Lucy im Himmel

von Daniella Carmi


Ein bunter und erfrischender Ton über das zerrissene Israel


Bei Lucy im Himmel muss man unweigerlich an den Beatles Song „Lucy in the sky“ denken. So schrill und vielfarbig der Song ist, so schrill und vielfarbig ist auch das Buchcover, so schrill, ja, geradezu vertrackt und vielfarbig ist auch das Land, in dem der Roman spielt. Israel, der Schauplatz dieses erfrischenden literarischen Kleinods. Die Autorin trifft ohne einen politischen Anstrich zu setzen, den Ton von Lessings Nathan der Weise und lässt die arabischen, christlichen und jüdischen Bewohner aneinander rücken.

Für die Christin Nadja und den Moslem Salim läuft ab einem bestimmten Tag nichts mehr wie gewohnt. Viele Jahre haben sie in ihrem Leben ein Baby vermisst. Nun warten sie seit drei Jahren auf ein Adoptivkind. Und plötzlich bekommen sie über die Adoptionsstelle Nachwuchs. Kein Baby, nicht das Kind, wonach sie immer gesucht haben, sondern den 13-jährigen jüdischen Jungen Netanel. Wie bei Alice im Wunderland bewegt sich Netanel in seiner eigenen Traumwelt, die aus Songs der 1960er Jahre besteht. Der Platz in seinem Leben ist das Symbol des Friedens, ein Feigenbaum von dessen Baumkrone er die Welt aus einem freien Blickwinkel sehen kann. Ein Blickwinkel, der ihn melancholisch macht, der ihn vom Glück, von Erdbeerfeldern, von Lucy im Himmel und vom „Yellow Submarine“ träumen lässt.

In dem Moment, wo Salim und Nadja beginnen, den in sich zurückgezogenen Jungen zu lieben, fangen die Probleme an. Die in sich zerstrittenen leiblichen Eltern des Jungen versuchen aus der Ferne Netanels Erziehung zu steuern, drohen mit dem Entzug der Pflege. Während die eine Seite sich eine jüdisch-orthodoxe Erziehung wünscht und sogar einen Rabbi vorbeischickt, steht die andere Seite für den aufgeklärteren Part. Ein Widerspruch, in den unser Paar hineingerät. Ein Widerspruch, den Nadja und Salim aus ihrem eigenen Alltag kennen. Der Moslem Salim und die Christin Nadja? Für die Familien eine nicht-denkbare Verbindung, die zu unbemerkten Treffen an Orten, wie dem jüdisch-orthodoxen Viertel und Homosexuellenkneipen geführt hat. Orte, wo Nadja und Salim miteinander ungestört verbunden sein konnten.
Der religiöse Widerspruch mündet schließlich in einer rätselhaften Entführung des Jungen Netanel.

Daniella Carmis Roman Lucy im Himmel ist erfrischend und modern, gespickt mit Alltagswitz. Ein ultimativer Unterhaltungsroman ist das Buch dennoch nicht. Denn hinter dem Alltag verbirgt sich der Irrwitz der Abgrenzung der drei monolithischen Religionen, der festgezurrten Standpunkte der „Ultrafrommen“ auf allen Seiten, die Zerklüftung innerhalb des Landes Israel, die Zerrissenheit zwischen den Familien und der Zwiespalt, den die Einwanderer mit sich tragen. Der schweigsame Junge Netanel hingegen trägt etwas Verborgenes in sich. Es ist die Sehnsucht nach Glück und Frieden. Nadja, Salim und Netanel versprühen einen freiheitlichen Neuanfang der gegenseitigen Akzeptanz. Daniella Carmi lässt diese Freiheit am Ende im ausgegrenzten Milieu der Homosexuellen stattfinden. Dort, wo die „Anderen“ das „Anderssein“ akzeptieren.

Daniella Carmi, Lucy im Himmel, Roman, Die Originalausgabe erschien 2009 unter dem Titel dem Mishpachat Yassin Ve-Luci Ba-Shamaim bei Am Oved, Tel Aviv, Aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, gebundene Ausgabe, 144 Seiten, Berlin Verlag in der Piper Verlag GmbH, Berlin 2013, 16,99 € [D] | 17,50 € [A], ISBN 978-3-8270-1074-2

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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