Erfolg

Lion Feuchtwanger

Von den Nazis gehasst und verdammt, von Schriftstellern wie Thomas Mann bewundert, spricht er in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ein Millionenheer von deutschen und amerikanischen Lesern an. Die Rede ist von Lion Feuchtwanger. Dem großen deutsch-jüdischen Exilautoren, der mit seinem Roman Erfolg den bayerischen Zeitgeist und die sich nähernde Katastrophe im Strudel der untergehenden Weimarer Republik einfängt.

Dr. Martin Krüger wird zur Zielscheibe

In einer Zeit nach dem verlorenem Krieg, in der die antidemokratischen Kräfte von links und von rechts immer mehr an Stärke gewinnen und die junge Weimarer Republik bedrohen, als „draußen“ in Bayern die Menschen sich nur widerwillig den sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen stellen, in dieser Zeit wagt es der über die Grenzen hinaus anerkannte Kunsthistoriker Dr. Martin Krüger in seiner Funktion als Subdirektor der staatlichen Sammlungen in München, die Bilder dreier moderner Maler der Öffentlichkeit zu präsentieren. Darunter auch ein Aktmodell von Anna Elisabeth Haider. Noch ahnt Krüger nicht, dass er durch sein Experimentieren mit den Werken junger Maler sich zur Zielscheibe des bayerischen Kultusministers Dr. Franz Flaucher und des Justizministers Dr. Otto Klenk gemacht hat. Obwohl Flaucher, der sich als Erfüllungsgehilfe der politischen Elite aus einfachen Verhältnissen hochgearbeitet hat, den stets arroganten betuchten Klenk nicht leiden kann, verbindet sie das Ziel, Krüger zu beseitigen. Flaucher hält Krüger für „…ein Gewächs der üblen Zeit,…“ und für Klenk ist Krüger zu provokant und selbstgefällig. Der Selbstmord der Malerin Anna Elisabeth Haider kommt ihnen da wie gerufen.

Der vermeintliche Meineid

Dr. Krüger wird angeklagt, mit der 24 Jahre jungen Malerin intim gewesen zu sein. Bereits zur Prozesseröffnung hat die Justiz, ganz im Sinne der bayerischen Regierung, Dr. Martin Krüger gedanklich schon verurteilt. Als Hauptbelastungszeugen der Anklage ruft die Staatsanwaltschaft den niederträchtigen und hitzigen Droschgenfahrer Franz Xaver Ratzenberger in den Zeugenstand. „Zufälligerweise“ droht Ratzenberger ein Prozess wegen Körperverletzung und Beleidigung, der ihm seine Konzession kosten kann. Er sagt aus, dass er Dr. Martin Krüger mit der besagten Malerin vor drei Jahren nach einer Feier um zwei Uhr morgens zur Katharinenstr. 94 gefahren habe. Beide, Krüger und Anna Elisabeth Haider, seien gemeinsam in das Haus gegangen. Als Entlastungszeugin tritt Krügers Freundin Johanna Krain in den Zeugenstand. Sie behauptet hingegen, sie habe mit Krüger gemeinsam die Nacht verbracht. Obwohl ihre Aussage Krüger entlastet und die Fakten eindeutig zugunsten Krügers sprechen, gelingt es dem Verteidiger Dr. Siegbert Geyer nicht, einen Freispruch zu erzielen. Krüger wird wegen Meineides zu drei Jahren Haft verurteilt.

Die „Wahrhaft Deutschen“

Johanna Krain wird von der Presse als sittenloses Luder dargestellt. Sie bekommt Drohbriefe, auf der Straße wird sie von drei Männern sexuell belästigt und Schlimmeres kann nur durch das beherzte Einschreiten des Dichters Jacques Tüvelin verhindert werden. Während Johanna nun gemeinsam mit Tüvelin versucht, Martin Krüger freizubekommen, gewinnen die antidemokratischen Kräfte zunehmend an Einfluss. Da ist ein gewisser Rupert Kutzner, der am Stammtisch im Restaurant zum Geisgarten große Reden schwingt. Der für die schlimme inflationäre Wirtschaftssituation und für alles, was sonst nicht so läuft, die „Parasiten“, die Juden verantwortlich macht. Die Stammtischkleinbürger gründen eine Partei, die „Wahrhaft Deutschen“, Kutzner wird ihr Führer. Bier, Stammtischparolen und Hetze gegen Juden führen zu einem Streit zwischen Ratzenberger und dem Bäcker, der ausspricht, was alle längst wissen. Nämlich das Ratzenberger in Bezug auf Martin Krüger falsch ausgesagt hat. Ratzenberger wird bei dem Krawall erschlagen und die „Wahrhaft Deutschen“ nutzen seinen Tod für ihre Zwecke, feiern ein großes theatralisches Begräbnis und sagen „der Jude“ sei schuld. Die Inflation steigt, für einen Zentner Kartoffeln muss man bereits 1.100 Mark bezahlen. Vom Lehrer bis zum Bauern, sie alle fühlen sich bedroht durch die Juden und die Regierung und strömen zu den „Wahrhaft Deutschen“. Diese haben inzwischen den indischen Glücksbringer für Fruchtbarkeit für sich entdeckt und schmücken ihre Fahnen und Abzeichen mit dem Hakenkreuz als Zeichen der reinen deutschen Rasse. Die Massen lassen sich von der nationalistischen Begeisterung mitreißen. Tragen nicht nur die Fahnen der „Wahrhaft Deutschen“, sondern auch das Hakenkreuzzeichen als Brustabzeichen, tragen es am Ringfinger und gehen sogar so weit, es sich eintätowieren zu lassen. Die „Wahrhaft Deutschen“ hassen die Republik, die Kommunisten, die Sozialdemokraten, die Juden. Sie werden immer militanter, machen Jagt auf die Andersdenkenden, schrecken auch vorm Fememord nicht zurück und singen „Nachts lieg ich beim Schatz im Bett, am Tage schlag ich den Juden tot, dann lieg ich beim Schatzl dick und fett“.

Vergeblicher Kampf

Beispiellos kämpfen Johanna Krain und Jaques Tüvelin währenddessen weiter für die Freilassung von Krüger. Beide lassen nichts unversucht. Johanna, obwohl sie Tüvelin liebt, heiratet Dr. Martin Krüger, lässt sich auf eine Affäre mit dem Kommerzienrat Paul Hessreiter ein, da sie sich von ihm Hilfe erhofft. Tüvelin gelingt es schließlich mit Unterstützung eines reichen Amerikaners, Krügers Amnestie zu bewirken. Doch Krüger stirbt vorzeitig in Haft. Sein Tod macht international noch mal Aufsehen und einer sagt, „Die Toten sollen das Maul halten“. Während für Brot schon Milliarden gezahlt werden muss, während sich die „Wahrhaft Deutschen“ zum Putsch auf Berlin rüsten, während sich der neu ernannte bayerische Ministerpräsident Dr. Flaucher auch zum Putsch auf Berlin rüstet, rüstet sich Johanna zum Putsch gegen die, die sagen „Die Toten sollen das Maul halten“. Sie dreht einen Film über Dr. Martin Krüger und bringt den Justizskandal an die Öffentlichkeit. Tüvelin leistet mit seinem Buch „Bayern oder Jahrmarkt der Gerechtigkeit“ einen literarisch offen kritischen Blick auf den politisch geplanten Mord an Krüger.

In der Nacht vom 8. zum 9. November 1923 putschen die „Wahrhaften Deutschen“ und rufen zum „Marsch auf Berlin“ auf. Nach heftigen Gefechten mit der zu Hilfe gerufenen Reichswehr werden Kutzner und einige seiner Anhänger verhaftet. Der geführte Prozess wird zur Farce und Kutzner ist nach kurzer Zeit wieder frei.

Fazit

Lion Feuchtwanger zeichnet ein beispiellos klares Bild der Weimarer Zeit zwischen 1919 und 1924. Eingebunden in die historischen Tatsachen schildert Feuchtwanger am Beispiel seiner Figur Dr. Martin Krüger den Auflösungsprozess der Republik. Eine Zeit nach dem verloren gegangenen Ersten Weltkrieg, wo sich ein militanter und aggressiver Antisemitismus ausbreitet. Eine Zeit, wo die Wirtschaftskrise und die Inflationsgeißel die antidemokratischen Kräfte von links und von rechts auf die Republik in Marsch setzen. Eine Zeit, in der die Justiz politisch instrumentalisiert ist, wo sie unliebsame, nicht ins Gefüge passende Personen prinzipiell als Gegner sieht und unschuldig wegsperrt, wo Linke hart für Nichts und Rechte mild für Verbrechen bestraft werden. Feuchtwangers Figuren drücken die empfundene soziale Bedrohung aus, zeigen dass der Zusammenbruch bisheriger gesellschaftlicher Strukturen zu nationaler Begeisterung führt, wenn einer wie der Kutzner alias Hitler als Heilsbringer auftritt. Ein Chamäleon, das mit Stammtischparolen Feindbilder projiziert und aufruft, die „jüdisch-marxistische Brut“ zu vernichten. Dessen „Marsch auf Berlin“ Hitlers Putschversuch entspricht. Wie Hitler kann auch Feuchtwangers Alias trotz des Hochverrats mit einem milden Urteil rechnen. In Feuchtwangers fiktiven Figuren stecken schlicht die echten. Da ist zum Beispiel neben Kutzner alias Hitler auch das dem Fememord zum Opfer fallende Dienstmädchen Amalia Sandhuber alias Maria Sandmayer und mit Dr. Flaucher erkennt der Leser unzweifelhaft den Generalstaatskommissar Gustav von Kahr. Und der Dichter Tüvelin, das ist er selbst, Lion Feuchtwanger.

Lion Feuchtwanger zeigt mit dem Roman Erfolg sein überaus großes Talent, die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen einzuschätzen. Beeindruckend sind seine Beobachtungsgabe und seine Sensibilität für den Zeitgeist und die herannahende Katastrophe. Erfolg ist ein wuchtiger und gehaltvoller Kassandraruf eines überaus bedeutenden deutsch-jüdischen Exilautors. Realitätsnah und charakteristisch gelesen von Percy Adlon.

Lion Feuchtwanger, Erfolg, Lesung, Sprecher: Percy Adlon, Regie: Eva Demmelhuber, Produktion: Bayerischer Rundfunk, 6 CDs 473 Minuten, ISBN 978-3-89813-805-5, 27,99 € (unverbindl. Preisempfehlung), Erschienen bei: Der Audio Verlag GmbH, Berlin 2008.

© Soraya Levin


















Der Audio Verlag

Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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