Olympia 1936

von Alexander Emmerich


"Ein Regime, das sich stützt auf Zwangsarbeit und Massenversklavung; ein Regime, das den Krieg vorbereitet und nur durch verlogene Propaganda existiert, wie soll ein solches Regime den friedlichen Sport und freiheitlichen Sportler respektieren?" (Heinrich Mann 1936)


Täuschung, Manipulation oder schlicht der Verrat an der olympischen Bewegung? Sport als Friedensförderer, Sport als Motor für Toleranz und für ein Fairplay, Sport unter dem Label der Chancengleichheit, des gegenseitigen Respekts und als Symbol gegen jedwede Form von Diskriminierung. Die ideologische Basis Hitler-Deutschlands und die der olympischen Idee sind von vornherein unvereinbar. Wie kann es sein, dass die olympischen Spiele 1936 dennoch im Dritten Reich ausgetragen werden? Wie kann es sein, dass die Welt diese Spiele als einzigartige Spiele in einem scheinbar friedlichen Land bewundert?

In seinem Werk Olympia 1936 zeigt der Historiker Alexander Emmerich diese Entwicklung auf. Sechs Bereiche vom Präludium über die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen, die Sommerspiele bis hin zur Propaganda beleuchten den Prozess Olympia 1936. Ein Resümee und ein Anhang mit Informationen über die Olympiasieger sowie eindrucksvolle Bilder und Biografien ergänzen den Inhalt.

Die olympischen Spiele als politisches Werkzeug gegen den von Deutschland ausgehenden Krieg? Nein, dieses Werkzeug hat sich zweimal als zu schwach erwiesen. Bereits 1916 soll Berlin der Austragungsort der Sportwettkämpfe werden. Doch statt eines athletischen Kampfes, kämpft Deutschland lieber mit Waffen und die Veranstaltung fällt ins kriegerische Wasser des Ersten Weltkrieges. Die Strafe für den Kriegstreiber Deutschland ist der Ausschluss von Olympia 1920 und 1924.
Deutschland soll wieder in den Kreis der Weltgemeinschaft aufgenommen werden. Dafür eignen sich die der Völkerverständigung dienenden olympischen Spiele. 1930 verständigt sich das IOC die Spiele 1936 an Deutschland zu vergeben.

Die Nationalsozialisten, die ab Januar 1933 an die Macht kommen, haben mit der olympischen Idee jedoch nicht viel im Sinn. Noch zu Beginn bezeichnet Adolf Hitler die Wettkämpfe als „Erfindung der Juden“ und als „geistige Verwirrung“.
Indem die Nazis jedoch den Wirkmechanismus der Spiele erkennen, nutzen sie diese, um sich der Welt friedlich und fair darzustellen. 1936 wird damit zur perfekten Bühne für Hitler Deutschland. Eine Bühne ausstaffiert mit einer spektakulären Kulisse und einer von den Nazis in Szene gesetzten Propaganda.

Die Spiele werden zur „nationalen Aufgabe“ erklärt. Die Massen im Innern werden damit nicht nur auf Olympia, sondern ideologisch auf das Dritte Reich eingestellt.
Eine gewaltige Imagekampagne startet. Die Bedeutung der olympischen Spiele wird im Vorfeld per Informationszug, der aus einem LKW-Treck besteht, in fast jedes Dorf gebracht.
Die eigens für Olympia in kürzester Zeit geschaffenen monumentalen Bauten spiegeln bereits die Ideologie und den Großmachtanspruch Hitler Deutschlands wider.
Die ganze olympische Veranstaltung ist ein Superlativ. Von der perfekten Organisation über in Szene gesetzte sportbegeisterte Zuschauermassen. Von begleitenden Rahmenprogrammen bis zu überwältigenden rauschenden Festen auf der Berliner Pfaueninsel. Herausragender Gastgeber für seine 1000 Gäste ist der Propagandaminister Joseph Goebbels. Internationale Politiker und Sportler, Militärs und Künstler feiern im Fackelschein, tanzen zur Orchestermusik und schlürfen den in Strömen fließenden Champagner.

Zur vertrauen schaffenden Propagandaspirale gehören Medien wie der Rundfunk und der Film. Leni Riefenstahl brilliert mit ihrem Olympiafilm Fest der Völker. Durch eine neue Kameratechnik werden die Menschenmassen und die muskulösen, gestählten Körper, die nahezu perfekt scheinen, gekonnt in Szene gesetzt. Ein Körperkult zum Staunen, wo die Sportler den Anschein von Halbgöttern haben. Wuchtartig wirken die durch die Nazis neu eingeführten Rituale wie die Entzündung der Fackel in Olympia und der Lauf bis zum Austragungsort und die feierliche Entzündung des Feuers, die den Geist antiker Mythen eines Götterspektakels freisetzen.
Leni Riefenstahl wird zur vielfach ausgezeichneten Preisträgerin.
Die internationale Presse berichtet in überschwänglichen positiven Tönen von diesen überwältigenden olympischen Spielen, denn die kritische Journaille ist von vornherein nicht für Olympia akkreditiert. Auch die hitlergetreuen antisemitischen Hetzblätter sind zur Ruhepause verdammt. Selbst über die deutschen führenden Medaillenerfolge darf nur bescheiden berichtet werden.

Olympia 1936 begeistert die Massen auf den Zuschauerrängen, die Welt und die Jugend, die als Botschafter dienen soll. Eine Jugend, die sich ein Vorbild an den gestählten, kämpfenden heroisch wirkenden Helden nehmen soll. Eine Jugend, die durch diese körperliche Kampfästhetik vorbereitet wird auf das Soldatentum und die sich nähernde Schlacht. Eine Jugend, die zu dieser glorifizierten Gemeinschaft dazu gehören möchte.

Nur „Für Juden ist kein Platz im deutschen Sport“. So titelt nicht nur Der Stürmer. Ab dem Frühjahr 1933 werden die jüdischen Bürger bereits aus den Sportverbänden ausgeschlossen.
Um diese Diskriminierung und Entrechtung nicht in den Fokus von Olympia rücken zu lassen, werden zwei halbjüdische Alibisportler zu den olympischen Spielen zugelassen. Der Eishockeyspieler Rudi Ball und die Fechterin Helene Mayer.
Die erfolgreiche jüdische Leichtathletin Gretel Bergmann wird von den Spielen ausgeschlossen. Zu Recht fragt sie „Warum hat es fast ein halbes Jahrhundert gedauert, bis sie öffentlich zugeben, mir Unrecht getan zu haben?“, denn erst im Jahr 2009 erkennt der deutsche Leichtathletikverband das Unrecht an.

Weder die Nürnberger Rassegesetze von 1935 noch der Bruch des Friedensvertrages von Versaille durch die Besetzung und Remilitarisierung des Rheinlandes im Frühjahr 1936 führen zum Boykott der olympischen Spiele 1936.
Der gesetzlich fest gezimmerte Antisemitismus, der zur völligen Entrechtung der jüdischen Bürger führt, ist nach außen – auch international – sichtbar. Diejenigen Stimmen, die zum berechtigten Boykott aufrufen, verstummen im Meer derjenigen, die für die Spiele eintreten. Federführend ist hierbei der Präsident des IOC Avery Brundage, der einen amerikanischen und damit internationalen Boykott der Spiele verhindert.
Selbst nach der Reichspogromnacht stimmt das IOC in London im Juni 1939 geschlossen für Garmisch-Partenkirchen als Austragungsort der kommenden olympischen Winterspiele.

Der gleichnamige Präsident des IOC tritt auch nach dem Überfall und der Ermordung von 11 Mitgliedern der israelischen olympischen Mannschaft bei den Spielen 1972 in München mit seinem Slogan „The games must go on“ dafür ein, dass die Spiele weiter gehen, während die Toten in ihren Särgen den Heimweg antreten.

Der Autor Alexander Emmerich verdeutlicht mit Olympia 1936 die Wirkmechanismen von Politik und Sport. Da titelt Der Stürmer, „Neger haben auf der Olympiade nichts zu suchen, die Schwarzen müssen ausgeschlossen werden.“ und in Berlin wird ein Schwarzer, Jesse Owen, für seine herausragenden Leistungen frenetisch gefeiert. Da wird eine sportliche Propagandaschlacht geführt, die eigentlich eine politische ist. Da hat Nazideutschland seine zwei „Vorzeigejuden“ und stimmt damit schon die Welt zufrieden. Da führt Nazideutschland eine Propagandaschlacht seines Gleichen und die Welt scheint wie im Rausch und ist entzückt.

Olympia 1936 liefert eine gute Mischung zwischen den historischen Informationen und einem beeindruckenden Bildmaterial. Olympia 1936 liefert eine andere Perspektive auf das internationale Sportereignis und die olympische Idee. Olympia 1936 verdeutlicht, dass die olympische Idee durch die Politik nicht nur instrumentalisiert wird, sondern Olympia 1936 zeigt ihre Entkernung. Olympia 1936 stellt aber auch wichtige verdrängte Fragen. Ist der Sport tatsächlich entpolitisiert? Welche Verantwortung trägt jeder einzelne Sportler gegenüber wettkampfausrichtenden Systemen, die Menschenrechtsverletzungen begehen? Hat der Geist des Sports sich einer Diktatur unterzuordnen? Sind die Teilnehmer der Olympiade berechtigt, die olympische Idee zur Wahrung ihrer Eigeninteressen zu opfern? Wie ist das Nachkriegsdeutschland mit dem Verrat an der olympischen Idee umgegangen? Wie ist das Nachkriegsdeutschland mit seinen entrechteten jüdischen Sportlern umgegangen? Wie ist es möglich gewesen, dass sich eine Person wie Brundage jahrzehntelang an der Spitze des IOC halten konnte?

Ja, es fand eine Täuschung statt. In diesem Punkt hat der Historiker Emmerich wie viele andere auch recht. Olympia 1936 greift jedoch zu kurz, wenn die Täuschung des Auslands, der Sportler, der Politiker, der Presse die Basis für die olympischen Spiele 1936 bildet. Damit wird die Opferseite auf die Getäuschten verlagert. Und Opfer sind ja wohl die Juden gewesen. Letztendlich sind die antisemitischen Auswüchse weit vor der Olympiade bekannt gewesen. Spätestens mit den menschenentrechtenden und erniedrigenden, ausgrenzenden Rassegesetzen von 1935 hätte jedem halbwegs bewussten Menschen ein Licht aufgehen müssen. Für einige Wochen fehlende antisemitische Schilder und fehlende antisemitische Hetze in den Zeitungen sind noch keine Werkzeuge für eine Täuschung. Auch die Reichspogromnacht auszublenden, deutet auf was wohl hin?
Nicht zu vergessen, die Rolle des IOC Präsidenten Avery Brundage. Wie kann ein Bewunderer Adolf Hitlers die olympische Idee anführen?
Die olympischen Spiele sind durch und durch politisch gewesen. Dass Brundage als IOC Präsident Jahre später nach den schlimmen Attentaten 1972 auf das israelische Olympiateam gerade auf eine Trennung von Sport und Politik verweist und die Spiele weiter laufen lässt, ist grotesk. Ebenso die Haltung fast aller Beteiligten und die der Weltöffentlichkeit.

Die internationale sportliche Haltung mutiert zur politischen. Eine Haltung, die bis heute anhält. Eine Haltung, die sich daran zeigt, dass den israelischen Opfern von 1972 erst im Jahr 2016 bei der Olympiade in Rio de Janeiro ein Gedenken eingeräumt werden soll. Eine Haltung, die sich stellvertretend für die jüdische Bevölkerung gegenüber Gretel Bergmann gezeigt hat.

Nein, von Täuschung kann keine Rede sein. Vielmehr hat der olympische Superlativ von 1936 die Massen mitgerissen. Massen, die die Wahrheit einfach nicht wahr haben wollten. Massen, denen die Wahrheit schlicht egal gewesen ist. Die dahinterstehende Politik hat in diesen Begeisterungswogen keine Rolle für diese Massen gespielt. Getäuscht und verraten worden ist einzig die olympische Idee. Denn während sich die schwarzen und weißen Olympiagewinner feiern ließen, verschwanden die entrechteten Juden bereits in den KZs.

Ein Boykott der olympischen Spiele von 1936 wäre das einzige und richtige sichtbare Zeichen an die Nazis und ein Hoffnungszeichen für die entrechteten Juden gewesen. Eine dauerhafte Gedenkkultur in Form einer Gedenkminute als humanes Ritual der olympischen Spiele wäre ein wichtiger Schritt, um den Opfern und der olympischen Idee gerecht zu werden.

Alexander Emmerich, Olympia 1936, 2015 by WBG, Theiss, Darmstadt, 288 S. mit 203 Abb., Bibliogr. und Reg., 24 x 28 cm, geb., Hardcover, 29,95 EUR, ISBN: 9783806232455

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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