Spaziergang durch Lissabon

Geophon Urlaub im Ohr, Sascha Lübbe


Keine Zeit oder keine Möglichkeit für eine Reise nach Lissabon. Irrtum - einfach Urlaub im Ohr buchen. Ein toller Hörgenuss.


Während die einen noch im Flughafenterminal am Check-in Lissabon stehen, sich die Stirn mit einem Stofftaschentuch trocken reiben und von einem Fuß auf den anderen treten, bin ich schon da. Gebucht „Spaziergang durch Lissabon“ nicht in der economy- oder business-class. Nein, meine Klasse ist „Urlaub im Ohr“, nicht mit der Air Portugal, sondern mit Sascha Lübbe und geophon.

„Dieses Traumgesicht einer Stadt“ wie es der portugiesische Dichter Fernando Pessoa genannt hat, hat viele grundverschiedene Gesichter, die es zu entdecken gibt. Ich schlendere durch die verwinkelten engen Gassen der Alfama. Hier, wo sich die Häuser gegenseitig Schatten spenden, spüre ich ein Stück Orient, vergesse ich den Trubel in dieser anmutenden dörflichen Stille. Inmitten des weiß-getünchten Häusermeers, deren Farbe und Substanz sich erschöpft der Zeit hingibt, scheint man unter sich, schwatzt hier und da unter Orangenbäumen begleitet vom Kanarienvogelgezwitscher.

Es geht treppauf und treppab, von einem Hügel Lissabons zum anderen. Und es sind immerhin sieben an der Zahl. Wer sich nicht so verausgaben möchte, der kann seinen Weg mit der historischen Straßenbahn Linie 28 in Richtung Alfama fortsetzen.

Die Alfama bietet von oben nicht nur ein phantastisches Panorama auf die Stadt, sondern um mit den Worten der Journalistin Sofia Arede zu sprechen, auch einen Blick „auf den einzigen Fluss, der wie das Meer“ aussieht, den Tejo. An seinem Ufer liegt der gepflegte Stadtteil Belém und das Kloster des Hieronimus-Ordens unter dessen Kreuzgang einer von hier liegt. Es ist der große Dichter Fernando Pessoa, der in den Cafés der Stadt seine Werke zu Papier gebracht hat. Teilweise scheint er wieder zum Leben erweckt. So im Martinho da Arcada, wo sein Stammplatz weiterhin gedeckt und freigehalten wird und vor dem Café A Brasileria, das durch seine Kunstausstellungen berühmt geworden ist, sitzt er in Lebensgröße.

So gedankenvoll und melancholisch Pessoa geschrieben hat, so gedankenvoll und melancholisch wird der Fado gesungen. Es sind sanfte Klänge, die dürsten vor Verlangen und brennen vor Schmerz, die in den Fado Restaurants vor allem in der Alfama und im Viertel Bairro Alto gespielt werden.

Das Bairro Alto ist voller Leben. Ganz besonders in der Nacht. Im engen Altstadtgewirr strömen Einwohner und Touristen am Abend auf die Straßen und schlendern von einem Restaurant, von einer Bar, von einem Club zum andern. Trinken Bier, Wein oder Ginjinha, den berühmten portugiesischen Kirschlikör.

Ist das Bairro Alto von kleinen Häusern geprägt und wie der Wirt Pedro Silva sagt, „jedes einzelne mit einer eigenen Persönlichkeit“, so ist das Bild der Unterstadt, der Baixa, von sandfarbener klassizistischer Einheitlichkeit gezeichnet. Nach dem vernichtenden Erdbeben von 1755 mit über 60000 Toten ist dieser Stadtteil vom Marqués de Pompal in symmetrischer Form neu aufgebaut worden. Selbst die Kirchen mussten sich in das Stadtbild integrieren und wenn ich nach der wohl kleinsten Kirche Lissabons suche, dann finde ich die Igreja Nossa Senhora da Oliveira versteckt im Häusermeer.

Auf dem Rossio laden Cafés bei gebratenem Fisch und Galão zum Verweilen und zum Schnuppern der Atmosphäre ein. Ein weniger süßes Leben hat es während des Zweiten Weltkrieges im Pastelaria Suíça gegeben. Ausharrend auf ein Visum als Sprungbrett in die Freiheit haben die jüdischen Flüchtlinge und die politisch Verfolgten sich nicht der Gelassenheit hingeben können.

Mit dem Largo do Carmo, dem sogenannten „Dorf in der Stadt“ wie Pessoa ihn genannt hat, sind Vernichtung und Freiheit eng verbunden. Die Ruine der beim großen Beben fast vollständig zerstörten gotischen Kathedrale mahnt die Bewohner und erinnert an die Zerstörung und den Wiederaufbau. Politisch hat sich der Platz durch die Nelkenrevolution von 1974 ins Gedächtnis eingebrannt. Die Bevölkerung hat die Diktatur unter Salazar beiseite gewischt und den Weg Portugals in die Demokratie und nach Europa geebnet.

Es sind die europäischen und die orientalischen Spuren, denen ich beim Spaziergang durch Lissabon nachgehe. Mal bin ich in der orientalischen Stadt mit ihrem engen und bunten Gassengewirr. Mal in der europäischen Stadt mit ihren breiten geordneten Straßen. Dann bin ich in der lauten Metropole und ein paar Schritte weiter auf dem ruhigen Dorf. In einem Stadtteil erinnert ein Mahnmal an das zerstörerische Erdbeben, Plätze erinnern an Pogrome gegen Juden, an Hinrichtungen, an Stierkämpfe und an die Revolution. Ich treibe durch die malerischen Gassen und durch das Vielvölkergemisch, genieße majestätische Ausblicke, entdecke den berühmtesten Dichter der Stadt, Fernando Pessoa, es riecht nach gebratenem Fisch und nach Meer, sehnsuchtsvolle Fadoklänge wehen zu mir herüber und diese ganz besondere Atmosphäre liegt in der Luft.

Eine Stimmung, die durch den gelungenen Einsatz der atmosphärischen Elemente aufkommt. Gut umgesetzte Erzählpassagen mit verschiedenen Sprechern, O-Töne von Journalisten, Architekten, Sängern und Barbesitzern hinterlegt mit Musik und Stadtgeräuschen erwecken das Skript zum Leben und machen einfach nur Lust auf Lissabon.

Spaziergang durch Lissabon, Geophon Urlaub im Ohr, Sascha Lübbe, CD mit 24-seitigem Booklet, Autor: Sascha Lübbe, Sprecher: Harry Kühn und Ulrike Hübschmann, Sprecher Voice-over: Gabriele Blum und Sascha Lübbe, 2014 geophon, Urlaub im Ohr, Berlin, 1. Auflage, Spieldauer: 79 Minuten, ISBN 9783936247824, 12,90 EUR

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

Diese Seite drucken