Eine Frau von vierzig Jahren

Ein linear erzählter Gesellschaftsroman, der den gesellschaftlichen Wandel zu Beginn des 20. Jahrhunderts am Beispiel zweier Liebender mit unterschiedlichen Wertekanons zwischen konservativ und liberal beleuchtet. Dabei sprachlich recht nüchtern gehalten und an vielen Stellen von einem trivialen Wortklang begleitet.

Wäre da nicht diese kopflose Liebe, die das Leben mit einem Mal aus der Spur geraten lässt, wäre es nie zu dieser bedrohlichen Lebenskrise gekommen. Bis zu dem Tag als ihr der um fünfzehn Jahre jüngere Miles über den Weg läuft, füllt Evelyn die ihr zugedachte Rolle als Witwe und Mutter perfekt aus. Bei ihr gibt es nichts zum Enthüllen, keine heimlichen Affären, kein skandalöses Verhalten. Immer hat sie die Contenance bewahrt. Bewacht von den gesellschaftlichen Konventionen der wohlhabenden Oberschicht führt sie über Jahre ein Leben voller Zurückhaltung, dessen einzige Begierde im Durchstöbern von allerfeinsten Boutiquen besteht, dessen sommerliches Vergnügen sich in mondänen Orten an der Riviera oder in Luxor abspielt.

Zerstreuung findet Evelyn bei den Verwandten ihres verstorbenen Mannes und auf gesellschaftlichen Veranstaltungen, wo strenge Regeln gelten. Selbst das Abendessen wird künstlich zum formellen Anlass aufgebauscht, wo die Abendgarderobe und die Dienerschaft nicht fehlen dürfen. Und ein unverzichtbares Muss sind die substanzlos geführten Gespräche, die nie über das Alltägliche hinausgehen.

Es ist ein schales Leben unter Gleichgesinnten. Die Familienmitglieder verharren in alten großbürgerlichen Denkmustern. Das letzte bewegende Ereignis hat vor sechzehn Jahren im Jahr 1917 stattgefunden. Evelyn ist gerade vierundzwanzig Jahre jung, als sie ihren Mann Tommy in der Flandernschlacht verliert.

Wie erfrischend wirkt da dieser junge Sozialrebell Miles. Seine aufsässige Art und seine liberale Gesinnung passen nicht zu Evelyns konservativer Haltung und dennoch gibt sie ihrer Begierde nach. Die anfängliche Leidenschaft steht bald im Widerstreit mit den unvereinbaren Wertvorstellungen der beiden Liebenden.

Erstmalig erlebt Evelyn, dass nicht sie der Mittelpunkt ist. Sie steigert sich in eine Eifersucht auf Miles politische Arbeit und seine Freunde hinein, die die Liebe nicht mehr unbeschwert lässt. Begleitet von Konkurrenzängsten gegenüber jüngeren Frauen häufen sich ihre Ausbrüche und Vorwürfe und zerstören Stück um Stück die Liebe. Da ist wenig Gemeinsames. Die Ungezwungenheit seiner Freunde ist ihr suspekt. Sie vermisst die Umgangsformen bei Tisch, die wechselnde Garderobe, den Small Talk. Stattdessen tief gehende Gespräche, bei denen sie sich ausgegrenzt und verunsichert fühlt, da sie keine eigenen Gedanken beisteuern kann. In diesem gesellschaftlichen Rahmen ist sie glanzlos und unbeachtet.

Entmutigt zieht sie sich von Miles und seiner Liebe zurück.

Evelyn opfert ihre Liebe für ihr Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung und ihren dekadenten Wertvorstellungen. Sie ist nicht bereit, die ihr zugedachten großbürgerlichen Gesellschaftsschranken niederzureißen. Zu gefestigt sind die konservativen Wertvorstellungen und das Rollenverständnis der Frau.

Vita Sackville-West zeigt den Widerstreit des gesellschaftlichen Wandels auf. Hinter der anfänglich selbstbewusst und eigenständig dargestellten Evelyn, verbürgt sich ein an ihrer traditionellen Frauenrolle haftender Frauentypus. Evelyns gekünstelter Anstand zerbricht, als sie mit Miles eine über Monate dauernde Affäre beginnt. Der geheuchelte konservative Wertekanon zwingt sie wieder zurück in ihre tradierte Rolle. Mit Miles und Evelyns Sohn Dan schafft Vita Sackville-West Antagonisten, die die Aufhebung von Sozialschranken und die gesellschaftlich gegensätzlichen Kräfte des Konservatismus und Liberalismus betonen.

Vita Sackville-West, Eine Frau von vierzig Jahren, Roman, Titel der Originalausgabe: Family History, Aus dem Englischen von Th. A. und I. Knust, neu bearbeitet von Heddi Feilhauer, 432 Seiten, edition ebersbach, Berlin 2012, ISBN 978-3-86915-047-5, EUR 24,80

© Soraya Levin