Maya

Harald Hetzel

Thema

Ist Freiheit im 21. Jahrhundert wirklich ein unumschränktes Menschenrecht? Angesichts der Ausweitung des Menschenhandels gewinnt die Frage zunehmend an Bedeutung. Der moderne Sklavenhandel, der sich insbesondere im Kinderhandel hervortut, ist für die kriminellen Banden neben dem Drogen- und Waffengeschäft äußerst gewinnbringend. So geht UNICEF davon aus, dass durch die Vermarktung der Kinder zu Prostitutions- und Pornographiezwecken jährlich ca. 6 Milliarden Euro erzielt werden. UNICEF schätzt, dass sich weltweit zwischen 3 bis 4 Millionen Kinder prostituieren. Konzentrationspunkte sind Süd- und Westafrika, Brasilien, die Karibik, der asiatische Raum und hier insbesondere der indische Subkontinent.

Autor

Der 1950 geborene Autor Harald Hetzel hat viele Jahre in Indien gelebt und ist durch zahlreiche Veröffentlichungen über diesen Lebensraum bekannt. Mit der erzählten Lebens- und Leidensgeschichte der zwölfjährigen nepalesischen Kinderprostituierten Maya setzt sich Harald Hetzel mit dem Wesen der Freiheit auseinander. Maya steht stellvertretend für das Lebensschicksal vieler anderer zur Ware degradierter und sexuell ausgebeuteter missbrauchter Kinder. Das Hintergrundwissen erhält der Autor durch die Befragung von Aktivisten, die sich gegen den Kinderhandel engagieren sowie durch die Befragung der Opfer mit der Unterstützung der Hilfsorganisation Maiti Nepal.

Aufbau

Harald Hetzel teilt sein Buch in zwei Schwerpunkte auf. Nach einem Vorwort der Vorsitzenden von UNICEF Deutschland Heide Simonis zum Kinderhandel, folgt der kommentierte Tatsachenbericht des nepalesischen Mädchens Maya. Im zweiten Abschnitt befasst sich Harald Hetzel mit den Hintergründen und den Ursachen für den Kinderhandel in Nepal. Die bedeutendsten Hilfsorganisationen, die sich aktiv gegen den nepalesischen Kinderhandel einsetzen, werden im Anhang genannt.

1 Maya

Nepal, das Land zwischen Indien und China, inmitten des Himalaya, ist eines der ärmsten Länder der Erde. Es ist die Heimat der zwölfjährigen Maya, die älteste von sechs Kindern. Die Familie ist arm und sie lebt von der Landwirtschaft. Zwei Mahlzeiten am Tag sind selten. Als Unterkunft dient eine Lehmhütte, die Notdurft muss im Freien verrichtet werden. Der Vater trinkt. Trotz der widrigen Lebensumstände legt die Familie sehr viel Wert auf die Ausübung der religiösen Rituale. Schon früh hilft Maya ihrer Mutter im Haushalt und bei der Beaufsichtigung ihrer Geschwister. Maya hat noch nie eine Schule besucht. Die Familie hält die Bildung für ihre Tochter nicht für erforderlich, da sie als Mädchen eh verheiratet wird. Sexualität bleibt bis zur Hochzeit ein Tabuthema. In der Abgeschiedenheit gibt es kaum Kontakt zur Außenwelt. Einzig die Geschichten, die im Teeladen auf dem Weg zur Schule ihrer Brüder erzählt werden, geben Maya einen Einblick in eine noch andersartig existierende Welt.

Nach dem Tod ihrer Mutter wird Maya im Alter von zwölf Jahren verheiratet. Durch ihren Mann erlebt sie erstmals sexuelle Gewalt. Ihr zerstörerisches Umfeld treibt sie nach einer Schwangerschaft in die Flucht nach Kathmandu. Dort arbeitet Maya ein Jahr lang in einer Teppichfabrik. Die harte Arbeit und der Traum auf ein besseres Leben führen dazu, dass sie auf Schlepper hereinfällt. Sie wird verkauft und landet in einem Bordell in Kalkutta. Brutalste Gewalt, Folter und Gruppenvergewaltigungen brechen Mayas Willen. Ihr Lebensumfeld besteht aus wenig Essen, verdreckten fensterlosen Zimmern und den Empfang von bis zu 20 Kunden pro Tag, an den Wochenenden auch mehr. Die unregelmäßige Nutzung von Kondomen führt zu Krankheiten und bei vielen Mädchen zu ungewollten Schwangerschaften. Jeder Gedanke an Flucht wird martialisch bestraft.

Ihr persönliches Schicksal scheint sich zum Besseren zu wenden, als ein Kunde sie freikauft und heiratet. Doch die Alltagswirklichkeit sieht anders aus. Sie wird von ihrem Mann zur Prosititution gezwungen. Geschlechtskrankheiten und Krankheiten anderer Art bestimmen Mayas Alltag. Später wird sie von ihrem Ehemann an ein Bordell in Mumbai (Bombay) verkauft. Die Lebensbedingungen sind in diesem Bordell noch unmenschlicher und gnadenloser. An Flucht ist nicht zu denken, da neben der kriminellen Organisation und den Kunden auch noch viele andere Personen und Behörden wie z.B. die Polizei mit in den Kinderhandel und die Prostitution eingebunden sind. Folglich verwirft Maya jede Hoffnung auf eine andere Zukunft. Einzig das Überleben steht im Mittelpunkt. Die Wirklichkeit betäubt sie mit Drogen. Maya und die anderen Mädchen sind oft krank. Lungenentzündung, Fieber und Geschlechtskrankheiten schwächen sie zunehmend. Im Fall einer HIV Infizierung verschwinden die Mädchen oft spurlos oder man findet sie ermordet. Krankheit oder Unattraktivität hat in den überwiegenden Fällen den Billigstrich oder den Freitod zur Folge. Nur unter der Bedingung, dass sich eine Hilfsorganisation um die Mädchen kümmert, kann dieses Schicksal vermieden werden. Mit Hilfe der Hilfsorganisation Maiti Nepal konnte Maya befreit werden. Zu dem Zeitpunkt ist sie bereits schwerkrank. Fast zwei Jahre nach ihrer Befreiung stirbt Maya an Aids.

2 Hintergründe für den Kinderhandel

Im anschließenden zweiten Teil des Buches fragt Harald Hetzel nach den Ursachen für den Kinderhandel. Er zeigt auf, dass die Opfer des weltweit umfassenden Handels mit Menschen aus den ärmsten Ländern unserer Welt kommen. In Nepal, eines der ärmsten Länder auf dem indischen Subkontinent, leben fast 90 % der Bevölkerung von der Landwirtschaft. Viele Menschen können nicht lesen und schreiben. Die wirtschaftliche Armut lässt seit den 80er Jahren den Menschenhandel zu einem immer einträglicheren Geschäft werden. In Nepal fallen dem Versprechen auf einen lukrativen Arbeitsplatz ca. 12.000 Mädchen im Jahr zum Opfer. Sie werden überwiegend nach Indien verkauft und dort in den Großstädten zur Prostitution gezwungen. Fast alle Rückkehrerinnen sind HIV-positiv.

Der Autor stellt einen Zusammenhang zwischen dem Mädchenhandel und der gesellschaftlichen Stellung der Frau her. Die durch die Religion wie Hinduismus und Buddhismus besonders betonte geringe Wertigkeit der Frau hat nachhaltig die patriarchale Gesellschaft beeinflusst und über Jahrhunderte geprägt. Das männliche Geschlecht ist überlegen und definiert seine Stärke immer von Neuem. Die Wertlosigkeit des weiblichen Geschlechts innerhalb der Gesellschaft verdeutlicht der Autor, anhand des Sprichwortes aus dem Dorf Kalena, das da heißt, "...Hammelfleisch für die Mutter eines Sohns, Kürbis für die Mutter einer Tochter." So werden Mädchen schlechter ernährt und schlechter medizinisch versorgt, sie erhalten keine Bildung, sie werden als Kinder zwangsverheiratet. Die Tradition erwartet die Aufopferung der arbeitsamen und vor der Ehe jungfräulichen Frau. In dieser männergeprägten Welt verfügen sie über keine Selbstbestimmung, sondern sind das Eigentum des Mannes. Dieses tradierte Bild der Frau bildet einen Raum für sexuelle Repressionen. So gehören Vergewaltigungen innerhalb der Familie und von Außen zum Lebensalltag.

Harald Hetzel knüpft im weiteren Verlauf an die Jahrhunderte währende Kinderarbeit in Nepal an. Ein durch die große Armut und die damit einhergehende Landflucht lässt ein Überangebot an Arbeitskräften in den Städten entstehen und bedingt ein modernes Sklaventum der Kinder in den Teppichfabriken. Die unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen führen zur nachhaltigen Schädigung der Gesundheit von Lungenerkrankungen bis zum Einbüßen der Sehkraft. Die Teppichindustrie in Nepal entwickelt sich zudem zum Zentrum für den Handel mit Kindern. So werden Kinder in indische Webfabriken oder Bordelle verkauft. Die Mädchen werden von organisierten Schlepperbanden aus ihren Dörfern gelockt. Die Hoffnung auf einen gut bezahlten Arbeitsplatz in Indien oder in den Golfstaaten oder auf eine Heirat endet im Bordell. Aber auch Ehemänner, Verwandte und der politische Apparat verschleppen und verkaufen die Mädchen wie der Autor beispielhaft an mehreren Fällen erläutert.

Den Rückkehrerinnen droht die gesellschaftliche Ausgrenzung und Diskriminierung. Ca. 80 % der zurückkehrenden Frauen finden in ihrer Familie und der Dorfgemeinschaft keine Aufnahme mehr. Vielfach sind sie zudem HIV positiv. Die mangelnde Reintegration treibt sie oftmals in die Bordelle zurück.

Der Autor wirft anschließend einen Blick auf die Verantwortung der Politik. Auch mit der demokratischen Entwicklung Nepals nach 1990 ist der Kinderhandel nicht eingedämmt. Vielmehr ist er mit Hilfe der Politik, die sich an dem menschenverachtenden Geschäft beteiligt, weiter expandiert. Auch die kulturelle Vergangenheit Nepals wie die Tempelprostitution und die Berufsprostitution der Badi-Kaste stützen das Selbstverständnis der Kinderprostitution.

Zur Diskussion

Die Leidensgeschichte des nepalesischen Mädchens Maya gibt einen tiefen Einblick in die Problemlage eines Landes, das sich zwischen Tradition und Moderne bewegt. Wie der Autor schreibt, ist in Nepal die Sklaverei seit 1924 verboten. Mit jeder Seite des Buches wird das Verbot aber immer mehr verwischt. Die sexuelle Sklaverei mit ihrer zerstörerischen Wirkung zeigt die Alltagswirklichkeit Nepals mit einer Sexindustrie, die von der unbegrenzten wirtschaftlichen Armut der überwiegenden Landbevölkerung und den patriarchalen Strukturen profitiert. Eine Sexindustrie, von der nicht nur die organisierte Kriminalität lebt, sondern auch die politischen Cliquen. So werden jährlich Tausende von Kindern als Sexsklaven nach Indien verschleppt oder verkauft. Man hält sie in Bordellen gefangen, man vergewaltigt sie, man foltert sie. Der Horror, der sich hinter dem Alltäglichen verbirgt, heißt politische Korruption, Gewalt und grenzenloses menschenverachtendes Verbrechen. Die Politik begünstigt den moralischen Verfall und fördert damit die sexuelle Ausbeutung der Kinder. Unter solchen Umständen wird der Artikel 34 der UN-Kinderrechtskonvention, der die Kinder weltweit vor sexueller Ausbeutung schützen soll, zur Makulatur.

Düster wird es, wenn man sich dem Thema der Nachfrage nach den Kindern widmet. Sie verkörpert den verlorenen Kampf gegen die menschliche Existenz. Gesetze, Verbote und Festschreibungen werden den modernen Sklavenmarkt nicht kontrollieren können. Einzig die Verbesserung der sozialen Umstände, die Bildung des menschlichen Geistes, die Aufklärungs- und Informationsverbreitung, die Verantwortungsübernahme der Politik in Form eines Vorlebens einer universellen Ethik sowie die Betonung von Würde und Selbstbestimmung und die weltweite Stigmatisierung von materialistischer Gier wären ein erster Schritt in der Auseinandersetzung und Beseitigung der modernen Sklaverei. Das unbeschränkte Menschenrecht - nämlich die Freiheit - ist sonst zum Tode verurteilt.

Fazit

Harald Hetzels Werk beleuchtet analytisch sorgfältig und exemplarisch die moderne Sklaverei in einem der ärmsten Länder der Welt. Ein überzeugender aufrüttelnder Tatsachenbericht, der sich kritisch mit der Armut und einer immer roher und materialistisch werdenden Gesellschaft auseinandersetzt. Das Buch entzerrt den Blick zwischen Illusion und Wirklichkeit. Zum Vorschein kommt die Frage nach dem Wesen der Freiheit als geltendes Menschenrecht. Maya sensibilisiert für eines der großen Probleme unserer Zeit. Nämlich die Bedrohung der Freiheit durch Armut und materielle Gier.

Harald Hetzel: Maya. Der Leidensweg einer Kinderprostituierten aus Nepal. Verlag J.H.W.Dietz (Bonn) 2006. 120 Seiten. ISBN 3-8012-0362-X. 12,90 EUR

© Soraya Levin


Dietz Verlag

Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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