VERRATEN Sechs Freunde, ein Spitzel, mein Land ...

Inga Wolfram


Eine gut geschilderte Autobiografie eines Opfers der DDR-Diktatur, die zeigt, wie die Diktatur des Proletariats den Sozialismus und ihre Kinder mithilfe eines flächendeckenden Spitzelgeflechts verschlingt.



Erfüllte Mission könnte man sie nennen, die Wiedervereinigung zwischen Ost und West zu einem Deutschland. Wenn, fast 20 Jahre danach, für die Stasi-Opfer nicht das Gefühl des ungesühnten Verrats überlebt hätte.
Inga Wolfram ist eine Betroffene. In ihrer autobiografischen Erzählung VERRATEN Sechs Freunde, ein Spitzel, mein Land und ein Traum setzt sie sich mit ihrem verlorenen Lebenstraum von einem ethischen Sozialismus auseinander und einem gebliebenen Verrat.

Inga wächst in einem russisch geprägten Elternhaus auf. Ihr Vater, während des Krieges in die Sowjetunion emigriert, träumt nach Kriegsende von einem sozialistischen Deutschland, das sich für ihn jedoch nicht erfüllt. Vielmehr ist da die Enttäuschung über die stalinistisch-bürokratischen Strukturen, die in das Privatleben eingreifen. Inga zunächst noch unpolitisch, erlebt Berufsverbote ihres Vaters, sieht die Mauer als selbstverständlich, hinterfragt nicht groß die Abwanderung von Freunden in den Westen. Erst mit einem Studium der Philosophie an der Humboldt-Uni in Berlin ist ihr Unpolitisches allmählich keine grüne Insel mehr. Bei einer Reise nach Prag 1968 sieht sie das Prag "wenig sichtbar vom Sozialismus geprägt" ist. Das Gefühl von Veränderung, von einer neuen Freiheit ist zu spüren. Doch dieses Gefühl spürt Inga Wolfram nie wieder. In der DDR ist jeder Lebensbereich vom sozialistischen Bekenntnis durchsetzt. An der Uni lesen sie im Geheimen verbotene Literatur wie Boris Pasternaks Roman Dr. Schiwago. Sie beschäftigen sich mit den sozialistischen Klassikern und entdecken, dass der gelebte DDR-Sozialismus eine reine Fassade ist. Mit ihrem zukünftigen Mann Klaus gründet Inga die Gruppe Kreis. Ein Zusammenschluss von Philosophiestudenten, die von einem Prager Frühling in der DDR träumen, von einem ethischen Sozialismus wie er in den Klassikern beschrieben wird. Doch die staatliche Überwachung ist auch in den Keimzellen der kritischen Denker, den Unis, aktiv. In Inga Wolframs Gruppe in Form des aus Westdeutschland vor der Bundeswehr geflüchteten Spitzels Arnold Schölzel. Da jedwede Regimekritiker rücksichtslos seitens des Staates bekämpft werden, agiert die Gruppe im Geheimen. Sie treffen sich an unterschiedlichen Orten, versuchen über Westkontakte an sozialistische Westliteratur zu gelangen, diskutieren einen neuen Weg zum Sozialismus. Und unterdessen berichtet Schölzel an seinen Verbindungsoffizier. Jedes Gespräch, jeden Satz, jedes Wort. Nichts und niemand bleibt aus, nichts und niemand ahnt zunächst etwas. Als die Gruppe mitbekommt, dass sie überwacht werden, entwickelt gerade Schölzel ein ausgeklügeltes verdecktes System mit Geheimcodes. Der Westverbindungsmann soll gestellt werden, der Spitzeldienst wird erweitert. Engste Freunde von Inga und ihrem Mann sind


auf die Gruppe angesetzt. Der Prozess verstärkt sich mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns, da jede kritische Opposition für die Stasi eine Gefahr darstellt. Die Maxime lautet jetzt "Zersetzung". Geschickt streut Schölzel Misstrauen in die Gruppe, spricht Verdächtigungen und Mutmaßungen gegen Gruppenmitglieder aus. Wachsamkeit macht sich breit. Keiner traut keinem mehr. Nach einer gescheiterten Bücherübergabe durch den Kontaktmann aus dem Westen folgen für die Gruppenmitglieder Parteiausschlüsse, Degradierungen und Jobverluste.

Als die Mauer fällt, sind für Inga dreißig Jahre vergangen. Dreißig Jahre einer anders verlaufenden Biografie. Ihre Stasi-Akte liest sich wie ein Film ihres Lebens. Engste Freunde als Stasi-Zuträger und Arnold Schölzel der Denunziant, der Verräter der Gruppe.

Fazit

"Wie anders wären unsere Leben verlaufen, hätte es diesen Verrat nicht gegeben. Er gehört für immer zu meinem Leben und zum Leben meiner Freunde auch." Diese zwei Sätze von Inga Wolfram lenken den Blick auf die Opfer der Stasi. Sie sind die Betrogenen ihrer Biografien und ihrer verschlungenen Lebensentwürfe. Aber auch die Betrogenen ihrer Träume. Denn die Brücke zum demokratisch-ethischen Sozialismus hat nicht überlebt. Wie 1968 für Alexander Dubcek ist sie nicht begehbar. Nicht in der DDR und auch nicht zur Zeit der Wende. Was aber überlebt hat, ist nicht nur das Gefühl sondern die Tatsache des Verrats. Ihre engsten Freunde im Kreis der annähernd 175.000 inoffiziellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit, ihre engsten Freunde Zuträger der Stasi. Ihre engsten Freunde in Allianz mit dem Unterdrückungssystem. Eine Allianz, die keine Opposition duldet, eine Allianz, die jedwede politische Infragestellung gar nicht erst hochkommen lässt, die jede Kritik als Angriff auf den Staat begreift und sie im Keim erstickt. Eine psychologisch unterhöhlte Paralyse, die den vermeintlichen Gegner, nämlich die eigene Bevölkerung, fertig macht und damit entkräftet. Was bleibt sind demoralisierte Opfer. Und die Täter wie Arnold Schölzel? Die, die stellen sich nicht in den Schatten und fühlen sich auch nicht verantwortlich. Einfach ausgedrückt, nicht schuldig. Der heutige Chefredakteur der linksmarxistischen Zeitung "junge Welt" Arnold Schölzel antwortet auf die Frage 'Arnold, warum hast du uns verraten?' "Ihr habt siebzehn Millionen verraten!"

Inga Wolfram, VERRATEN Sechs Freunde, ein Spitzel, mein Land und ein Traum, Gebunden mit Schutzumschlag, 310 Seiten, 2009 Patmos Verlag, Artemis & Winkler, Düsseldorf, ISBN: 978-3-538-07271-8, 19,90 € (D), 34,50 SFr (CH), 20,50 € (A)

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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