Ein Jude als Exempel

Jacques Chessex


Ein tiefgehender dichter Roman mit unmissverständlich hörbar harten Worten, die nichts, aber auch gar nichts beschönigen, die das brutale und grausame Bild des Antisemitismus fühlbar machen.



In den Augen vieler Schweizer ist es eine Provokation, was sich Jacques Chessex mit seinem Roman "Ein Jude als Exempel" da erlaubt. Es geht um die Vergangenheit und von der wollen sie nichts mehr wissen. Und schon gar nichts von einem Schweizer Antisemitismus.

Es ist eine wahre Geschichte. Es ist die Geschichte eines kaltblütigen Mordes an einen Juden, die Jacques Chessex als Achtjähriger in seinem Geburtsort Payerne mit erlebt hat, die ihm auch Jahrzehnte danach noch quälend verfolgt.

Es ist April 1942 als Hitlers Ideologie im ländlich idyllischen Payerne ihren Sündenbock findet. Die Bewohner leben überwiegend vom Nutztierhandel. Sie verstehen ihr Handwerk, stellen eine Vielfalt von Rauch- und Fleischwaren aus Schweinen her, leben recht familiär und friedlich miteinander. Trotz der Weltwirtschaftskrise geht es ihnen eigentlich auch gar nicht so schlecht. Zwar gibt es auch einige Arbeitslose. Die werden aber von der Schweizer Armee aufgefangen. Bis auf die, die dienstuntauglich sind. Die, die sitzen am Kneipentisch, hauen mit der Faust auf den Tisch und brüllen ihre dumpfen antisemitischen Vorurteile hinaus, hetzen gegen die jüdischen Schmarotzer, Kraken und Blutsauger. Angetrieben werden sie vom ehemaligen Pfarrer Philippe Lugrin. Seine zündenden, jüdischen Hassreden setzen einen aggressiven unterschwelligen antisemitischen Brand in Gang. Lugrin will ein Signal setzen, einen Juden ermorden. Den Juden damit zeigen, welcher Wind jetzt nicht nur im Hitler Deutschland weht. Die Wahl fällt auf den bekannten Berner Viehhändler Arthur Bloch.
Arthur Bloch kommt schon seit Jahren zum Viehmarkt nach Payerne. Hier fühlt er sich recht heimisch, glaubt sogar, dass die Bauern ihn achten und schätzen. Denn er ist ein Mann mit Charakter. Anständig und immer gut gekleidet verhandelt er fair, ist integer und auch recht großzügig.
Es ist der 16. April 1942 als dieser heimische Ort für Arthur Bloch zur tödlichen Falle wird. Eine Männergruppe lockt den Ahnungslosen in einen Hinterhalt. Dumpfe Wut gegen den jüdischen Viehhändler macht sich breit, lustvoll ermorden sie den Hilf- und Wehrlosen, zerlegen ihn ganz nach Manier des Ortes wie ein Schwein in Einzelteile. Unterdessen wartet Martha Bloch in Bern mit einem unguten Gefühl auf die Heimkehr ihres Mannes. Doch seit dem Besuch des Viehmarktes in Payerne fehlt von ihm jede Spur. In den Wirtshäusern entlädt sich der alltägliche Judenhass. Genugtuung und Schadenfreude macht sich breit. Das geschieht diesem "Judenpack" ganz recht. Die scheinbar Ehrbaren der Stadt lesen


weiterhin die antisemitischen Zeitungen wie "Gringoire" und "Je suis partout" und lästern über die jüdischen "Parasiten". Die polizeilichen Ermittlungen führen schließlich zum geschlachteten Leichenfund und zur Festsetzung der Täter. "Das Wahrzeichen des Marktfleckens, das fröhliche, speckige Schwein … wird obszön, zynisch, anrüchig, durch die Erinnerung an ein anderes Fleisch, das für eine schmutzige Sache geopfert und geschändet worden ist."

Fazit

Nein, Jacques Chessex ist kein schreibender Moralist. Er demaskiert mit seiner Feder vielmehr eine unpopuläre Wahrheit. Der Antisemitismus macht auch nicht an den Grenzen der Schweiz halt. Er ist international zu Hause und wenn er sich offen zeigt, bekommt der Jude die Barbarei der Zeit zu spüren. Dann sind es aber alle, die eine Portion von der Schuld mit sich tragen. Im Gepäck die antisemitischen Stereotype, blanker Hass und Neid auf alles, was nur jüdisch zu sein scheint, das Bild des Juden als Sündenbock, als Feind. Der nebulöse Judenhass entlädt sich, wenn der Zeitgeist dies erlaubt. Mit Hitler-Deutschland gewinnt die Rechte in der Schweiz Aufrieb. So auch in dem Heimatort des Autors. Die jüdischen Aversionen durchziehen alle Milieus, der christlich-abendländische Antisemitismus tritt in Person des ehemaligen Pfarrers Philippe Lugrin auf. Chessex spiegelt die schweizerische Gesellschaft wider und zeigt mit den Worten des jüdischen Philosophen Vladimir Jankélévitch, dass dieses Verbrechen gegen die Menschlichkeit unverzeihbar ist. Die Empörung über das grausige Exempel an einen Juden und die damit verbundene Ungerechtigkeit begleitet Chessex noch Jahrzehnte bis zu seinem Tod. Gebrochen wie der Prophet Jeremia, zeigt der Autor anklagend auf Gott und auf eine Gesellschaft mit antisemitischem Ethos. Ein Ethos, das eine friedfertige Atmosphäre in eine Gewaltspirale verwandeln kann.

Auch wenn Payerne heute nichts mehr von dieser Vergangenheit wissen möchte, stellte die Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg (UEK) 2002 in ihrem Schlussbericht fest: „Der schweizerische Antisemitismus war kulturell, sozial und politisch begründet und knüpfte an Formen christlicher Judenfeindschaft an."

Jacques Chessex, Ein Jude als Exempel, Titel der Originalausgabe: Un juif pour l’exemple, Roman, Aus dem Französischen von Grete Osterwald, 2010 Nagel & Kimche im Carl Hanser Verlag München, fester Einband, 96 Seiten, 12.90 € (D) / 22.90 sFR (CH) / 13.30 € (A), ISBN 978-3-312-00440-9

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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