Geheime Kräfte

von Roland E. Koch

„Nie wieder würde er so sein, wie noch am Morgen.“ Warum nicht? Ein Geheimnis, das uns neugierig macht? Fehlpass. Warum ans Ende? Der Satz hätte ein starker Einstieg in eine der Kurzgeschichten aus Roland Kochs „Geheime Kräfte“ sein können. Stattdessen vielfach eine ermüdende Beginnabfolge mit „Ein Mann ...“. Warum nicht gleich „Es war einmal ...“?

Die Erzähltemperatur ist lau. Dabei bieten Roland Kochs mysteriöse Alltagsgeschichten durchaus den Rahmen für mehr Hitze. Der Mensch als Sinnsucher inmitten des geheimnisvollen Lebens. Da sind die kindlichen Sehnsüchte der Erwachsenen, die Entdeckung der verdrängten Wünsche und Bedürfnisse. Da ist sie, die Sehnsucht nach der neuen Liebe, die Sehnsucht nach einem Abenteuer oder ganz einfach der Wunsch nach ein wenig Zärtlichkeit. Hier hat einer schon längst resigniert, dort ist ein anderer bereit, sein Leben zu ändern. Wieder ein anderer ist aufgefressen von der Arbeit, während an anderer Stelle ein Paar statt Rache Glück empfindet. Wo bei dem einen noch Liebe ist, schwelgen die anderen in der Midlifecrisis oder in der Sprachlosigkeit. Wo einer die Einsamkeit sucht, schnürt sie einen anderen ein.

Kochs Figuren stehen im Wettkampf mit der Tretmühle des Lebens und der allgegenwärtigen Lebenszeit. Die einen laufen oft so gleichmäßig in einem vorgegebenen Lebensmuster und spüren in der Monotonie nicht den schon längst eingetretenen Stillstand. Die anderen wachen manchmal aus dem vergessenen Leben auf, fühlen, da ist noch etwas, da geht noch etwas, da kommt noch etwas und sie drehen an der Uhr. Was folgt ist Magie oder das reale Leben? Wir wissen es nicht. Auf jeden Fall ist es etwas Überraschendes, das Kochs Figuren und den Leser verblüfft. Jetzt spätestens wäre die Zeit für einen bildhaften Paukenschlag, um aus dem einschläfernden Leserhythmus aufzuwachen.

Kochs Figuren schwimmen im Fluss ihrer Geschichte. Und der Leser? Der fällt in die zu abstrakten Geschichten und schwimmt und schwimmt. Die Botschaften sind nicht erzählt, sie sind fad und nicht appetitanregend. Die Chance auf eine gute Küche ist vertan. Schade, denn die inhaltlichen Zutaten sind attraktiv.

Roland E. Koch, Geheime Kräfte, 200 Seiten, gebunden, Dittrich Verlag GmbH, Berlin 2013, ISBN 978-3-943941-09-8, 17,80 EUR

© Soraya Levin