Monsieur Simon Simon

Claus Helmut Drese


Applaus für die Nachklänge auf diesen eleganten salonfähigen Oldtimer, diesen Mann des zwanzigsten Jahrhunderts im Spiegelbild der europäischen Zeit.


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Wenn Sie die sozialpolitische Geschichte des 20. Jahrhunderts, ihr Auf und Ab, ihre großen Tragödien und Umbrüche anhand einer achterbahnartigen Vita kennen lernen möchten, dann nehmen sie sich Monsieur Simon Simon von Claus Helmut Drese zur Hand.
Hier schreibt ein Freund im Rückblick auf 100 Jahre Leben eines Freundes.

Wenn Sie jemals einem elegant gekleideten kultivierten Mann in der Oper begegnet sind, wenn dieser charmant und belustigend gewesen ist, wenn dieser Mann vier Sprachen gesprochen hat, wenn er zahlreiche Pässe sein Eigen nennen konnte, wenn dieser Mann mal in Paris, mal in Leningrad und mal in Wien und Zürich gelebt hat, wenn er sich dabei immer von der Oper musikalisch verzaubern gelassen hat, wenn dieser Mann mit der berühmten Operettensängerin Ingeborg Fanger verheiratet gewesen ist und wenn dieser Mann vor kurzem 100 Jahre geworden ist und immer noch gern Burgunder zu jeder Tageszeit getrunken hat und große Mengen Himbeereis verschlungen hat, dann gibt es keinen Zweifel, dann muss es Monsieur Simon Simon gewesen sein.

Als uneheliches jüdisches Kind der Balletttänzerin Molly und eines Schauspielers namens Simon erblickt er, der sogenannte Opernbaron, 1894 auf einer Zugfahrt von St. Petersburg nach Paris das Licht der Welt und wird so zugeschriebener Wiener.

Die Mutter heiratet den Baron von Stern. Während sie in St. Petersburg lebt, wächst Simon bei einem Onkel in Paris auf. Dort entbrennt die lebenslange Liebe zwischen ihm und der Oper. Simon ist gerade mal 10 Jahre alt, da erlebt er ein spürbares Kauderwelsch seiner Identität. Seine Mutter holt ihn nach St. Petersburg. Es ist die Zeit der großen Umbrüche und Revolutionen als er mit dem Baron von Stern einen Vater bekommt. Während Simon verzweifelt versucht russisch zu lernen, brodelt es bereits um die Zarenmonarchie und mit ihr um den russischen Adel herum. Obwohl er sich sträubt, schickt ihn die Mutter auf eine Kadettenschule nach Wien. Es ist nicht Simons Lebenswelt und so bricht er die Schule ab. Er ist jetzt 16 Jahre alt als er ohne Schulabschluss nach Paris zurückkehrt. Bei seinem in der Modebranche tätigen Onkel beginnt er eine Ausbildung, die ihn im Jahr 1913 für ein Jahr nach Berlin führt.

Der verführerische Kriegsruf treibt ihn

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im Ersten Weltkrieg für die Franzosen an die Front.
1917 wird er persönlicher Sekretär des Ministerpräsidenten Clemenceau. Nach dessen politischem Rückzug im Jahr 1920 genießt Simon zunächst die Belle Époque, ein Leben inmitten von Bars, Theater, Chanson und Jazz.

Er steigt wieder ein in die Modebranche und spezialisiert sich auf den Pelzhandel und schon bald wird er zum erfolgreichen Geschäftsmann, der sich in den Großstädten und den Theatersälen der Welt tummelt.

In den 1930er Jahren lernt er in Leipzig die Operettensängerin Marguerite kennen und lieben. Schon bald nach ihrer Heirat ergreifen sie die Flucht vor den Nazis. Bei einem blutigen Überfall durch die Gestapo wird Marguerite so schwer verletzt, dass sie sich Zeit ihres Lebens nicht wieder davon erholt. Ihr letzter Schritt mündet im Selbstmord. Dazwischen für Simon die Fahrt nach Auschwitz, das gerade noch mal so Davonkommen, der Kampf in der französischen Résistance, der Wiederaufbau und der beginnende Kalte Krieg. Ein Krieg, der ihm die ehemaligen Handelswege verschließt und es stiller werden lässt um sein Pelzgeschäft. Finanziell setzt ihm auch der beginnende Modewandel in den 1960er Jahren zu. Pelze sind nicht mehr salonfähig.

Er ist 67 Jahre alt als er sich auf seine ursprüngliche Identität besinnt und zu Simon Simon wird.

Mit 89 Jahren bricht er noch einmal auf in ein neues Eheglück und heiratet die Operettensängerin Ingeborg Fanger.
1994 heißt es dann Abschied nehmen von der Bühne des Lebens. Im September verstirbt Simon Simon in einem Züricher Pflegeheim.

Claus Helmut Drese lässt Simon seine Vita einem Memoirenschreiber erzählen. So wird aus dieser Lebensgeschichte mehr wie ein Streifzug durch 100 Jahre Leben, da die Gegenwart mal plaudernd und humorvoll, mal versunken und erschöpft von den schmerzenden Erinnerungen mit der Vergangenheit zusammentrifft.

100 Jahre sind ein langer Weg und ein Spiegel der Zeit. Zwischen der Zarenmonarchie und der Belle Époque, zwischen zwei Weltkriegen, zwischen dem weltpolitischen Umbau und dem Kalten Krieg, zwischen dem Modewandel und der unaufhörlichen Liebe zur Oper, zwischen Burgunder und Himbeereis, zwischen Wien und Zürich, zwischen all dem ein stilvoller jüdischer Bohémien, ein Baron, ein Modezar mit erfrischendem Humor, der durch die Welt streift und dabei aus Angst sein Judentum verschweigt.

Claus Helmut Drese, Monsieur Simon Simon. Ein europäisches Leben 1894-1994, Dittrich Verlag GmbH, Berlin 2011, 276 Seiten, Englisch Broschur, 17,80 €,
ISBN 978-3-937717-63-0

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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