Ich weiß nicht mehr die Nacht

Michael Roes

© Matthes&Seitz

Schauplatz der Handlung ist eine deutsche Kleinstadt mit all ihrem kleinbürgerlichen Mief. Das Leben verläuft hier ohne Besonderheiten. Auch das Leben von dem jungen Stefanos. Am Tag turnt er an den Ringen und nachts jobbt er in einer Cocktailbar als Barkeeper. Seine kühle und verschlossene Art lässt ihn unnahbar und überheblich wirken. Doch tief in ihm ist eine feinfühlige Sehnsucht und Einsamkeit, die er in den Gedichten des griechischen Lyrikers Elytis wieder findet. Laut liest er die Verse „Ich weiß nicht mehr die Nacht…“ dem Fluß vor und träumt vom Ausbruch aus der städtischen Enge.
Auch Derek, der Bruder seiner Stiefmutter, verabscheut diese trostlose Stadt. „Ist allein der ständig bedeckte Himmel schuld, dass dieser Landstrich keine Farbe hat. Selbst mitten im Sommer komme ich mir wie in einem Schwarzweißfilm vor.“ Im Gegensatz zu Stefanos ist er aber gnadenlos und brutal. Ein Krimineller, der in seine krummen Geschäfte, Diebstähle und Sportwetten auch Stefanos Vater, Christos, mit hineinzieht. Christos, Gebrauchtwagenhändler und eingewanderter Grieche. Obwohl er alles versucht hat, ist er nie aus den kleinen Verhältnissen herausgekommen. Er weiß und spürt, dass sich Stefanos innerlich von ihm entfernt hat, dass er ihn mehr als verachtet. Aber nicht nur Stefanos. Auch Anna, seine Frau, lebt ihr eigenes Leben. Ihre Angst vor dem Alter treibt sie in wilde sexuelle Fantasien hinein. Sie verliebt sich in ihren Stiefsohn Stefanos. Ihre immer stärker werdende Lust mündet schließlich in einem familiären Unglück.

Fazit:

Mit einer frivol sexuell offenen Sprache, einer Fülle von Bildern und innerer Monologe seiner familiären Figuren zeigt Michael Roes in seinem Roman „Ich weiß nicht mehr die Nacht“ das Leben als eine Sackgasse. Der junge Stefanos träumt von einem Ausbruch aus der verhassten kleinbürgerlichen Stadt. Die Entfremdung von seinem Vater und seiner Stiefmutter Anna ist irgendwann zwischen dem Leben geschehen. Auch Christos, Stefanos Vater, einst aus Griechenland eingewandert, denkt mit Wehmut an sein verpasstes Leben und seine aufgegebenen Träume. Und Derek, der Bruder von Stefanos Stiefmutter, macht die unsagbare Grausamkeit seines Vaters und die Gesellschaft für sein Scheitern und seine kriminelle Karriere verantwortlich. Und die Stiefmutter Anna ist nicht mehr die junge Blüte. Sie spürt die Vergänglichkeit und das setzt ihr zu. „Das Leben findet anderswo statt und lässt mich unbeachtet stehen.“ Ihr einziger Fluchtweg vor dem Alter ist ihre sexuelle Fantasie. Ihr unsagbares Verlangen zu ihrem Stiefsohn Stefanos offenbart die menschliche Natur und ihre Zerstörungskraft.

Mit sehr viel Einfühlungsvermögen blickt Michael Roes in das Innere seiner Figuren, die nie in ihrem Zu Haus angekommen sind. Was bleibt ist das Gefühl der Entfremdung voneinander, die Einsamkeit, die Sehnsucht nach der Freiheit, die Wehmut der einstigen verlorenen Jugend und der Verlust der Träume.

Ein kraftvoller gefühlsstarker Roman, der aus dem Flüstern der kleinbürgerlichen Welt zu entfliehen einen gewaltigen Schrei werden lässt.

Michael Roes, Ich weiß nicht mehr die Nacht
, Roman, 228 S., geb. mit Schutzumschlag, Berlin, Februar 2008, Matthes & Seitz Berlin, € 19,80 / sFr 35,90, ISBN 978-3-88221-707-0

© Soraya Levin