Interkulturelle Kommunikation...

Verena Dreißig

Thema

Durch Migrationsbewegungen treffen unterschiedliche soziokulturelle Gruppen aufeinander. Menschen mit verschiedenen Kulturen müssen sich verständigen. Es gibt jedoch sprachliche Barrieren, kulturelle Unterschiede, andere Wahrnehmungs- und Deutungsmuster, unterschiedliche Sichtweisen in Bezug auf Fremdes und Eigenes. Welche Schwierigkeiten entstehen im interkulturellen Kommunikationsprozess und wie setzen sich die Interaktionspartner eigentlich damit auseinander? Sind kulturelle Unterschiede die Ursache für Verständigungsschwierigkeiten? Die Frage der interkulturellen Verständigung stellt sich auch beim Zugang zum Gesundheitswesen, insbesondere in Bezug auf den zunehmend internationaler werdenden Krankenhausalltag.

Autorin

Verena Dreißig, Ethnologin und Pädagogin, hat sich mit dieser Thematik in ihrem ursprünglich als Dissertation verfasstem Buch auseinandergesetzt.

Aufbau und Inhalt

Ausgangspunkt der Untersuchung von Verena Dreißig ist die Frage, ob die unterschiedlichen kulturellen Hintergründe zwischen den Angehörigen unterschiedlicher Kulturen für kommunikative Missverständnisse verantwortlich sind. An den Ausgangspunkt anknüpfend fragt die Autorin, ob interkulturelle Beziehungen tatsächlich zu den besonders schwierigen und gefährdeten gehören - und wenn ja, woraus die besonderen Gefährdungen der interkulturellen Kommunikation bestehen. Sie fragt nach welchen Regeln und Mustern die Krankenhausakteure - Mitarbeiter wie Patienten - miteinander kommunizieren.

Das Buch umfasst fünf Kapitel und einen Anhang. Im ersten Kapitel wird der Kulturbegriff aus unterschiedlichen Forschungsrichtungen beleuchtet. Folgend erläutert Verena Dreißig welche Methodik sie verwendet.

Das Kapitel drei bildet den Schwerpunkt der Studie. Fallbeispiele und empirische Ergebnisse werden hier dargestellt.

Kapitel vier greift die Thesen und Argumente nochmals auf und fasst die Ergebnisse zusammen.

Im letzten Kapitel gibt die Autorin noch Anregungen wie die interkulturelle Kommunikation verbessert werden kann. Im Anhang sind die Interviewleitfäden nachzulesen.

Verena Dreißig beginnt ihre Studie mit einer Klärung des Kulturbegriffs. Der Begriff Kultur wird im Alltagsgebrauch sehr vielfältig verwendet. Wir sprechen von einer Freizeitkultur, von einer Unternehmenskultur oder auch von kulturellen Veranstaltungen. In der Forschung gibt es unterschiedliche Aussagen über den Begriff Kultur, die deutlich machen, dass wir es mit keinem allgemein gültigen Kulturbegriff zu tun haben. Für die Autorin ist Kultur immer kontextabhängig. Sie spricht sich dafür aus, die politischen, die sozialen, die institutionellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen mit zu berücksichtigen. Als theoretische Grundlage für die Analyse der interkulturellen Kommunikation stützt sich die Autorin auf ein Modell nach Georg Auernheimer, das Machtungleichheiten, Selbst- und Fremdbilder und unterschiedliche kulturelle Vorgaben mit einschließt.

Wie wird miteinander kommuniziert? Die gängigen Forschungsansätze zur interkulturellen Kommunikation geben hierauf bislang keine Antwort. Verena Dreißig füllt mit ihrer Studie und der angewandten Methodik der teilnehmenden Beobachtung diese Lücke. Sie begleitet das Krankenhauspersonal auf den täglichen Visiten und beobachtet die verbalen und nonverbalen Äußerungen zwischen den Patienten und dem Personal. Die Beobachtung ergänzt sie durch Leitfadeninterviews. Untersuchungsorte sind internistische Abteilungen zweier Kliniken mit hohem Anteil an zugewanderten Patienten.

Im folgenden stellt Verena Dreißig Fälle zugewanderter Patienten und der interkulturellen Kommunikationsschwierigkeiten vor. Sie stellt den Zusammenhang zu dem Modell nach Auernheimer her und nennt Ursachen und Gründe für die interkulturellen Kommunikationsschwierigkeiten. Die Autorin geht zunächst von der Annahme aus, dass viele Faktoren, die wenig mit Kultur an sich zu tun haben, die interkulturelle Kommunikation beeinflussen. Sie macht darauf aufmerksam, dass das Krankenhaus zahlreichen Rahmenbedingungen unterliegt. Sie verweist auf die Hierarchie, die die Abgabe von Verantwortung begünstigt, ferner auf Machtasymmetrien und Sprachprobleme, die eine Problemauseinandersetzung vermeiden helfen. Handlungsspielräume werden so teilweise nicht genutzt.

Bei der Betrachtung der Interaktionsformen kommt die Autorin zu dem Schluss, dass die Interaktion zwischen dem Klinikpersonal und den deutschen sowie den zugewanderten Patienten viele Gemeinsamkeiten aufweist. Gleiche Handlungsmuster des Klinikpersonals gegenüber deutschen und zugewanderten Patienten dienen als Beleg. Laut Verena Dreißig wird die Kommunikationsstörung von einer Vielzahl anderer Faktoren hervorgerufen. Anhand von Interviews wird deutlich, dass die Interessen, die Bedürfnisse und die Erwartungen des Klinikpersonals sich nicht mit denen der Patienten decken. Das Personal hat wenig Zeit und möchte, dass der Patient sich dem Klinikablauf anpasst, dass er lobt und die fachliche Kompetenz anerkennt. Der Patient benötigt Mitgefühl und Aufmerksamkeit. Die Autorin zieht hieraus den Schluss, dass dieser Gegensatz zu einer Störung der Kommunikation führt. Die Folge ist, dass das Klinikpersonal aggressiv und ungehalten auf fordernde und fragende Patienten reagiert. Die Patienten werden als schwierig bezeichnet. Es folgen Vermeidungsstrategien des Krankenhauspersonals, in dem der Patientenkontakt reduziert wird. Sind Patienten in ihrer Kommunikation durch Bildungs- oder Gesundheitsdefizite eingeschränkt, werden sie oftmals nicht ernst genommen und als Störfaktor empfunden. Die sprachlichen Defizite tragen zudem zur Verunsicherung auf beiden Seiten bei. Oft werden zweisprachige Mitarbeiter als Bindeglied zwischen den zugewanderten Patienten und dem Klinikpersonal genutzt. Als problematisch erweist sich die Übersetzung der medizinischen Fachausdrücke, da diese in der Zweitsprache oft nicht bekannt sind. Für die zweisprachigen Mitarbeiter kommt es zudem zu einem Intrarollenkonflikt, da sie oft in die Rolle des sozialen Fürsprechers der zugewanderten Patienten gedrängt werden.

Im Verlauf der Studie beschäftigt sich die Autorin mit der Machtasymmetrie als einen weiteren Faktor für die Kommunikationsstörung. Als Beispiel nennt sie das oft herablassende und überhebliche Verhalten des Klinikpersonals gegenüber Patienten. Ihrer Meinung nach tritt dieses Verhalten überwiegend bei den Patienten mit Bildungs- und Gesundheitsdefiziten auf. Aufgrund der oftmals geringen Sprachkompetenz wird dieser Faktor bei zugewanderten Patienten verstärkt. Die Autorin kommt zum Ergebnis, dass zugewanderte Patienten dementsprechend nicht bewusst diskriminiert werden.

Ein weiterer Verursacher der Störung innerhalb der interkulturellen Kommunikation ist das kulturelle Verständnis. Verena Dreißig führt beispielsweise die sehr engen Familienbande der zugewanderten Patienten an, die beim Klinikpersonal oft zu Unverständnis führen. Im Verlauf ihrer Studie zeigt die Autorin weitere konfliktträchtige Faktoren auf. Stereotype wie das "Mediterranen Syndrom", d. h. Patienten aus dem Mittelmeerraum werden als wehleidiger bezeichnet als deutsche Patienten, führen dazu, dass zugewanderte Patienten nicht so ernst genommen werden. Neben den Stereotypen wirken auch die Fremd- und Selbstbilder als Kommunikationsblockierer. Verbale und nonverbale Äußerungen werden unterschiedlich wahrgenommen und unterschiedlich interpretiert.

Auch gesellschaftliche Vorgaben beeinflussen die interkulturelle Kommunikation negativ. So führen Kosteneinsparungen im Gesundheitswesen zu einem Personalabbau. Die Arbeitsbelastung und der Zeitdruck steigen. Stress und Überbelastung wirken laut Autorin einer positiven Verständigung entgegen.

Die Schlussfolgerung, die Verena Dreißig aus ihrer Analyse zieht, ist, dass die Problemlagen bei zugewanderten Patienten sich nicht aus den kulturellen, sondern vielmehr aus den Migrationshintergründen ergeben. Sie widerspricht damit der These, dass die alleinige Beschäftigung mit den unterschiedlichen kulturellen Hintergründen der zugewanderten Patienten sowie die Kenntnis über ihre unterschiedliche Krankheitswahrnehmung und -vorstellung die interkulturelle Kommunikation verbessern. Anhand ihrer Untersuchung ergibt sich für sie, dass das Krankenhaus als Institution Faktoren bedingt, die auf die Behandlung der Patienten einwirken. Die Probleme, die sich hieraus ergeben, sind bei deutschen Patienten ebenso vorhanden. Bei zugewanderten Patienten sind die Belastung und die Auswirkung aber weitaus größer, da z.B. Sprachbarrieren noch hinzukommen. So werden die Sprachbarrieren seitens des Klinikpersonals teilweise instrumentalisiert, um sich nicht mit problembehafteten Patienten beschäftigen zu müssen. Hier erleichtern zugewanderte Patienten oftmals das sich abgrenzende Verhalten, da sie zurückhaltend und kooperativ sind.

In ihrer abschließenden Empfehlung spricht sich Verena Dreißig für Fortbildungen im Bereich der medizinischen Fachtermini für zweisprachige Mitarbeiter aus. Auch hält sie eine Anpassung des Sprachniveaus zwischen Klinikpersonal und zugewanderten Patienten für notwendig.

Gesellschaftspolitisch empfiehlt sie, für zugewanderte Patienten mehr Sprachkurse einzurichten.

Diskussion

Dass ausländische Patienten mit ihren oftmals geringen Deutschkenntnissen, mit ihren Erwartungen an das Klinikpersonal, mit unterschiedlichen räumlichen und zeitlichen Ansprüchen an Behandlungen nur schwer in die bestehende Krankenhausordnung integriert werden können, hat die Studie sehr deutlich aufgezeigt. Die Empfehlungen der Autorin sind aber nur ein Teil der Mittel, um die interkulturelle Kommunikationsstörung zu beseitigen. Der Ansatzpunkt ist vielmehr auf der politischen Ebene zu sehen. Reformen im Gesundheitswesen sollten Reformen im Bereich der Institutionen wie dem Krankenhaus beinhalten. Diese Notwendigkeit ist schon allein vor dem Hintergrund der Chancengleichheit gegeben. Schon während der Ausbildung von Pflegepersonal ist für die Kommunikationsproblematik zu sensibilisieren. Ausbildungsverordnungen müssten daher nicht nur um diesen Bereich ergänzt werden. Notwendig sind integrative Angebote, die die sozio-kulturellen Unterschiede beleuchten, die Unterstützung von ausländischen Ärzten in ihrer Berufsausübung sowie muttersprachliche Angebote im niedrigschwelligen Bereich.

Schwerpunkt eines Pflegeverständnisses im Gesundheitswesen muss zudem die Patientenorientierung sein. Diese wird meines Erachtens in der Studie nicht deutlich genug genannt, obwohl sie ausschlaggebend für die Kommunikation ist. Notwendig sind Schlüsselqualifikationen, die neben einem ethischen Verständnis auch eine Methodenvielfalt beinhalten. Auch sichern mitnichten zweisprachige Klinikmitarbeiter mit Hilfe ihrer Dolmetscherfunktion den Zugang zur Kommunikation innerhalb der Institution Krankenhaus. Die Empfehlung von Verena Dreißig, diese im Hinblick auf die medizinischen Fachausdrücke fortzubilden, ist unbestreitbar zweckmäßig und sinnvoll. Aber vermehrt auf zweisprachige Klinikmitarbeiter als Dolmetscher zu setzen, halte ich für sehr bedenklich. Den zweisprachigen Mitarbeitern wird auf diese Weise eine nicht nachgewiesene Vermittlungskompetenz unterstellt. Auch halte ich es für nicht richtig, einen gemeinsamen Migrationshintergrund als Basis für eine konfliktfreie Verständigung zu sehen.

Fazit

Auch wenn die Empfehlungen der Autorin umfangreicher sein könnten und es im Forschungsbereich "Migration und Gesundheit" schon viele ähnliche Ansätze gibt, zeigt diese Studie, wie wichtig eine funktionierende Verständigung ist. In vielen Arbeiten zu der Thematik werden kulturelle Missverständnisse oftmals nur auf die Sprache reduziert. Verena Dreißig belegt mit ihrer gelungenen Studie, dass das institutionelle, soziale und politische Umfeld bei der interkulturellen Kommunikation maßgeblich ist. Eine klare und sachliche Sprache, interessante, in den Krankenhausalltag einblickende Interviews, mühelos nachvollziehbare Gedankengänge und logische Verknüpfungen, die eine gedankliche Einheit bilden, führen den Leser zum Ergebnis der Studie.

Verena Dreißig: Interkulturelle Kommunikation im Krankenhaus. Eine Studie zur Interaktion zwischen Klinikpersonal und Patienten mit Migrationshintergrund. transcript (Bielefeld) 2005. 260 Seiten. ISBN 3-89942-392-5. 26,80 EUR, CH: 46,90 SFr.
Reihe: Kultur und soziale Praxis

© Soraya Levin


transcript

Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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