Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsoz

Daniel Siemens



Die Propagandawaffe des Nazi-Einpeitschers

Horst Wessel. Die menschliche Propagandawaffe des Nazi-Einpeitschers Josef Goebbels. Der Historiker Daniel Siemens zeigt in seinem Buch „Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten“ auf wie die nationalsozialistische Propaganda aus einem SA Sturmbannführer einen völkischen Helden macht.

Berlin zur Zeit der Weltwirtschaftskrise. In den Straßen bekämpfen sich rechte und linke paramilitärische Gruppierungen wie die SA und der Rotfrontkämpferbund bis Blut fließt.

Am 14. Januar 1930 wird Horst Wessel an seiner Wohnungstür von Angehörigen des kommunistischen Rotfrontkämpferbundes niedergeschossen. Er überlebt und stirbt einige Wochen später, am 23. Februar 1930, an einer Blutvergiftung. Seine Beerdigung am 1. März 1930 gleicht einem nationalsozialistischen Heldenepos. Goebbels Propagandamaschinerie glorifiziert den ehemaligen SA-Sturmbannführer als Opfer für das deutsche Volk. Ein symbolischer Opferkult, der das von Horst Wessel gedichtete Kampflied für die SA „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen! SA marschiert, Mit ruhig festem Schritt, Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen, Marschier’n im Geist in unser’n Reihen mit […]“ politisch instrumentalisiert. Emotional besetzt, wird es nicht nur die inoffizielle Nationalhymne sondern antisemitische und antidemokratische Kriegswaffe. Horst Wessel als der nationalsozialistisch-christliche Erlöser, gefallen für das deutsche Vaterland.

Vom Pastorensohn zum Schrittmacher der Nazis

Wer ist dieser Horst Wessel, der vom Pastorensohn zum Schrittmacher der Nazis wird? Aufgewachsen in einem völkisch nationalistischen Elternhaus zieht es den jungen Horst Wessel schon früh in die radikalen antidemokratischen und antisemitischen Jugendorganisationen wie der Wiking Jugend. 1926 tritt er in die NSDAP ein und schließt sich der SA an. Hier bringt er es bis zum Sturmbannführer. Er schreibt das Kampflied für die SA, bricht sein Jurastudium ab und freundet sich mit der Prostituierten Erna Jaenichen an. Einer ihrer Zuhälter ist Albrecht Höhler, Mitglied im kommunistischen Rotfrontkämpferbund. Nach dem Attentat auf Horst Wessel wird Höhler als Drahtzieher des Schlägertrupps festgenommen. Am 22. September 1930 stehen er und weitere Angeklagte vor Gericht. Wegen politisch motiviertem Totschlag werden die Angeklagten, Täter und Helfer gleichermaßen, für Jahre hinter Gitter gesteckt. Den Nazis reichen die Urteile nicht. Der „Völkische Beobachter“ schreibt ‚Diese Art, Recht zu sprechen, muß ja geradezu das Untermenschentum zu weiteren Taten ermuntern!‘

Märtyrerkult und Brandreden

Eine vorgegebene moralische Empörung als Chance, den Märtyrerkult weiter anzuheizen. Der Bülow-Platz wird in Horst Wessel Platz umbenannt. Ja, sogar der ganze Berliner Stadtteil Friedrichshain. Das Sterbezimmer zum Kultort, die Grabstelle Ort für Gedenkfeiern. Der nationalsozialistische Märtyrer im Roman, der nationalsozialistische Märtyrer im Film. Der Märtyrer und seine „Deutsche Mutter“. Ab 1933, mit dem Machtantritt Adolf Hitlers, wird das Horst Wessel Lied zur offiziellen Parteihymne der NSDAP erklärt. SA Aufmärsche fortan begleitet von „Die Fahne hoch! Die Reihen dicht geschlossen! SA marschiert! […]“ Nach dem Deutschlandlied folgt das Horst Wessel Lied, nach dem „Vater unser, der du bist im Himmel […] Amen“ folgt in den protestantischen Kirchen das Horst Wessel Lied, SA Aufmärsche enden mit dem Horst Wessel Lied. Ab 1939 wird verstärkt antisemitisches Potential aus dem Horst Wessel Kult gewonnen.


Die Gegner - das internationale Judentum, in nationalsozialistischen Brandreden bezichtigt des Mordes an Horst Wessel.

Lynchjustiz

Schon im „Angriff“ tönt Goebbels ‚ dass die Mörder ‚zu Brei und Brühe geschlagen werden‘. Hass und Vergeltung im Einklang mit dem Märtyrerkult. Mit dem Ermächtigungsgesetz erlangen die Nazis schließlich ein Mittel, um ihre ausgemachten Gegner zu vernichten. Ein Weg, dem in den kommenden Jahren Millionen zum Opfer fallen.

Unter den Opfern auch Tatbeteiligte am Horst Wessel Mord wie Else Cohn und Albrecht Höhler. Beide werden Opfer einer nationalsozialistischen Lynchjustiz.

‚Hier habe ich keine Gerechtigkeit zu üben, hier habe ich nur zu vernichten und auszurotten…‘ Görings Drohung vom März 1933 ist der Auftakt zum Justizmord. 1934 wird der Wessel-Prozess wieder aufgerollt. Angeblich gibt es neue Hinweise. Als weitere Täter entlarven die Nazis Hans Ziegler und Sally Epstein. Sie werden vor Gericht gebracht und zum Tode verurteilt. Tatsächlich kann ihnen eine Tatbeteiligung nicht nachgewiesen werden. Eine Rehabilitierung der Naziopfer erfolgt erst am 9. Februar 2009 und die auch erst auf Antrag des Autors Daniel Siemens.

Die deutsche Nachkriegsjustiz auf beiden Seiten zeigt kaum Interesse an einer Strafverfolgung und Verurteilung der ehemaligen nationalsozialistischen Täter. Mörder können ein „neues“ unbehelligtes Leben führen. Die Familie Wessel profitiert sogar vom Nachkriegsdeutschland durch zahlreiche Unterstützungen aus dem Lastenausgleichsfonds, Sozialtransfers und der evangelischen Nothilfe.

Fazit

Horst Wessel. Ein nationalsozialistisch scheußlich mythisches Trauerspiel. Zielgerichtet inszeniert für den verbrecherisch antidemokratischen und antisemitischen Schlag. Horst Wessel, vom Pastorensohn zum Schrittmacher der Nazis und ihres Terrors. Völkisch nationale Protestanten im Einklang mit den Nationalsozialisten. Sein Kampflied „Die Fahne hoch! Die Reihen fest geschlossen! SA marschiert […]“ eine pathetisch besetzte Provokation gegen die vermeintlichen Feinde der Republik. Horst Wessel – in Goebbels Brandreden zum Blutzeugen der NS-Bewegung gemacht, ein Auserwählter, ein Gefallener, ein Geopferter für das Deutsche Reich. Das Kampflied als Kriegsstimulation, als Hiobsbotschaft, der bald schon Millionen zum Opfer fallen. Das Horst Wessel Lied als Einpeitscher für den Beginn der Lynchjustiz, eine Kriegssaat, die auf den fruchtbaren antisemitischen Boden der „extremistischen Mitte“ fällt. Eine Saat, die auch nach 70 Jahren noch sprießt. Und nicht nur bei den rechtsextremistischen Gruppen. Nein, auch im Bundesland Brandenburg. Wie der Historiker Daniel Siemens zeigt, ist die heimliche Brandenburghymne „Märkische Heide“ aus der Feder eines völkisch Nationalen. Gustav Büchsenschütz von Siemens enttarnt als früheres Mitglied des rechtsextremen Bismarckordens. Dieser Umstand wird von dem Ministerpräsidenten Platzeck sowie seinem Amtsvorgänger Stolpe verdrängt und tabuisiert. Sie rehabilitieren durch einen derartig unreflektierten Umgang mit der Vergangenheit Naziverbrecher wie Richard Paul Wilhelm Kube. Kube, nicht nur ein Führer des Deutschen Bismarckbundes sondern auch ein hunderttausendfacher Mörder .

Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten. Ein historisch wichtiger Beitrag zur Deutschen Geschichte und zur Shoa, der aufräumt mit dem Mythos vom christlich-national deutschen Volkshelden. Eine historisch richtungsweisende Auseinandersetzung, die das gefährliche Phänomen von Massenmanipulation als Herrschafts- und Terrorinstrument beschreibt. Eine Auseinandersetzung, die aber vor allem eins ganz deutlich macht. Emotional besetzte Propaganda geht nur auf einem fruchtbaren Boden auf.

Daniel Siemens. Horst Wessel. Tod und Verklärung eines Nationalsozialisten, 2009 München, Siedler Verlag, 352 Seiten mit Abbildungen, Leinen, € 19,95 [D] | € 20,60 [A] | sFr 34,90, ISBN 978-3-88680-926-4

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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