Schnee

Orhan Pamuk

Ein Hörspiel der Romanvorlage des türkischen Literaturnobelpreisträgers von 2006 Orhan Pamuk.

Hauptschauplatz der Geschichte ist Kars, eine kleine Provinzstadt im Nordosten Anatoliens.
Nach 12 jährigem politischen Asyl in Deutschland kehrt der Schriftsteller Ka zur Beerdigung seiner Mutter 1992 nach Istanbul zurück. Ein Freund überredet ihn, für die Zeitung "die Republik" einen Artikel über die gehäuften Selbstmorde junger Kopftuchträgerinnen in Kars zu schreiben.
Als er in Kars ankommt, ist die Stadt nach kurzer Zeit von einem nicht enden wollenden Schneefall von der Außenwelt abgeschlossen.

Im Hotel "Schneepalast", das von Turgut und seinen beiden Töchtern Ipek und Kadife geführt wird, nimmt er sich ein Zimmer. Er gesteht Ipek seine Liebe. Er möchte sie heiraten und so schnell wie möglich mit ihr nach Deutschland.

In Kars herrschen Armut und Arbeitslosigkeit und der Kontrast zu der Welt, in der Ka lebt, könnte nicht größer sein.
Die von dem Kurden Muhtar angeführte Wohlfahrtspartei nutzt die schlechte wirtschaftliche Situation zur Rückbesinnung auf die religiöse Tradition. Mit Geschenken an die Armen gehen sie auf Stimmenfang für die anstehende Kommunalwahl. Fundamentalisten, Kommunisten, Säkularisierte, Liberale, Kurden, Republikaner. Sie alle bekämpfen sich in Kars. Ein radikaler Islamist tötet wegen eines verhängten Kopftuchverbots den Direktor der pädagogischen Hochschule. Ka gerät immer mehr in den politisch-religiösen Strudel. Er trifft sich mit Ipeks Exmann, dem Kurden Muhtar, mit dem gesuchten radikalen terrorismusverdächtigen Islamisten Lapislazuli, besucht die Vorbeterschule und beichtet einem Scheich seinen Glauben. Letztlich befindet er sich im Widerspruch zu dem islamischen Glauben und seinen eigenen gelebten westlichen Werten. Die Islamisten beäugen ihn misstrauisch und halten ihn für einen westlichen Spitzel, die Armee und Polizei überwacht ihn und Serdar Bey, der Redakteur der Grenzstadtzeitung, der den Polizeifunk abhört, berichtet über Dinge, die noch nicht geschehen sind.

Im Volkstheater trägt Ka unter teilweisen Beschimpfungen sein neues Gedicht "Schnee" vor.
Das anschließende Schauspiel, bei dem eine Frau überglücklich ihren schwarzen Tschador ablegt, nutzt die Armee zu einem Putsch. Willkürliche Verhaftungen und Morde an PKK-Anhängern und Islamisten folgen. Auch Lapislazuli ist verhaftet worden. Ein Deal seiner Geliebten Kadife mit den Kemalisten, der seine Freilassung bewirken soll, ist ein Hinterhalt. Ka wird gefoltert und gezwungen die Stadt zu verlassen. Ipek sieht er nie wieder.
Ka wird vier Jahre später in Deutschland von Islamisten ermordet. Der Erzähler, bislang außen stehend, gibt sich als Orhan zu erkennen und tritt nun selbst als Figur mit auf. Er möchte ein Buch über Ka schreiben. Daher begibt er sich in dessen Fußstapfen, reist nach Kars, befragt die Menschen nach ihm und verliebt sich, wie zuvor Ka, in Ipek. Seine Liebe wird nicht erwidert. Bedrückt und enttäuscht verlässt er Kars im Schneetreiben.

In dem Hörspiel des Romans Schnee von Orhan Pamuk wird der äußere Rahmen der Handlung von der Liebe des Schriftstellers Ka und der schönen Epik bestimmt. Im Kern der Geschichte zeigt sich aber eine türkische Wirklichkeit, die von Gewalt und Orientierungssuche geprägt ist. Die ostanatolische Stadt Kars steht stellvertretend für die Türkei, die auf den Widerspruch zwischen dem Islam und der Moderne eine Antwort sucht.
Der Schriftsteller Ka sieht sich in Kars bekennenden Muslimen, Kemalisten, Säkularisten, Kommunisten, Republikanern und Radikalen gegenüber. Der diffuse Weg des Islam lässt seine Suche nach Glück und die Hoffnung auf ein Leben mit Ipek scheitern.

Die hörspieltechnische Interpretation des Romans Schnee ist dem Regisseur Norbert Schaeffer sehr gut gelungen. In den Momenten, wo die Gefühle des Schriftstellers Ka Oberhand gewinnen, wird seine gedanklich innere Stimme im Raum neben den anderen gesprochenen Stimmen hörbar. So wenn er gedanklich seine Liebe Ipek ruft, wenn er alles im Schnee versinken sieht oder wenn er während der Folter an die Zeit danach denkt. Die Alltagsgeräusche wie die Bewegung der Scheibenwischer des Überlandbusses von Erezem nach Kars, das Schneeknirschen, das Türklopfen, die Gespräche und die Musik im Café und die Zwischenrufe der Theaterzuschauer vermitteln ein gutes Stimmungs- und Umgebungsgefühl. Besonders eindrucksvoll ist die szenische Betonung durch die vordergründige Stimme von Wolfgang Rüter in der Rolle des Erzählers. Die Gefühlszustände der Figuren werden musikalisch untermalt. Durch zeitgleiche, abwechselnd aber in den Vordergrund gesetzte Dialoge entwickelt sich atmosphärisch ein rhythmisch starker Spannungsbogen. So in der Konditorei "Neues Leben", wo Ipek und Ka ihre Gefühle austauschen und ein Tisch weiter der Direktor der pädagogischen Hochschule durch den Kämpfer für die islamische Gerechtigkeit zum Tode verurteilt wird. Liebe im Widerspruch zum Tod. So auch die Rückblenden, die sich nach dem Tod Kas in die Sprache des Erzählers mischen.

Ein überaus sinnlich tiefes und szenisch vorbildlich interpretiertes Hörspiel.

Orhan Pamuk,
Schnee , aus dem Türkischen von Christoph K. Neumann, Der Hörverlag GmbH, 2 CDs, Laufzeit ca. 157 Minuten, EUR 19,99, ISBN-13: 978-3-89940-746-4, ISBN 10: 3-89940-746-6

© Soraya Levin


Hörverlag

Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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