ROSA GOTT, WIR LOBEN DICH

Ruth Johanna Benrath



Ein pubertierendes junges Mädchen in den 80er Jahren zwischen christlicher Strenge des Elternhauses und "Dancing Queen". Das ist die Geschichte von Marie, erzählt von Ruth Johanna Benrath in ihrem neuen Roman „ROSA GOTT, WIR LOBEN DICH“.

Eine Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Hier wächst Marie auf. Die Familie ist sehr religiös und Marie besucht eine christliche Mädchenschule. Alltäglichkeiten wie Fernsehen sind in diesem strengen Elternhaus ein Tabu. Doch die bunt-poppige Zeit der 80er Jahre fängt auch die verschlafene Marie ein. Zwischen Flaschendrehen und Disco Bands wie Boney M und Abba erlebt sie ihren ersten Zungenkuss und ihre erste Monatsblutung. Für ihre Eltern ist sie ab jetzt kein Kind mehr. Lexika ersetzen nun die Barbie. Und die vielgeliebten Süßigkeiten gibt es nun auch nicht mehr. Doch die Versuchung ist zu groß und Marie lässt Massen von Maoam aus einem Supermarkt mitgehen. Wenn sie Kummer hat, greift sie in ihr Maoam-Versteck und genießt ihr Trostpflaster. Oder sie besticht mit einem oder zwei der Kaubonbons ihre kleinen Brüder. Sie schwärmt für Tim, den Sohn des Pfarrers und nennt ihn im Stillen Jesus. In der Hoffnung, ihn am Sonntag in der Kirche zu treffen, sitzt sie fortan gestylt in der ersten Kirchenreihe. Als ihr Jesus eine andere küsst, ist Marie schwer enttäuscht. Aber nicht nur von Jesus alias Tim, sondern auch von ihrer besten Freundin. Die will plötzlich nämlich nichts mehr von ihr wissen und trifft sich lieber mit der neuen Mitschülerin. Und zu allem Überfluss spielen auch noch Maries Gefühle verrückt. Unbeobachtet beginnt sie sich zu berühren und ihren Körper zu entdecken. Beim Schultheater verliebt sich Marie in Ravi. Sie tauschen erste Zärtlichkeiten aus. Ihre Treffen sind heimlich, denn ihr Vater darf nichts von Ravi wissen. Um überhaupt von zu Hause wegzukommen, tischt sie ihm immer wieder neue Lügen auf. So auch an dem Tag, als ihr Schwindel auffliegt. Anstatt wie behauptet zu ihrer Freundin zu gehen, trifft sie sich mit Ravi zum Kino. Während des Films „Die Rocky Horror Picture Show“ ist Marie


noch entfesselt und aufgedreht. Zuhause sinkt ihre Stimmung und weicht einer hemmungslosen Wut und Ohnmacht. Denn ihr Vater hat sie vor dem Kino entdeckt und verbietet ihr den Umgang mit Ravi. Maries Enttäuschung und Verzweiflung endet in einem Suizidversuch.

Fazit

Das mit dem Erwachsenwerden ist schon merkwürdig. Auf der Schwelle vom Kind zum Teenager wird das Leben mit einem Mal sehr anstrengend. Ruth Johanna Benraths Protagonistin Marie ist hiervon in besonderer Weise betroffen, da sie in einem stark religiös geprägten Elternhaus groß wird. Werte und Normen sind versetzt. Selbst das Lesen des Jugendmagazins Bravo gleicht einer Heldentat. Und inmitten der schrillen fetzigen Party- und Diskozeit der 80er Jahre sucht Marie ihre Identität. Sie ist verstrickt in einem tiefen Gefühlschaos zwischen Sehnsucht nach Liebe und sexueller Entdeckung des eigenen und plötzlich doch so fremden Körpers. Sie lernt auf schmerzhafte Weise, dass das dicke Band der Freundschaft in Wirklichkeit ganz dünn ist und dass Liebe eine geringe Halbwertzeit hat. Gerade da darf die heimlich ins Tagebuch geschriebene Liebeslyrik von Else Lasker-Schüler nicht fehlen. Mit ihren Tabubrüchen befreit sich Marie langsam aus dem elterlichen Korsett. Ob sie im Supermarkt klaut, sich heimlich mit ihrem Freund trifft, ihren strengen Vater dafür belügt, sich im Kino eine Transvestiten-Show ansieht und schließlich als Final auch noch einen Suizidversuch unternimmt. Die Brüche zeigen, Marie hat sich der Veränderung in ihr gestellt. Was nicht heißt, dass sie dabei die Grundlagen ihres Glaubens ablegt. Ganz im Gegenteil. Denn den Bezug zu Gott, den hält sie aufrecht.
Das spürt und nimmt man wahr, denn es ist einzig Maries Wirklichkeit, in die der Leser durch die gewählte personale Erzählweise eingegliedert ist.

Zwischen Kind und Puppe, Brockhaus und Erwachsensein tobt ein emotionaler Sturm. Ruth Johanna Benrath zeigt die Sturmschäden auf vielfältige, amüsante Weise auf. „ROSA GOTT, WIR LOBEN DICH“, ein tolles Buch mit unbedingtem Kultstatus.

Ruth Johanna Benrath, ROSA GOTT, WIR LOBEN DICH,
Roman, Hardcover mit Schutzumschlag, Steidl Verlag, Göttingen 2009, 176 S., € 16,00 / sFr 29,00 (UVP), ISBN 978-3-86521-879-7

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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