Albert Camus Klassiker

Die Pest, Der Fremde, Der Fall


Ulrich Matthes erweist sich als souveräner Sprecher von Camus Werk über die Absurdität menschlichen Handelns und Daseins. Die drei ausgewählten Klassiker interpretiert er hervorragend. Ein Ansporn für Camus-Kenner und Nichtkenner.


Ein Paukenschlag für diesen großen Philosophen, der im November vergangenen Jahres, genauer gesagt am 7. November 1913 einhundert Jahre geworden wäre. Ja, die Versuchung ist groß, wiederkehrende Lobgesänge auf ihn zu halten. Ich rede von Albert Camus. Inmitten des Schlachtfeldes des 20. Jahrhunderts kleidet er sein Werk in die brutale Absurdität menschlicher Existenz ein.

Steinbach sprechende bücher gibt diesem klassischen Werk mit Ulrich Matthes eine Stimme. Und was für eine. Ob Der Fall, Der Fremde oder Die Pest. Durch Matthes besondere Ausdrucksstärke erlangen sie eine hohe sinnliche Ausbeute der schwer fassbaren Gefühle.
Denn gerade die Sinnlosigkeit und das sich selbst fremd sein unverhüllt im Ausdruck zu zeigen, verlangt nach Lautfärbungen. Matthes geht mit dem Text mit und nutzt seine Stimme als Klanginstrument beim Eintauchen in das dunkle menschliche Dasein.

So spricht er den Meursault in Der Fremde kalt und distanziert, ja so gleichgültig, wie Camus seinen Meursault der Welt entgegenstellt. Ein einfacher Büroangestellter wird zum Mörder. Weswegen? Vielleicht wegen der algerischen Hitze, aber letztlich wegen Nichts.
Emotionen gehören zum Menschen. Doch Camus Mersault zeigt selbst bei der Beerdigung seiner Mutter keinerlei Gefühl. Wenn Matthes gleichgültig Mersaults Worte spricht „Ich habe gedacht, dass wieder ein Sonntag rum war, dass die Mutter beerdigt wurde und sich nichts geändert hatte.“, so wird die Kälte des Lebens deutlich. Ein abgestumpftes Leben inmitten der bleibenden Alltäglichkeiten wie Essen, Trinken, Rauchen, Arbeiten.
Selbst die sexuelle Nähe zu Marie befeuert Meursault nicht. Da ist keine Leidenschaft, da ist kein Herz, da scheint nur Leere zu sein. Es ist noch nicht mal eine Verweigerung der Gefühle, denn Mersault weiß gar nicht, ob er Marie liebt. Es ist ihm genau so egal, wie die angebotene Versetzung aus der Stadt nahe Algier nach Paris.

Während sein Nachbar, der Zuhälter Raymond Sintès, Mersault nach einer Gefälligkeitslüge als Freund betrachtet, stellt sich diese Frage für Mersault gar nicht. Er lügt, aber nicht aus Freundschaft. Wieder diese dumpfe Gleichgültigkeit.

Bei einem gemeinsamen Strandausflug mit Sintès und Freunden kommt es zu einem Streit zwischen Arabern und Sintès. Im weiteren Tagesverlauf trifft Mersault allein auf einen der Araber. Er schießt auf ihn und gibt nacheinander mehrere Schüsse auf den bereits leblosen Körper ab.

Während der anstehenden Gerichtsverhandlung grenzt sich Mersault von sich selbst ab. Obwohl er es ist, der im Mittelpunkt der Verhandlung steht, ist er völlig unbeteiltigt. So sinnlos wie die Monotonie seines Lebens, so sinnlos hat er auch den Mord begangen. Hier sind keine Emotionen im Spiel gewesen. Keine Impulsivität, keine aufgestaute Wut, die außer Kontrolle geraten ist. Eine emotionale Regung für die Tat, nein, die gibt es bei Mersault nicht.

Auch im Gefängnis ist er in dem gleichlaufenden Strom des Lebens gefangen. Die Sinnlosigkeit des Daseins hat nur einen Gegner, die Zeit. Gegen sie gilt es mit monotonen Abfolgen anzukämpfen.

Mit der Verurteilung Mersault zum Tode verdeutlicht Camus die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz im Warteraum des Todes. Das Festhalten an Gott innerhalb dieser Sinnlosigkeit scheitert, denn Mercault bleibt gottlos. Ein letztes Aufbegehren gegen das unentrinnbare Existenzende ist ein abgelehntes Gnadengesuch.

Camus zeigt den Menschen nicht nur in einer sinnentleerten Welt. Der Mensch ist selbst sinnentleert. Unverhüllt wird die Sinnlosigkeit der eigenen Existenz deutlich. Indem sie sinnlos ist, kann der einzelne Mensch ihr auch gleichgültig und ohne Moral gegenübertreten.

Gelingt es Ulrich Matthes diese tiefe Gleichgültigkeit an jeder Stelle in Der Fremde mitschwingen zu lassen, so verändert sich sein Klang in Die Pest und Der Fall.

Wir sind immer noch beim Absurden des Lebens und dem unausweichlichen Ende, dem Tod.
Einem Tod, der in jeder Stadt jeden trifft. So auch in Oran, einer algerischen Stadt in dem Roman Die Pest. Noch wissen die Bürger nichts von dieser Krankheit, noch pflegen sie ihre Routine, wollen nur Geld verdienen und sich am Wochenende vergnügen.

Am Anfang sind es nur wenige tote Ratten. Am Anfang sind es auch nur wenige tote Menschen. Doch mit der Zahl der toten Ratten, steigt die Todesrate der Bewohner. Nur schweigen und sie nicht benennen, diese Pest, die nirgendwo halt macht. Sie wühlt sich durch die Massen Orans. Ob arm oder reich, gläubig oder nicht gläubig, ob verliebt oder nicht verliebt, ob gutmütig oder schlecht, ob Kind oder Greis. Niemand ist privilegiert. Niemand weiß dieses besser als der im Zentrum der Erzählung stehende Dr. Bernard Rieux. Rieux kämpft und er trägt die Last seines sinnlosen Kampfes gegen die Seuche. Die Stadt ist mittlerweile hermetisch abgeriegelt. Jetzt geht es um sie alle, jetzt sind sie alle gefangen und jeder überwacht jeden. Mit einem Mal spüren die Bürger Orans die Liebe zu ihren Angehörigen, die außerhalb der Stadt in anderen Welten verweilen. Das Leiden legt sich nebulös auf Alle nieder. Doch im Todeskampf ist jeder von ihnen allein.

Es geht um das schlichte Dasein. Angst macht sich breit. Die einen wie Rieux schuften und pflegen die Kranken, die anderen bereichern sich auf dem Schwarzmarkt. Wieder andere wie der Pater predigen die Pest als gerechte Strafe und am Ende stellt er die göttliche Sinnfrage. Auf diesem Schlachtfeld findet niemand mehr eine Zukunft. Die Pest verschwindet wie sie gekommen ist. Der einzelne verschwindet wieder in der Masse der Alltäglichkeit. Und Rieux? Er ist der mahnende Erzähler dieser Geschichte. Die Pest, sie ist immer da und kann jederzeit wieder ausbrechen.

Der Sprecher Ulrich Matthes geht mit der Absurdität der Pest und ihrem sinnlosen Leiden mit. Diese Schuld des Menschen mit seiner Oberflächlichkeit, die in der Stimme von Ulrich Matthes mitschwingt, wird betont fassbar in Der Fall. Matthes Stimme verleiht dem Hörer den Eindruck in der Bar „Mexiko City“ in Amsterdam am Hafen zu sitzen und Gesprächspartner des ehemals erfolgreichen Anwalts Jean-Baptiste Clamence zu sein.
Hier klagt sich einer selbst an, rollt sein ganzes Innenleben nach außen und will nur noch eins: büßen. Matthes, nein, Clamence lacht, ist euphorisch, bedrückt. Und beginnt seine Geschichte.
Hier wohnt er im ehemaligen Judenviertel und bewundert „diese Gründlichkeit“ des Verbrechens gegen die Juden. Er ist ein Nobelanwalt mit vortrefflichem Benehmen gewesen. Das Wort Hochstapler trifft eher auf ihn zu. Er hat sich selbst belogen, hat sich etwas vorgemacht. Es ging ihm nie um andere. Es ging ihm nur um sich selbst. Auch seine Liebe zu Frauen, die er, ist es Matthes oder Clamence, mit „gern hab ich die Frauen geküßt“ besingt, ist reine Eigenliebe gewesen. Seine vorgetäuschte Selbstlosigkeit ist durch den Selbstmord einer Frau, die er aus den Fluten der Seine hätte vielleicht retten können, enttarnt. Als Anwalt hat er wie eine Spinne in der Schuld gesessen. Jetzt erkennt er, er ist die Schuld. Jeder ist schuldig. Das schlimmste Gericht ist der Mensch, der im Namen Gottes richtet. Der Mensch, der sich in seiner Selbstgefälligkeit nicht wahrnimmt. Der Mensch, der tief im Innern Gewaltfantasien auslebt. Er büßt nun als Bußrichter. Der durch Ulrich Matthes vortrefflich gesprochene Monolog zwingt den Hörer geradezu die menschlichen Schwächen und die Sehnsucht nach ihrer Umkehr auf.

Ulrich Matthes erweist sich als souveräner Sprecher von Camus Werk über die Absurdität menschlichen Handelns und Daseins. Die drei ausgewählten Klassiker interpretiert er hervorragend. Ein Ansporn für Camus-Kenner und Nichtkenner.

Albert Camus, Die Pest, Roman, Sprecher: Ulrich Matthes, Deutsch von Guido G. Meister, 3 CDs, 192 Min., Genre: Klassiker der Literatur, Art: Genehmigte Lesefassung, steinbach sprechende Bücher, Schwäbisch Hall 2013, 14,99 €, ISBN 978-3-86974-153-6

Albert Camus, Der Fremde, Roman, Sprecher: Ulrich Matthes, Deutsch von Uli Aumüller, 3 CDs, 224 Min., Genre: Klassiker der Literatur, Art: Genehmigte Lesefassung, steinbach sprechende bücher, Schwäbisch Hall 2013, 14,99 €, ISBN
978-3-86974-151-2

Albert Camus, Der Fall, Roman, Sprecher: Ulrich Matthes, Deutsch von Guido G. Meister, 3 CDs, 226 Min., Genre: Klassiker der Literatur, Art: Genehmigte Lesefassung, steinbach sprechende bücher, Schwäbisch Hall 2013, 14,99 €
ISBN 978-3-86974-152-9

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

Diese Seite drucken