Ein letzter Sommer

Steve Tesich

© Kein & Aber

Vielen ist der aus Jugoslawien stammende und 1982 verstorbene Steve Tesich durch seine mit dem Oscar ausgezeichneten Drehbücher für den Film "Breaking Away" und "Garp und wie er die Welt sah" bekannt. Im Alter von 14 Jahren kommt Tesich in die USA und studiert russische Literaturgeschichte an den Universitäten von Indiana und Columbia. Er schreibt zahlreiche Theaterstücke und zwei Romane. Neben dem Roman "Abspann" sein Prosadebüt "Summer Crossing", übersetzt "Ein letzter Sommer".

Der Roman "Ein letzter Sommer" ist in den USA mit Salingers "Der Fänger im Roggen" verglichen worden. Auch Steve Tesichs Protagonist verkörpert die junge Generation und ihre Probleme auf dem Weg in die Welt der Erwachsenen. Für einen Sommer lang taucht der Leser in die Welt des 18-jährigen Daniel Price in East Chicago, Indiana ein. Für Daniel und seine beiden Freunde Billy und Larry ist es das letzte Schuljahr an der High School. Es ist ihr letzter gemeinsamer Sommer. Sie wissen, die Zuversichtlichkeit, ihren gewohnten Ablauf auch nach den Ferien wieder vorzufinden, geht ihnen verloren. Wehmütig stellen sie fest, dass sie schon jetzt beim Sport nicht mehr dazu gehören. Sie sind die "Ehemaligen". Sie gehen nicht mehr unbekümmert einem neuen Schuljahr entgegen. Die Welt ist für sie verändert. In diesem letzten gemeinsamen Sommer verlieren sie ihr Ziel. Sie wissen nicht, was sie nach der Schule mit ihrem Leben anfangen sollen. Werden sie wie viele in der Stadt in der Ölraffinerie von Sunrise Oil arbeiten? Oder verlassen sie vielleicht East Chicago und gehen hinaus in die Welt? Sie spüren den Verlust ihrer vertrauten Abläufe. Sie spüren die Herausforderung, sich nun mit der Zukunft und den Grundfragen des Lebens beschäftigen zu müssen. In diesem letzten Sommer verbindet die drei Freunde ein Gefühl der Angst und der Bedrohung. Einzig ihre erwachsene Freundin Mrs. Dewey, wirkt auf ihre Art jugendlich und gibt ihnen das Gefühl, dass es auch nach der Schule ein Leben gibt.

Neben ihren Zukunftsängsten empfinden sie auch ihre jeweilige familiäre Situation und die Ablösung vom Elternhaus als belastend. Billy hat ein gestörtes Verhältnis zu seiner Mutter. Er wirft ihr vor, die Erinnerung an den geliebten toten Vater nicht lebendig zu halten. Larry verachtet seine Eltern für ihre Dummheit und hat sich schon lange von ihnen unbemerkt entfremdet. Der Protagonist Daniel muss fast täglich den Streit zwischen seinem Vater und seiner aus Jugoslawien stammenden schönen und reizvollen Mutter ertragen. Er spürt die wachsende Verachtung und Demütigung des Vaters, der sich eigentlich nur nach Liebe und Zuneigung sehnt. Doch unerbittlich fragt der Vater nach den Ursachen seines nicht geglückten Lebens. Verbitterung, Verzweiflung und Zynismus beherrschen ihn. Daniel möchte nur, dass sein Vater glücklich ist. Gleichzeitig möchte er sich aber aus seiner Abhängigkeit befreien. Nur allzu oft bleibt Daniels Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben ein Traum. Letztlich obsiegt der Vater.

Dieser Sommer ist auch ein Sommer der schicksalträchtigen Liebe. Unser Protagonist verliebt sich in die junge zugezogene Rachel. Berauscht von seinen Gefühlen, tritt alles um ihn herum in den Hintergrund. Seine Auseinandersetzung mit dem Vater, die Zukunft, seine Freunde, der Wunsch, der Stadt den Rücken zu kehren. Verwirrend für Daniel ist jedoch die Beziehung Rachels zu ihrem Vater David. Sie trägt seine für sie viel zu großen Hemden, sie redet ihn mit dem Vornamen an, statt Vater zu sagen. Die Blicke, die sie austauschen, sind ein Ausdruck tiefer Verbundenheit und Nähe. Daniel hat dabei das Gefühl, es gibt zwischen Rachel und ihrem Vater noch etwas, was er noch nicht richtig fassen kann.

Um mit Rachel mehr Zeit verbringen zu können, sagt sich Daniel immer mehr von seinem Freundeskreis los. Die verzweifelte Jagd nach Liebe, verkörpert von Rachel, lässt auch keinen Raum für seinen schwer an Krebs erkrankten Vater. Bei einem unbarmherzig und hemmungslos geführten Kampf, den die drei Freunde gegen Mrs. Deweys Ehemann und einige seiner Arbeitskollegen führen, zerbricht ihre Freundschaft endgültig. Nichts ist mehr so, wie es vorher war. Sie haben sich verändert. Daniels Vater stirbt. In seiner Liebe zu Rachel wird Daniel immer mehr von der durch sie empfundenen und erlittenen Qual beherrscht. Diese Grenzerfahrung und der Tod des Vaters machen ihn schwermütig und trübsinnig. Er lässt sich gehen, plagt sich mit Selbstvorwürfen und Selbstmitleid und überlegt, ob er seinem Leben ein Ende setzen soll. Als bei den Ölraffinerien ein Feuer ausbricht, erkennt er, dass das Porträt von Rachel widersprüchlich, unergründlich und geheimnisvoll bleiben wird. Seine sehr spirituell veranlagte Mutter zieht sich immer mehr in ihre ehemals heimatlich vergangene Welt zurück. Daniel sucht nach einem Halt, nach einer Orientierung. Er möchte die Handlungen der Menschen, die ihm nah sind, verstehen. Das Nachempfinden ihrer Lebensentwürfe hilft ihm dabei. Seinen Zugang zur Wirklichkeit sagt ihm die Mutter in einem Kaffeesatz voraus. Er findet ihn nicht in East Chicago.

Ein überaus ausdrucksstarkes Buch, das die stille Verzweiflung eines Jungen beim Übergang in die Erwachsenenwelt aufzeigt. In erzählerisch meisterhafter Art und Weise richtet Steve Tesich seinen Fokus auf die unterschiedlich geformten Charaktere. Es gelingt ihm, durch die wechselnden Perspektiven, die neben dem Protagonisten mal die eine und mal die andere Figur beleuchten und durch die einfühlsamen Dialoge und inneren Monologe des Daniel Price die Emotionen und Handlungen seiner Figuren zu verinnerlichen. Dadurch trägt er die Atmosphäre von leidenschaftlichen und widersprüchlichen Empfindungen sowie von enttäuschter bittersüßer Liebe in die Erzählung.

Die Sprache von Steve Tesich ist geradlinig und die Handlung ist leicht nachzuvollziehen. Das Thema des Romans ist von universeller Gültigkeit. Das Wiedererkennen der eigenen jugendlichen Problemfelder ist ergreifend. Ein feurig entflammendes Buch. Literarisch ein Kleinod oder einfach ausgedrückt: Klasse. Durch und durch lesenswert.

Ein letzter Sommer, Steve Tesich, Kein & Aber, 2005, 491 Seiten, gebunden, aus dem Englischen von Heidi Zerning, ISBN 3-0369-5137-7

© Soraya Levin