Stretch

Gunter Nitsch

„Stretch“ ist Günter Nitsch, der hier so charmant, humorvoll und unterhaltsam über das Erwachsenwerden erzählt. Ein Erwachsenwerden, was nicht immer leicht ist. Was eingehüllt ist in Ängste, in den rätselhaften Karneval, in die erste große Liebe und die erste Trunkenheit, in die Neugierde auf neue Freundschaften und andere Orte, in die deutsche Vergangenheit, in die Geborgenheit und Zuversicht der Mutter, in die Konflikte mit dem Vater und der unbestritten großen Sehnsucht nach Amerika. Für diesen jugendlichen Ostflüchtling mit mangelnder Schulbildung bleibt keine Zeit im Nachkriegsdeutschland, für diesen Jungen bleibt nur der Aufbruch.

Der Held ist er selbst. Der Erzähler Günter Nitsch. Ostflüchtling und Außenseiter im Nachkriegsdeutschland. Einer, der sich hartnäckig nach oben kämpft und der trotzdem loslassen kann.

Es ist der 24. April 1964. Der Transatlantikdampfer FRANCE startet von Le Havre nach New York. An Bord Günter Nitsch, ein junger Mann, der Deutschland den Rücken kehrt.
Ein junger Mann, der sich seinen Durst nach den USA, der mit Billy Jenkins Heften beginnt und mit dem Jazz größer wird, nun stillt.

Ein junger Mann, dessen Kindheit mit dem Krieg für Jahre verschwendet wird. Für die vom Vater getrennte Familie ist das Leben in der Zeit vom Frühjahr 1945 bis zum Herbst 1948 im russisch-besetzten Ostpreußen ein perspektivloser harter Tiefgang. 1950 scheint sich mit der Ausreise nach Deutschland alles zum Besseren zu wenden. Doch die familiäre Situation ist schwierig, da der unterdessen in Köln lebende Vater völlig die Bindung an die Familie verloren hat. Mit dem Aufeinanderprallen dieser über Jahre gegensätzlich geführten Leben, schwindet die Hoffnung auf eine Familienzusammenführung. Der Vater will sie nicht und für zwei Jahre wird das Flüchtlingslager ihr neues Zuhause. Die Mutter hat nicht nur um das tägliche Essen, sondern auch um die unregelmäßig erfolgten Unterhaltszahlungen des Vaters zu kämpfen. Die Entscheidung, was aus der Familie werden soll, fällt im Jahr 1950. Der Vater, unterdessen wieder in seinem Beruf als Konditor tätig, holt die Familie nach Bergheim bei Köln.

Die Nachkriegszeit mit ihren vielen sozialen und gesellschaftlichen Problemen straft die heruntergewirtschafteten und gezeichneten Flüchtlinge nochmals. Denn die Gesellschaft, betroffen von knappem Wohnraum und beschäftigt mit der Arbeitssuche benötigt keine zusätzlichen Mitglieder. Mitglieder, die zudem nicht in das Bild passen. Die sich durch ihren Dialekt, ihre schäbige Kleidung und ihre, gerade im Kölner Raum, andere Konfession abgrenzen. Einquartiert auf engstem Raum, ohne Komfort und ähnlich der Situation im Flüchtlingslager beginnt die Familie Nitsch ihren gemeinsamen Neustart. Für Günter ist dieser Neustart eine doppelte Zäsur. Der Krieg hat seine Spuren auch auf seiner Bildung hinterlassen. Mit nur vier Jahren Schulbildung versucht er den Anschluss zu schaffen. Gehänselt und gedemütigt von Lehrern und Schülern, als „stinkender Flüchtling“, als „Kameltreiber“ und „Fettkopf“ beschimpft, bewältigt Günter die erste schwere Hürde. Eine Hürde, die ihn 1952 in die Handelsschule trägt. Er beißt sich bildungsmäßig durch, nutzt gezielt die Chancen und die Wege, die sich ihm aus der Sackgasse des Flüchtlingskindes bieten. 1955 beginnt er eine kaufmännische Ausbildung bei der in der Chemiebranche angesiedelten Arminius AG. Mit dem Besuch des Höwi Colleges begibt er sich auf die Überholspur, denn der Abschluss katapultiert ihn in die Managementebene. Unterschiedliche berufliche Stationen schließen sich an, von einem Fleischgroßhändler bis zur Supermarktkette. Doch der Alltag bleibt monoton und Günter träumt weiterhin von Amerika.

Unterdessen hat das Wirtschaftswunder auch die Familie Nitsch erfasst. Die Eltern schaffen es bis zu einer eigenen Konditorei, das Leben spielt sich nicht mehr auf beengtem Raum ab, es gibt sogar ein Telefon und einen Fernseher.

Die Oma, seit der Rückkehr aus Ostpreußen in Ostdeutschland zurückgeblieben, ist Rentnerin und darf nach Westdeutschland ausreisen. Sie hat sich verändert, ist nicht mehr die