Zwei Seiten der Erinnerung ...

Ein beeindruckendes Zeitzeugenbild jüdischer Schicksale der NS-Vergangenheit.
Volker Dittrich leistet mit diesem Buch einen großen Beitrag zur Erinnerungskultur, der gar nicht genug gewürdigt werden kann.

Es gehört viel Mut dazu, sich an den Holocaust zu erinnern. Einer, der diesen Mut über Jahrzehnte aufgebracht hat, ist der 1926 geborene deutsch-jüdische Schriftsteller Edgar Hilsenrath. Dessen Mut von seinem Bruder Manfred bestätigt wird. Der trotz der Todesgefahr einen Fluchtversuch aus dem Ghetto gewagt hat, dessen vermeintlich letzte Zigarette ihn zum lebenslangen Raucher werden lässt. Dessen Depressionen mit Elektroschocks behandelt worden sind, dessen deutsches Publikum sich ihm kaum zugewandt hat, der heute stark zuckerkrank im Rollstuhl sitzt, der allem Angepassten widerstanden hat und der in Volker Dittrich einen würdigen Freund und Verleger gefunden hat.

Einer, der sich Jahrzehnte später erinnert, ist Edgars drei Jahre jüngerer Bruder Manfred. Der immer Angepasste, dem es fast den Atem genommen hat, als er nach Kriegsende in den Armen des tot geglaubten Vaters liegt. Der sich in Amerika mit Eis „vollgefressen“ hat. Der sein Glück kaum glauben konnte, plötzlich in Freiheit durch Hollywood zu fahren. Der beim Luft- und Raumfahrtunternehmen Lockheed seine Zukunft neu gestartet hat und für den Amerika bis heute seine Heimat ist.

Volker Dittrich gibt den beiden Brüdern in seinem ursprünglich als Feature konzipierten Buch „Zwei Seiten der Erinnerung. Die Brüder Edgar und Manfred Hilsenrath“ Raum für die Erinnerung. Ein kraftvolles Bild jüdischer Lebensgeschichte entsteht, indem auf Manfreds Rückschau nicht Edgar in die Vergangenheit blickt, sondern Edgars Romanfiguren.

Es ist ein ganz persönlicher Einblick, der sich nicht auf ein gemeinsames Erleben der NS-Vergangenheit reduzieren lässt. Im Blickpunkt stehen zermahlene Seelen und der Umgang mit der Erinnerung. Bei Manfred aus dem Abstand des jahrzehntelangen Schweigen und Verdrängen heraus, bei Edgar aus der Beständigkeit der Rückschau durch seine Romanfiguren, die für ihn zum therapierenden Seelenventil werden.

Ein zwischen den Rückblicken eingefügter Perspektivenwechsel nimmt den Leser mit auf die Lesereisen von Volker Dittrich und Edgar und ergänzt das Bild der Brüder bizarr bis humorvoll um die Verletzlichkeiten und Schwächen.

Wendet sich Manfred nach dem Krieg der Zukunft zu, verharrt Edgar in der Vergangenheit. Besucht Manfred in den USA die Schule und studiert, bleibt Edgar Autodidakt ohne Abschluss. Geht Manfred einem Brotberuf nach und wird Ingenieur, macht Edgar das, was er immer machen wollte, Schreiben.

Nicht viele haben an Edgar Hilsenrath als Schriftsteller geglaubt. Nicht mal sein Vater und Manfred. Gedämpft kommt er daher, dieser Holocaustliterat und erkämpft sich mühsam die Anerkennung. Der deutsche Boden ist nach dem Krieg über Jahrzehnte nicht bereit, für die Aufnahme einer bis ins Groteske gehenden Holocaust-Literatur. Der satirisch-groteske Roman „Der Nazi und der Friseur“ wird in den USA zum Bestseller. In Deutschland findet er kaum ein Publikum.
Gerade die Groteske bietet die Möglichkeit, das unaussprechliche Geschehen des Holocaust auszusprechen. Edgars Bilder sind die, die Manfred im Rückblick mit Angst und Verzweiflung besetzt hat. Die Erinnerung an Kindertage in Halle. Ein sich flechtenartig ausbreitendes antisemitisches Klima, vor dem selbst Patrioten wie der Vater, nicht geschützt sind. Lieder, die vom spritzenden Judenblut handeln, Juden, die mit Hunden gleichgesetzt werden, ein prügelnder und demütigender Schulalltag. Ein hilfloser Vater, weinend und verzweifelt.

In Edgars Romanen entdeckt Manfred Edgars Fußabdrücke. Fußabdrücke, in die Edgar seine Figuren treten lässt, die an seiner statt sprechen. Edgar spiegelt Stimmungen wie die aus ihrem Zufluchtsort Sereth. Eine Kleinstadt in der Südbukowina, in der der Antisemitismus 1938 noch nicht angekommen ist, in der das jüdische Leben noch blüht.
Manfred findet in Edgars Büchern eine tiefe Sehnsucht nach dem Lebensgefühl des großelterlichen Ortes.

Die Erinnerung an Sereth wird überschattet durch tiefgreifende Veränderungen. 1941 frisst der Antisemitismus die Juden Sereths. Manfred durchlebt in seiner Erzählung noch einmal den zum Tode geweihten Deportationstransport. Eingepfercht in Viehwaggons, eine Enge, kaum Luft zum Atmen, Körper an Körper stehend beieinander, stinkende unter sich ergehende Exkremente, hungernd, durstend und letztlich der Tod.

Tod auch in den vergessenen Waggons in Edgars Roman „Jossel Wassermanns Heimkehr“. In diesem Roman durchlebt der Leser das blühende Sereth und wird mit imaginären Erzählstimmen konfrontiert, die sich über den Abtransport der Juden ins Ungewisse auslassen.

Während dem in Halle zurückgebliebenen Vater die Flucht nach Frankreich gelingt, endet für Manfred, Edgar und der Mutter das Entsetzen des Viehwaggons im neuen Entsetzen, im Ghetto Mogiljow-Podolski. Hier trägt der Tod Blüten. Hunger, Kälte und Seuchen greifen habgierig um sich und sacken die noch Lebenden ein. Fast trifft es Manfred, der an Hungertyphus erkrankt, der sich in Edgars Roman „Nacht“ als Fred wiederzufinden glaubt.

Hier an diesem Ort des Todes kann sich niemand Mitleid leisten. Hier geht es einzig ums Überleben, hier ist der Mensch entmenscht. Hier taucht sie auf, Manfreds „Überlebensschuld“. Ein immer währendes Bild flehender Augen eines vom Hungertod bedrohten Jungen um ein Stück Brot, denen er, Manfred, damals doch selbst noch ein Junge, widerstanden hat.
Edgar beschreibt in seinem 1950 in den USA veröffentlichten ersten Roman „Nacht“ eindringlich diesen Prozess der Entmenschlichung und zeigt, dass in der Welt der Toten keine Moral mehr existieren kann. Doch davon will man in Deutschland nichts wissen. Der Kindler Verlag tritt von seinem anfänglichen Interesse zurück und erst Jahre später, 1964, wird das Buch durch Helmut Braun in kleiner Auflage veröffentlicht.

Die Hilsenraths überleben das Ghetto und werden 1944 von den Russen befreit. Da stehen sie, die Entwurzelten. Im Kopf kein Bild für die Zukunft, nur Trauerrufe. Die Rückkehr nach Sereth verschafft ihnen eine Atempause. Edgar sieht seine Zukunft in Palästina. Ein Irrglaube. Das Festhalten an der deutschen Sprache und die Lebensbedingungen im Kibbuz trennen Edgar von dieser fremden neuen Heimat.
In Haifa erkrankt er schwer an Malaria und kehrt 1947 entkräftet und depressiv zu seiner Familie nach Frankreich zurück.
Aus dieser Fülle von mitgeschleppten Erinnerungen der Kriegs- und Nachkriegszeit entsteht sein wohl beachtlichster Roman „Die Abenteuer des Ruben Jablonski“.

Manfred und seine Mutter schlagen sich nach der Befreiung zum Vater nach Lyon durch. Für Manfred ist das Wiedersehen mit dem tot geglaubten Vater ein nicht in Worte zu fassender Augenblick.

Manfreds Zukunft heißt Amerika. 1950 verlässt er Frankreich, bildet sich weiter, studiert Ingenieurwesen und arbeitet über Jahre bei Lockheed. Amerika ist für Manfred bis heute sein Kompass. Edgar, der 1951 seinem Bruder folgt, kann das Land hingegen nicht für sich entdecken. Seine Eigensinnigkeit und Verschlossenheit stehen einer Integration im Wege und blockieren einen Aufstieg.
In einer Cafeteria in New York schreibt er jahrelang an seinem Roman „Nacht“. Der literarische Erfolg stellt sich gerade in dem ihm verhassten Amerika ein. 1971 wird seine Romangroteske „Der Nazi und der Friseur“ zum Bestseller.
1975 kehrt Edgar den USA den Rücken und siedelt sich in Berlin an.

Das Publikum in Deutschland wächst nur behutsam für diesen großartigen deutsch-jüdischen Schriftsteller, der immer eins geblieben ist, ein Deutscher. Der es wie kein anderer verstanden hat, in seinen Romanen das jüdische Schicksal der Vor- und Nachkriegszeit zu beleuchten.

Volker Dittrich, Zwei Seiten der Erinnerung. Die Brüder Edgar und Manfred Hilsenrath, Dittrich Verlag GmbH, Berlin 2012,254 Seiten, Englische Broschur, ISBN 978-3-937717-75-3, 17,80 EUR

© Soraya Levin