnet wird. Ritzer ist der Überzeugung, dass die Ausbreitung des Nichts über die USA hinaus, der wichtigste Grund für die weltweite Verbreitung des Nichts ist.

Der Autor erläutert, dass seine Analyse auf Dualitäten beruht. Den Gegenpart zum Nichts bildet der Begriff des Etwas. Als Beispiel nennt Ritzer lokale Bauernmärkte, wo sich die Struktur des Marktes von Tag zu Tag immer wieder neu bildet. Die soziale Form ist damit nicht leer, sondern spezifisch. Eine soziale Form genau als Etwas oder Nichts einzuordnen, ist nicht möglich, da diese sozialen Formen in Wechselwirkung zueinander stehen, das heißt immer Anteile von beidem besitzen. Aus diesem Grund sind die Begriffe Nichts und Etwas für Ritzer auch nicht idealtypisch. Sie geben eine Hilfestellung bei dem Nachdenken über die soziale Welt. Die beiden Hilfsinstrumente werden ergänzt durch vier Subtypen wie zum Beispiel Orte und Nicht-Orte.

Der Autor vertritt im Folgenden die Auffassung, dass es eine Beziehung zwischen der Globalisierung und dem Nichts sowie der Globalisierung und dem Etwas gibt. Auf der einen Seite weiten sich die westlichen Konsumgüter immer mehr aus. Auf der anderen Seite verursacht ihre zunehmende Ausweitung auch eine ablehnende Haltung, da die Anpassung des Konsummusters zu einer Vereinheitlichung kultureller Güter in Bereichen des Alltags führt. Die lokale Tradition ist dadurch bedroht. Die Menschen besinnen sich wieder auf lokale Werte.

In Bezug auf das Phänomen der Globalisierung bei gleichzeitiger Hervorhebung des Lokalen, zeigt Ritzer zwei Subprozesse der Globalisierung auf. Er weist darauf hin, dass diese beiden Subprozesse trotz ihres gemeinsamen globalen Ursprungs verschieden sind.

Einer dieser Subprozesse der Globalisierung ist die Glokalisierung. Ein Ausdruck, den der englische Soziologe Roland Robertson prägte und der die Globalisierung als ein dialektisches Phänomen mit lokalen sowie mit globalen Bezügen sieht. Die weltweite Integration setzt gleichzeitig differenzierte kulturelle Akzente. Universelle soziale Formen verbinden sich mit partikularen Formen, die Welt wird pluralistischer.

Als zweiten Subprozess führt Ritzer die Grobalisierung an. Ritzer prägt mit dem Wort Grobalisierung einen neuen Begriff, da seiner Meinung nach, der Begriff der Glokalisierung nicht sieht, dass das Lokale vom Globalen überlagert wird. Ob Mode oder Fast Food - mit dem globalen Markt nähert sich der Konsum kultureller Waren weltweit an. Diese kulturellen Waren greifen laut dem Autor tief in die lokalen Gegebenheiten ein. Seiner Meinung nach werden die lokalen Traditionen und Kulturmuster so immer mehr durch Waren und Medien verändert, sie werden grobal. Das Lokale wird immer stärker verdrängt bis es schließlich verloren geht. Einheimische Cafés und Gourmetrestaurants findet man immer seltener, Fast-Food-Ketten weiten sich aus. Die Welt wird universeller.

Im Folgenden stellt George Ritzer die Frage, was den Globalisierungsprozess vorantreibt. Die Ursachen sieht er in den Subtypen der Grobalisierung wie McDonaldisierung, Kapitalismus, und Amerikanisierung. Damit knüpft er an sein früheres Werk zur McDonaldisierung an. Für den Begriff der McDonaldisierung steht die These von kultureller Konvergenz der Welt. Durch weltweit gleiche Konsumgüter, deren Quelle überwiegend in den USA ist, gleichen sich die kulturellen Güter an, sie werden universell. Fast überall auf der Welt findet man die Fast-Food-Kette McDonald, fast überall wird Coca Cola getrunken und werden Blue Jeans getragen, Konsumseiten im Internet wie amazon.com sind weltweit zugänglich. Die kulturelle Globalisierung führt so zu einer Angleichung kultureller Symbole und Lebensformen. Die globale Verfügbarkeit betrifft nicht nur billige Güter und Dienstleistungen sondern auch das obere Preissegment. Designerketten wie Dolce und Gucci breiten sich weltweit aus. Kulturelle Globalisierung umfasst heute vor allem mit den Konsumgütern große Bereiche der Alltagskultur. So vergrößert sich das universelle Konsumangebot bei gleichzeitigem Verschwinden einheimischer Produkte. Dieser Prozess wird laut Ritzer von einem US-dominierten Kapitalismus angetrieben. Hauptakteure sind die transnationalen Konzerne, die mit ihren Konsumgütern die Welt penetrieren. Ritzer betont, dass sich das weltweite Wachstum des amerikanischen Einflusses auf alle Bereiche bezieht. Das amerikanische Konsummodell wird universell.

Der Autor stellt im weiteren Verlauf die Frage, warum die Amerikanisierung bei der Ausbreitung des Nichts so stark wirkt und welche Folgen daraus resultieren. Er verweist darauf, dass die USA weltpolitisch und weltwirtschaftlich führend sind. Die USA verfügen über eine dominante Wirtschaft, die in der Lage ist, ihren Produktvertrieb mit Hilfe internationaler Marketingstrategien umzusetzen. Für George Ritzer sind die Folgen des von den USA vorangetriebenen Globalisierungsprozesses darin zu sehen, dass immer mehr Menschen eine weitere Verbreitung der Globalisierung verhindern und bekämpfen, was sich in Terrorattentaten wie die auf das World Trade Center am 11. September 2001 äußert.

Der Autor ist am Schluss der Überzeugung, dass die Menschen den Verlust von sozialen Formen mit spezifischem Inhalt wie z.B. Gourmetrestaurants und handgefertigte Ware nicht mehr wahrnehmen, da sie zu selten auf diese Formen treffen. Das Nichts hat zudem oft Vorteile wie z.B. den günstigeren Preis, der durch die Massenproduktion ermöglicht wird. Die Grobalisierung ist daher nach Ansicht von Ritzer nicht mehr aufzuhalten, da die sich entgegenstellenden Kräfte zu schwach sind. Folglich ist eine Reaktion auf die Grobalisierung auch nicht notwendig.

Diskussion

Die von Ritzer behauptete sich immer stärker ausbreitende US-amerikanische bzw. westliche Kultur, die die Kulturen in den anderen Ländern, Regionen und Kontinenten verdränge und alles homogenisiert (McDonald, Coca Cola), berücksichtigt nicht, dass der Globalisierungsprozess auch Traditionen und Werte wieder belebt. Die hier antiamerikanische Konsumkritik, die letztlich einen Kulturimperialismus impliziert, ist meines Erachtens nicht haltbar, da die Ausbreitung von amerikanischen Massenprodukten wie Coca Cola nur einen Teilbereich des Globalisierungsprozesses betrifft. Meiner Meinung nach bleibt die Identität der Kulturen trotz des Grobalisierungsprozesses erhalten, da die Sozialgebilde zu unterschiedlich sind. Die Unterstellung von kultureller Konvergenz ist daher nicht haltbar. Die weltweite Verbreitung von Fast-Food und Jeans kann zweifellos auch anders bewertet werden. Die Ausweitung westlicher Standards bedeutet nicht zwangsläufig die Ausweitung westlicher Werte. Wie wir sehen, kann auch bei universellen Produkten wie McDonald oder Coca Cola eine eigene Kultur geschaffen werden. Es wird sich auf die landesspezifischen Gegebenheiten eingestellt. Eine reine Rezeption der kulturellen Güter findet meines Erachtens daher nicht statt. Es ist vielmehr der Globalisierungsprozess, der eine Rückbesinnung auf lokale und regionale Traditionen bedingt.

Richtig ist, dass viele der weltweiten Markenfirmen in den USA ihren Stammsitz haben. Daher geht die Verbreitung westlicher Konsummuster auch von ihnen aus und es wird in gewissen Teilbereichen zu Recht von Amerikanisierung oder McDonaldisierung gesprochen. Ich halte es jedoch für fragwürdig, aufgrund dieser Basis zu behaupten, dass sich hierdurch eine Weltkultur entwickelt, die das Lokale verdrängt. Es wird übersehen, dass auch die USA in dem weltweiten Austauschprozess miteinbezogen sind, ein Transfer von kulturellen Gütern in beide Richtungen läuft. Zudem sollte man bedenken, dass Gesellschaften keine in sich abgeschlossenen sozialen Gebilde sind. Soziale Prozesse wirken von innen sowie von außen. Hier fehlt meines Erachtens die notwendige Analyse.

Es stimmt, dass mit der Verbreitung westlicher kultureller Güter nicht automatisch auch westliche Werte übernommen werden. Ohne Frage geht die globale Ausdehnung auch nicht ohne Probleme vor sich. Es ist auch richtig, dass sich entsprechende Gegenbewegungen formieren. Es ist auch nicht auszuschließen, dass eine Besinnung auf tradierte Werte ein günstiger Nährboden für Terroristen ist, dafür gibt es reale Bezüge. Eine Argumentation, die Terroranschläge wie die vom 11. September 2001 mit der Reaktion auf den Globalisierungsprozess erklärt, impliziert meines Erachtens aber eine indirekte Schuldzuweisung an die USA. Zudem wird Terror als letztes Mittel gegen den Globalisierungsprozess begriffen, da der Autor betont hat, dass die sich entgegenstellenden Kräfte zu schwach sind. Auch wenn Ritzer darauf hinweist, dass seine Argumentation keine Rechtfertigung für aggressives Vorgehen ist, so gewinnt man doch den Eindruck einer unterschwelligen Rechtfertigungs- und Antiamerikanisierungsthese. Hier wird seitens des Autors zu kurz gedacht und zu schnell eine einseitige Schlussfolgerung gezogen. An dieser Stelle wäre eine umfassende, nicht nur in eine Richtung gehende Auseinandersetzung mit der Thematik notwendig.

Zu kurz kommt in Ritzers Ausführung auch, welches Selbstverständnis postmodernen Gesellschaften zugrunde liegt. Ritzer erläutert nur, von wo und warum die Impulse transnationaler und globaler Prozesse ausgehen. Er greift das Schlagwort Amerikanisierung auf und versäumt es zu hinterfragen, ob sich nicht die Moderne verändert hat. Demnach wäre die USA nicht das auslösende Moment für den Globalisierungsprozess und die Ausbreitung des Nichts sondern nur die Vorhut.

Fazit

Die von George Ritzer benutzten neuen Begrifflichkeiten wie Nichts und Etwas machen den Text oft unverständlich und schwer nachvollziehbar. Die vielen Wiederholungen sind überflüssig, da sie keinen Neuigkeitswert mehr ergeben. Der Text wird vielmehr dadurch sehr aufgebläht. Was dem Autor sehr gut gelungen ist, sind seine sich an der Realität orientierenden Beispiele wie Coca Cola und McDonald. Insgesamt wird der Begrifflichkeit des Nichts aber zu viel Raum gegeben. Denn der Autor selbst hat anfangs ja betont, dass es nicht um das Nichts geht, sondern um die Globalisierung des Nichts. Zu kurz kommen auch die Auseinandersetzung mit der Postmoderne und ihren Vertretern sowie eine Analyse unterschiedlicher Positionen. Dennoch ist das Werk eine gute Diskussions- und Streitschrift. Ein Buch, das mit seinen Thesen durchaus gegenwärtige Gesellschaftsfragen provoziert.

George Ritzer: Die Globalisierung des Nichts. UVK Medienverlagsgesellschaft (Konstanz) 2005. 372 Seiten. ISBN 3-89669-536-3. 19,90 EUR, CH: 34,90 SFr.
Originaltitel: The globalization of nothing. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzt von Silvia Arnold

© Soraya Levin