Nach dir, Max

Leena Parkkinens Debütroman Nach dir, Max gehört in das Regal mit dem Verweis ERSTKLASSIG. Die Autorin zieht den Leser ins Vertrauen, in dem sie Isaak die Geschichte erzählen lässt. Die Kunst des Dialogs und der Rückblende beherrscht sie gekonnt. Es ist die Leidenschaft, es sind die zarten Erzähltöne und die malerischen Wortbilder, die beim Lesen begeistern.


Monstermutter nennt er sie. Dabei ist diese robuste Frau in dieser schlichten Kleidung gar nicht die Mutter. Die wollte dieses Monster nicht haben. Versteckte diesen vierbeinig zappelnden Missgriff der Natur lieber auf dem abgelegenen Land beim Vater und der Schwester.

Als Max und Isaak 1899 in Deutschland zur Welt kommen, hat niemand damit gerechnet, dass die Zwillinge zusammengewachsen sind. Sie haben zwei Herzen, die unterschiedlich schlagen und dennoch gehört ihr Körper ihnen nicht allein. Bei ihren ersten Gehversuchen purzeln die vier Beine mal in die eine, mal in die andere Richtung. Wenn Max einen Lachanfall bekommt, hüpfen Isaaks Bauchmuskeln hoch und runter. Und wenn Max die Nächte durchzecht, ist es Isaak, dem am nächsten Morgen der Schädel brummt.

Sie sind wie jedes Kind, neugierig und voller Abenteuerlust. Mit ihren vier Beinen schaukeln sie sich im Kirschbaum von Ast zu Ast. Ziehen sich mit ihren Armen Stück um Stück zur Krone empor, rauchen heimlich die Zigarrenstummel des Großvaters, stibitzen Winteräpfel und schmökern in Büchern, in denen die Kinder und Bezwinger zwei Arme und zwei Beine haben und nicht zusammengewachsen sind. Das macht sie stutzig. In der Welt gibt es noch die Anderen.

Zu den Anderen gehört der Großvater, der in ihnen ein unheimliches Geschöpf sieht und die Tante, die Max und Isaak gegenüber fürsorglich ist. Die es dennoch fertig bringt, die beiden eines Tages zu verschachern. Max und Isaak können nicht verstehen, weshalb die Tante sie verstößt. Von Tag zu Tag schwindet ihre Hoffnung auf eine Rückkehr zu ihr.

Für Max und Isaak beginnt mit gerade mal zehn Jahren ein Leben zwischen Wanderzirkus und Varieté, zwischen Deutschland, Helsinki, Paris und New York. An jedem Ort wird gegafft, voller Ekel das Gesicht abgewendet, wilde Beschimpfungen wie Monster, Kreatur ergießen sich über Max und Isaak. Das Publikum ist angezogen und gleichzeitig abgestoßen von diesen Freaks, die für Jahre als Tanzpaar über das Parkett wirbeln. Es ist ein ungewöhnliches Zuhause, das sich manchmal als Bordell entpuppt, wo die massige Lucia aus dem Hurenorchester ihre beste Freundin wird. Wo sie auf krasse Persönlichkeiten treffen, wie auf Mona, die Akrobatin, deren Körper keine unbemalte Stelle aufweist. Die furchtlose Madame Maxime stürzt sich nicht nur auf Tiger, sondern lustvoll auf den elfjährigen Max. Bei dieser wilden Wollust ist einer über und das ist Isaak. Ohne sichtbar äußeres Geschlecht bleibt ihm nur im Innern das Verlangen von Max zu durchleben.

1928 begegnen sie in Helsinki der rätselhaften Russin Iris. Isaak ist sofort entflammt. Er sieht in Iris mehr wie eine Freundin und plant eine Zukunft in New York. Es sind nicht ihre Pläne. Iris sucht lediglich jemanden, der ihre Langeweile vertreibt und der sie ablenkt von ihren Gedanken, die nur um ihren Liebhaber kreisen. Ohne Skrupel wirft sie Max und Isaak ihren High Society Freunden zum Fraß vor. Schleppt sie mit auf Partys, in Restaurants und sogar zu ihrem Liebhaber, mit dem sie durchbrennt und das Land verlässt. Iris bleibt für Isaak Zeit seines Lebens seine große Liebe.

So vital die Goldenen Zwanziger Jahre gewesen sind, so vital sind auch Leena Parkkinens siamesische Zwillinge Max und Isaak. Geben ihnen die Ärzte keine zehn Jahre, so überschreiten sie den vorhergesagten Todeszeitpunkt um Jahre. Obwohl die Zwillinge medizinisch gesehen, einen „falschen“ Körper haben, führen sie trotzdem ein ganz normales Leben. Sie sind quirlige Kinder, die wie andere Kinder, die Welt erst langsam für sich entdecken. Sie sehnen sich nach der Mutter und einer Familie. Sie sind verliebt und enttäuscht. Sie ertränken wie Max ihre Andersartigkeit und das Getuschel und die wilden Beschimpfungen im Alkohol. Sie könnten ein Teil der Gesellschaft sein, wenn gerade die sie nicht als nutzlose Objekte aussortieren würde. Sie sind nur willkommen, wenn es darum geht, die Sensationsgier der Anderen zu befrieden oder ihr Anderssein auszubeuten. Akzeptanz finden sie lediglich dort, wo die Verstoßenen unter sich sind. Hier träumen nicht nur Max und Isaak von einer Familie, sondern auch die Hure Lucia sehnt sich nach Normalität.

Leena Parkkinen zeigt neben der gesellschaftlichen Ausgrenzung die Facetten dieses unzertrennlichen brüderlichen Verhältnisses. Da spürt der eine, was der andere denkt, da brauchen die Kinder keine Worte, um sich zu verständigen. Sie sind immer zwei, auch wenn sie oftmals wie einer empfinden. Sie haben keinen Rückzugsraum für sich, nur wenn der eine schläft. Gerade ihre Vertrautheit stärkt diese körperliche Einigkeit. Max ist immer einen Schritt voraus. Isaak liebt es, wenn Max lacht und genießt es, sich das Frühstücksbrot von ihm zubereiten zu lassen. Max wird von Isaak rasiert. Eine Akrobatik mit Händen und Füßen, da Isaak nur einen gesunden Arm hat. Max Leben ist wie Isaaks und dennoch sind sie zwei, zwei ganz NORMALE.

Leena Parkkinen, Nach dir, Max, Roman aus dem Finnischen von Gabriele Schrey-Vasara, Titel der finnischen Originalausgabe: Sinun jälkeesi, Max, Teos 2009, 418 Seiten, gebunden, Osburg Verlag Berlin 2012, € 21,90 (D), € 22,50 (A), SFr 31,50, ISBN 978-3-940731-76-0

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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