Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt

Marie Luise Knott

Ein Kleinod skizzierter Denkbilder Hannah Arendts, das neue Denkräume öffnet

Deutsch-jüdische US-Bürgerin, Publizistin, Moralphilosophin und politische Theoretikerin oder einfach "ein Mädchen aus der Fremde". Die Journalistin und Autorin Marie Luise Knott spricht in Verlernen. Denkwege bei Hannah Arendt über Hannah Arendts Gedanken, Notizen, Reflexionen zur Politik und Philosophie aus Arendts Denktagebüchern, die eins deutlich machen: die Philosophin will verstehen und schafft sich dafür Räume zum Nach- und Neudenken. Denn mit der Nazidiktatur und der Shoah ist ein hermeneutisches Verstehen nicht mehr möglich, da die Instrumentarien der Politik sowie die normativen Bestimmungen des Strafrechts diese Dimension des Völkermords und der Verbrechen gegen die Menschlichkeit nicht fassen. Hannah Arendt begibt sich auf die Suche nach dem Verstehen. Hierbei denkt sie bisherige gesellschaftliche Prozesse auf eine andere Art und formuliert neue Begriffssysteme zum Phänomen der totalen Herrschaft mit dem begleitenden Zerstörungspotential des Politischen. Anthropologische und metaphysische Fragen werden mit Fragen nach Vernichtung von Freiheit und totalitären Ansprüchen bis zur Apokalypse gedacht und finden sich in Essays wie Eichmann in Jerusalem, Vita Aktiva, On Revolution und Elemente und Ursprünge wieder. Arendt findet in ihren Denkwegen zu einem neuen Verständnis von dem Begriff verzeihen, indem sie ihn von der christlichen Nächstenliebe löst. Denn das göttliche Gebot, das das Verzeihen einfordert, greift mit der Apokalypse der Shoah nicht mehr. Sie ordnet das Wort Verzeihen neu und stellt es in einen politischen Kontext, in dem es zu einem Gesuch wird, das auch abgelehnt werden kann.

In ihrer Auseinandersetzung mit der moralischen Konzeption des Bösen stellt sie Kants "radikal Bösem" die "Banalität des Bösen" entgegen. In ihrem Bericht über Eichmann in Jerusalem greift sie Raul Hilbergs in The Destruktion of the European Jews vertretene These auf, dass es sich bei den Tätern um keine "besonderen Deutschen" gehandelt hat. Auch Eichmann ist für Hannah Arendt kein besonderer Deutscher. Sie nennt den Organisator des Verwaltungsmassenmordes einen "Biedermann" ohne Motiv,