Ich weiss nicht, warum ich noch lebe

von Fritz Orter

Ein Kriegsjäger, der ruft „Ich hasse den Krieg.“

Plötzlich ist das schrecklichste Kriegsgebiet das eigene Zuhause. Der Krieg heißt Krebs und verschlingt ein neues Opfer, seine Frau. Sie ist sein Lebensanker gewesen, wenn er auf einer seiner Todesreisen ging. 30 Jahre lang, 14 Kriegsreisen in das sichtbare Elend des Nahen und Mittleren Ostens, des Kaukasus und des Balkans. Sein Job ist die höllische Front, denn er ist Kriegsreporter. Ein Kriegsjäger, der ruft „Ich hasse den Krieg.“, den es immer wieder wie von der Apokalypse angetrieben jedoch genau dort in die Hölle zieht. Orter ist einer, der das blutige und schmutzige Bild des Krieges der Öffentlichkeit ins Bewusstsein rufen möchte. Der letztlich erkennt, nicht er und seine Bilder der menschlichen Barbarei wenden das gewalttätige Blatt, sondern der Krieg wendet seine Seele.

Er ist an Orten, wo es nach menschlichem Kadaver riecht. Er sieht abgetrennte Körperteile, verbranntes Fleisch, von Fäulnis befallene Körper, weinende Mütter, die ihre Söhne sterben sehen und schluchzende Kinder. Menschliche Überreste in Massengräbern. Wie Müll entsorgte Menschen, enthauptet, ausgeblutet. Hunde schlabbern Blut statt Wasser, fressen an den menschlichen Resten herum. Straßen mit Leichen gesäumt. Gewaltexplosionen, bei denen sich Menschen in die Luft sprengen, um andere zu zerfetzen. Bei denen diese anderen ihre fünf Söhne verlieren wie Muhamed Al Chaschal 2007 im Shabunder-Café in Bagdad.

Ob Irak oder Afghanistan. Orter macht deutlich, dass der Krieg zeitlos ist. So zeitlos wie der Verlust der ethischen Balance. Inmitten afghanischer Selbstmordanschläge und Terror ist Orter angetan von der afghanischen Gastfreundschaftlichkeit und entsetzt über die Brutalität der Gastgeber, wenn sie ungerührt erzählen „Wir haben sie gehäutet, bis zum Bauch eingegraben und gewartet, bis die Geier kommen. Sie brüllten viehisch vor Schmerzen.“, die russischen Soldaten.

Die Kriegsschauplätze sind austauschbar. Ab 1991 wird auf dem Balkan gewütet. Der Krieg verändert seine jugoslawischen Freunde, die sich nun gegenseitig massakrieren. Multikulturelle Städte wie Sarajewo werden von Gewaltexplosionen geflutet. 8000 bosnisch-muslimische Jungen und Männer werden Opfer eines serbischen Massakers. Der Bosnienkrieg lässt Felder von Toten zurück.

In der Kriegshölle vom Balkan bis Damaskus wird jede Bewegung beschossen. Journalisten wie Orter sind in brenzligen Situationen, die ihr Leben bedrohen. Mal sind es die Raketen und Gewehrsalven, mal die Sniper, mal der wütende Mob in Faludscha, der mit Orter abrechnen möchte. Viele seiner Kollegen wie der britische Fotograf und Dokumentarfilmer Tim Hetherington, Marie Colvin und Nils Horner haben ihr hohes Risiko in Libyen, Homs und Kabul mit dem Leben bezahlt.

Für die Öffentlichkeit sind Kriegsreporter oftmals getriebene Abenteurer und Voyeuristen. Es geht immer um eine blutige Erfolgsstory, um die besten grausamsten Bilder, um die besten Preise. Zwischen dem Getriebenen und den ethischen Ansprüchen liegt irgendwo die Wahrheit.

Kriegsreporter wie Fritz Orter setzen sich für unser Recht auf Information ein. Wie Orter selbst betont, ist es nicht einfach Fakten und Wahrheiten zu überprüfen. Viele Informationen sind Propaganda. Eine umfassende Recherche ist notwendig, um die Öffentlichkeit über Kriegsregionen zu informieren. Eine Recherche, die der Medienkrise und dem damit einhergehenden Quotendruck zum Opfer fällt. Typen wie Fritz Orter werden verschwinden und damit unser Menschenrecht auf Information. Eine Kollegin erklärte ihm während des Balkankrieges: „Wir wollen deine Leichen nicht mehr sehen. Die Zuschauer auch nicht.“

Fritz Orter zeigt, dass der Krieg mit seinem Produktionsmittel Tod ein würdeloses Mantra ist. Menschen und Dörfer verschwinden. Zurück bleiben Ruinen, Witwen, Waisen, Flüchtlinge, traumatisierte Menschen.
Mittendrin die Kriegsreporter. Ihr „Geschäft ist der Tod.“ und dieses Geschäft sagt Orter, „hat mich für immer verändert.“

Fritz Orter zeigt, wie wichtig es ist, über die Gräuel des Krieges aufzuklären. Sein Buch verdeutlicht jedoch, dass die Informationen, egal wie abgrundtief menschenverachtend die Darstellung ist, recht schnell im Medienspektakel verblassen. Es bleibt trotzdem richtig und wichtig aus den Krisengebieten heraus zu berichten, auch wenn die Öffentlichkeit nichts von dem Elend wissen will. Und auch wenn die Berichterstattung keine Waffe gegen den Krieg ist, gehen Krieg, Massaker und Mord uns alle als Menschen an.
Fritz Orter räumt zudem mit dem Mythos des kaltschnäuzigen Kriegsreporters auf. Orter leidet mit, versucht das Kriegsgedonner mit Mozart zu übertönen. Seinen blutigen Job kann er letztlich nur durch den Rückhalt seiner Frau ertragen. Krieg reißt Wunden. Auch bei denen, die fälschlicherweise als vermeintliche Abenteurer gelten.

Fritz Orter, Ich weiss nicht, warum ich noch lebe, gebunden, 2014 Ecowin, Salzburg, Fotos Innenteil: Privatarchiv Fritz Orter, 120 Seiten, EUR 19,95, ISBN: 978-3-7110-0056-9

© Soraya Levin