Kinder

Angela Rupprecht, Ruth Eichhorn (Hrsg.)

Thema

In vielen Gesellschaften haben Kinder keine Rechte. Krieg und Bürgerkrieg, AIDS, die Auflösung von sozialen Gebilden und Wirtschaftsstrukturen sowie eine wachsende Armut in vielen afrikanischen, lateinamerikanischen und asiatischen Ländern begünstigen die Kinderrechtsverletzungen. Kinder leben in tiefer Armut, sie werden wie Ware gehandelt, zur Sklavenarbeit und Prostitution gezwungen, sie befinden sich auf der Flucht, gewaltsame Tode haben sie zu Waisen gemacht, Millionen von ihnen haben kein Dach über den Kopf und leben auf der Strasse. Gewalt, Drogen und Kriminalität sind tägliche Realität. Verfassungen und viele Abkommen sprechen sich zwar für die Einhaltung von Kinderrechten aus. Die alltägliche gesellschaftliche Gleichgültigkeit gegenüber den realen menschenverachtenden Kinderrechtsverletzungen steht aber im deutlichen Widerspruch zu den Verlautbarungen.

Inhalt

Der Bildband "Kinder - Die Zukunft der Menschheit" dokumentiert mit seinen Fotografien ein vielseitiges Bild von Kindern in ihrem Lebensumfeld. Die besten Fotos von preisgekrönten Fotografen des Wettbewerbs "Unicef-Foto des Jahres" wie Marcello Bonfanti, Patrick Andrade, Jan Banning, Meredith Davenport und vielen anderen stellen die Gegensätze zwischen dem Alltag der Kinder in den unterschiedlichsten Umfeldern dar. Essays von Schriftstellern wie Günter Grass, Susan Sontag, Mario Vargas Llosa, Eduardo Galeano und Sebastiao Salgado und zahlreiche Kommentare zur Situation von Kindern ergänzen die ausdrucksstarken Fotografien.

Nach einem Vorwort der Herausgeberinnen zum Thema Moral und Fotografie folgen fünf Essays, denen sich jeweils ein Fotothemenblock anschließt. So deckt Eduardo Galeano in seinem Essay "Zustand einer verkehrten Welt" gesellschaftliche Gegensätze in den Lebenslagen von Kindern auf. Bilder von Flucht, von Vertreibung, vom Verlassensein und von Säureopfern fassen den Text noch mal bildhaft zusammen. Wie gehen wir aber mit den grauenvollen Bildern aus den Krisengebieten um? Dieser Frage geht Susan Sontag mit ihrem anschließenden Text "Das Leiden anderer betrachten" nach. Bilder vom Krieg und seine Folgen erläutern visuell das vorangegangen Gesagte. Mit "Müll unser" bringt Günter Grass das sichtbare Elend in eine gebundene Sprache. Fotos von Kinderarbeit, von Kindersklaven und von Kindern, die kaum Zugang zu den natürlichen Ressourcen wie Wasser haben, unterstreichen die Lyrik. Der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa plädiert mit seinem Text "Das schwache Geschlecht" für Gerechtigkeit und kulturelle Freiheit. Es folgen Kinderfotos, die Behinderte, Begabte, Obdachlose, Arme und Unberührbare aufzeigen. Der letzte Essay von Sebastiao Salgado beschäftigt sich vor allem mit dem Leben der Kinder am unteren Ende der Gesellschaft. Waisen und indischer Kinderalltag auf der einen Seite und die Mollykids auf der anderen Seite. Zahlreiche Kommentare ergänzen den Bildband. So auch ein Text zur Bekämpfung von Armut von Reinhard Schlagintweit, dem Vorsitzenden von UNICEF Deutschland.

Am Ende des Bildbandes werden die Fotos des Jahres noch mal zusammengefasst und die jeweiligen Fotografen vorgestellt.

Fotografen, die fotografieren und nicht intervenieren. Ist dieses Verhalten moralisch vertretbar? Die Herausgeberinnen Angela Rupprecht und Ruth Eichhorn bejahen dieses in ihrem Vorwort. Ihrer Ansicht nach sensibilisieren die Bilder für die gegensätzlichen Lebenslagen von Kindern. Sie machen aufmerksam auf das Leid und Elend und die Freude der Kinder. Die Autorinnen räumen ein, dass Bilder von Krieg und Armut diese zwar nicht verhindern können. Allerdings verdeutlichen die Bilder die gesellschaftliche Verantwortung für Not, Elend, Hoffnung und Freude. Sie regen zum Hinsehen und zur Hilfestellung an.

Eduardo Galeano zeigt mit seinem Essay "Zustand einer verkehrten Welt" auf, dass Kindern oft das Recht auf Kindheit genommen wird. Als Beispiel führt er den Gegensatz zwischen Arm und Reich an. Auf der einen Seite leben die Kinder reicher Eltern in einigen Städten Lateinamerikas hinter Mauern versteckt und bewacht, aus Angst entführt zu werden. Der Bezug zu ihrem realen Lebensumfeld geht verloren. Auf der anderen Seite die wachsende Kinderarmut mit all ihren Folgen, wie Hunger- und Krankheitstod, Kinderarbeit, Kindersoldaten, Prostitution, Flucht und Verlassensein.

Die folgenden Bilder unterstreichen das Gesagte. Enrique ist auf dem Weg nach Norden, um seine Mutter zu suchen. Vor Jahren hat sie ihn verlassen, um Geld zu verdienen. Dem Elend in Darfur wird mit dem Foto eines völlig erschöpften Kindes mit seiner Mutter Nachdruck verliehen. Auch das Bild eines vor den Taliban und vor Kälte schutzsuchenden Flüchtlingskindes in Afghanistan spricht für sich. Die Bilder der Mädchen Jannatul Ferdous, Nurjahan und Monira, die einem Säureangriff zum Opfer gefallen sind, zeigen eine schreckliche Form von Gewalt gegen Mädchen und junge Frauen. Immer mehr Männer begehen aus Rache für einen abgelehnten Heiratsantrag oder aufgrund von sexueller Zurückweisung ein Säure-Attentat. Die Säure frisst sich durch die Haut, sie zerstört die Augen, die Nase, die Ohren, den Mund. Zurück bleibt körperliches und seelisches Leid.

Wie geht man mit diesen leidvollen Fotos um? In dem folgenden Essay "Das Leiden anderer betrachten" fordert Susan Sontag sich diesen leidvollen Bildern mit all ihrer Grausamkeit auszusetzen. Sie machen aufmerksam, klären auf und wecken Gefühle. Auch wenn das Aufrütteln nur von kurzer Dauer ist, so wirken sie als Appell und als Aufforderung zum Handeln. Sie wirken dadurch politisch sowie moralisch. Susan Sontag räumt zwar ein, dass Fotos nicht vom Grundsatz her die Realität authentisch abbilden, da der Fotograf immer interpretierend wirkt. Da es ihr aber lediglich um die Wirkung der Bilder geht, stellt sich die Frage nach Authentizität nicht.

Die Fotos von im Bürgerkrieg in Ruanda gezeichneter Kinder, von aus den Händen von tschetschenischen Terroristen befreiter Kindergeiseln, von Kindersoldaten, von Ali, in einem Krankenhaus in Bagdad, dem beide Arme fehlen, von einem mit Aids infizierten Mädchen in Uganda, von der siebenjährigen Tran Thi Thao, einem Agent-Orange-Kind, was weder laufen noch etwas festhalten kann, von der Kindersklavin Aminata, von Kindern auf den Weg nach Gulu in Norduganda, die ihrem Elternhaus Nacht für Nacht aus Angst vor Verschleppung von den Rebellen entfliehen. So werden vielfach Kinder als Soldaten von Regierungstruppen, Rebellen oder anderen paramilitärischen Gruppen missbraucht. Man zwingt sie zu töten und zu foltern. Mädchen werden als Köchinnen, Wasserschlepperinnen, Dienerinnen und Sexsklavinnen eingesetzt. Die Rekrutierung erfolgt auf verschiedene Arten. Die Kinder werden entführt, zwangsverschleppt, von ihren Eltern aufgrund von Hunger und Armut verkauft.

Kinder sind oft Opfer von skrupellosen Menschenhändlern. Wie Ware werden sie in vielen Ländern Afrikas und Südostasiens verschleppt und über Grenzen verfrachtet. Sie werden als Arbeitssklaven verkauft, bekommen für ihre schwere Arbeit kein Geld, sie erleiden Demütigung, Gewalt und sexuelle Übergriffe.

In Afrika sind unzählige Kinder HIV-positiv. Tausende infizieren sich täglich neu mit dem Aids-Virus. Mädchen sind aufgrund von Diskriminierung und Gewalt, die sich in Vergewaltigungen niederschlägt, besonders betroffen. Aids hinterlässt Millionen von Waisen, die sich selbst überlassen sind und sich mit Prostitution oder Gelegenheitsarbeiten durchschlagen.

Um zu überleben, werden die Müllkippen nach etwas Verwertbaren - ob zum Essen oder zum Verkauf - abgesucht. Auf der Müllkippe von Tegucigalpa in Honduras befinden sich Kinder mit den Geiern im Wettstreit. Günter Grass bringt mit seinem Gedicht "Müll unser" das Elend der Müllkinder, in gebundene Sprache.

Statt zur Schule zu gehen, knüpfen Kinder Teppiche, arbeiten auf Baumwoll- und Kaffeeplantagen, arbeiten in Gerbereibetrieben und vielem mehr und oft unter gesundheitsschädigenden Bedingungen. Millionen von Mädchen arbeiten als unbezahlte Haushaltshilfen. Missbrauch und Ausbeutung ist hier besonders groß. Auch nimmt die Kinderprostitution in Lateinamerika und Südostasien immer weiter zu. Die häufigste Ursache der Kinderarbeit ist die Armut. Die Kinder tragen mit zum Familieneinkommen bei. Kinderarbeit ist überall dort zu stoppen, wo die Arbeitsbedingungen unmenschlich sind und ihre Gesundheit gefährdet ist. Das Bild von Kindern in einer marokkanischen Gerberei, das Bild eines Tintenfisch weichschlagenden Jungen im Hafen auf Sansibar, das Bild eines Kinderjockeys, das Bild eines Mädchens beim Wasserholen in Ghana veranschaulicht die Kinderarbeit und die Abhängigkeit.

Für eine Kultur der Freiheit und für Gerechtigkeit tritt der peruanische Schriftsteller Mario Vargas Llosa ein. In seinem Essay "Das schwache Geschlecht" befasst er sich hauptsächlich mit den Menschenrechtsverletzungen gegen Mädchen. Er vertritt die Meinung, dass die Kulturen nicht um ihrer selbst willen, schon Achtung verdienen. Die Verletzung von Menschenrechten, egal welche Kultur, Tradition oder Religion zu Grunde liegt, ist nicht zu akzeptieren. Als Beispiel nennt er die Säureopfer und Beschneidung von Mädchen, die in Afrika - insbesondere bei der mohammedanischen Bevölkerung - als Ritual praktiziert wird. Das Recht auf Gesundheit wird den Mädchen genommen, ihr Körper ist nicht mehr unversehrt sondern verstümmelt. Neben dem körperlichen Leid kommt das psychische Leid hinzu.

Es folgen Fotos von dem sechzehnjährigen Liu Xiaohua, der in einem Heim für Psychiatrie eingesperrt ist, von Lindita und ihrem Bruder, die nach der Flucht aus dem Kosovo in ihr Haus nach Mazedonien zurückgekehrt sind, von Rugbyspielenden Mädchen im Londoner Hydepark, von dem zwölfjährigen blinden Albino Luvo Ntila und seinem Schulkameraden, von der an Down-Syndrom leidenden Hanna aus Deutschland, von Svetlana, die täglich Klavier übt, von der obdachlosen Lena in St. Petersburg, von Straßenkindern in der Mongolei, von Corinna aus Rumänien und ihrem Traum nach einem anderen Leben, von Kindern im indischen Ghandi-Ashram, die Geigenspielen lernen. Das ist "das Schicksal Unschuldiger". Der Brasilianer
Sebastiao Salgado setzt sich in seinem folgenden Essay mit dem Schicksal der Kinder auseinander. Er führt an, dass die meisten Opfer bei Katastrophen, Kriegen und Armut immer unter den Kindern zu finden sind. Sie leiden an körperlichen und seelischen Verletzungen. Mögen die Bedingungen auch noch so schlecht sein, Kinder können sich trotzdem freuen. Das hat zur Folge, dass das Foto eines lachenden Kindes, das dahinter stehende Leid verdeckt. Salgados Ausführungen werden unterstrichen durch die Bilder von Kindern in einem Waisenhaus in Guatemala, von einem sich freuenden Mädchen in Neu Delhi, von einem vor Regen schutzsuchenden Straßenjungen in Neu Delhi, von Kindern am Strand in Mocambique, von Nomrula Radebe, einem kleinen Jungen in einer Armenunterkunft in Südafrika, von Kindern beim Stelzenlaufenlernen auf Trinidad, von den Mollykids in Houston, USA, die gern essen.

So nimmt die Zahl der übergewichtiger Kinder und Jugendlicher rasant zu, da sich in den hochentwickelten Gesellschaften die Ernährung verändert hat und die Kinder sich zu wenig bewegen. Gesundheitliche Folgen sind Krankheiten, die bislang lediglich bei Erwachsenen auftraten wie Bluthochdruck und die Zuckerkrankheit vom Typ 2. Für Deutschland hat eine Studie des Robert-Koch-Instituts den Zusammenhang zwischen Armut und Übergewicht belegt.

Reinhard Schlagintweit, Vorsitzender von UNICEF Deutschland, plädiert abschließend für Bildung als Ausweg aus der Armut und als Schritt in Richtung Gerechtigkeit und Kultur.

Diskussion

Das Buch "Kinder - Die Zukunft der Menschheit" dokumentiert mit seinen Fotos ein vielseitiges Bild menschlicher Brutalitäten und Grausamkeiten. Die Aufnahmen von Kindern in ihrem Lebensumfeld sind von einer fesselnden emotionalen Tiefe und Ehrlichkeit. Kinderleid hat viele Gesichter. Die Bedeutung der Fotos liegt darin, dass sie klar in ihrer Aussage sind, die umgebende lebensfeindliche Wirklichkeit zeigen und uns dadurch emotional ansprechen. Sie verdeutlichen das ethische Desaster, werfen politische und philosophische Fragen auf und fordern, sich kritisch mit der Thematik Kinderrechte auseinanderzusetzen. Die Realität verlangt eine angemessene Antwort. Menschenrechtsverletzungen müssen stärker wahrgenommen werden, denn nur so kann sich politisch und wirtschaftlich etwas ändern. Die Bilder geben den Notwendigkeiten wie Aufklärung, Tabuisierungsbeseitigung, Bildung, Schaffung von Rechtsgrundlagen und ihrer Umsetzung und Ausführung, nachhaltige Verbesserung der Lebensbedingungen, Beseitigung extremer wirtschaftlicher und sozialer Gegensätze ein Gesicht.

Fazit

Dieser Bildband wirkt auch nach dem Zuklappen des Buchdeckels emotional nach. Dieser Bildband ist nicht nur empfehlenswert, sondern ein MUSS. Zudem wird mit dem Kauf des Buches die Initiative "Schulen für Afrika" unterstützt.

Angela Rupprecht, Ruth Eichhorn (Hrsg.): Kinder - die Zukunft der Menschheit. Gerstenberg Verlag (Hildesheim) 2005. 176 Seiten. ISBN 3-8067-2564-0. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 69,50 SFr

© Soraya Levin


Gerstenberg

Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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