Die Frau, die sich verlor

Willa Cather

Es ist die Zeit der Eroberung des amerikanischen Westens, wo die vornehmen Ostküstler ihr Geld in die Eisenbahngesellschaften investieren und in die zutiefst provinzielle Welt vordringen. Dort, tief im unberührten Westen, wo die gesellschaftlichen Schranken zwischen der Eisenbahnaristokratie und den einfachen Siedlern noch nicht aufgehoben sind, liegt der Ort Sweet Water mit dem Haus der Forresters. Hier leben in den Sommermonaten der vermögende und für die Burlington Eisenbahngesellschaft arbeitende Mr. Forrester und seine um 25 Jahre jüngere Ehefrau Marian. Sie ist unkompliziert und charmant. Und vor allem ist sie nicht so alltäglich wie die Frauen aus Sweet Water. Ja, und sie versteht es, die Männer zu betören. Daher ist es auch nicht verwunderlich, dass das Haus bald ein beliebter Treffpunkt für die betuchten Leute von der Ostküste wird.
In der Nachbarschaft lebt der 12 jährige Niel. Er bewundert Marian und himmelt sie an. Sie verkörpert für ihn all das, was den amerikanischen Traum ausmacht.

Aber mit den Jahren zeigen sich auch für die Forresters die Schattenseiten des Lebens. Nach einem Reitunfall ist Mr. Forrester nicht mehr in der Lage, für die Bahngesellschaft zu arbeiten. Jahre mit überaus schlechten Ernteerträgen verursachen bei den Anlegern von der Ostküste große Einnahmeverluste. Immer mehr ziehen sich diese Leute mit ihrem Geld aus Sweet Water zurück. Als die Bank des Ortes zahlungsunfähig ist, steht Mr. Forrester als Ehrenmann mit seinem Privatvermögen für die Spareinlagen der einfachen Siedler gerade. Das glanzvolle Leben der Forresters beginnt nun zu zerbröckeln und die bisherigen gesellschaftlichen Schranken brechen. Mr. Forrester wird durch einen Schlaganfall auch noch zum Pflegefall, den Marian Forrester nur mit Hilfe von Niel bewältigen kann. Das einstige Feriendomizil der Forresters wird nun zum Dauerwohnsitz.

Marian fehlt die gesellschaftliche Ablenkung. Um dem monotonen Alltag zu entfliehen, betrinkt sie sich und stürzt sich in schamlose erotische Abenteuer. Mit dem Tod von Mr. Forrester kündigt sie die alten Freundschaften und verliert gänzlich ihren Halt und ihre Würde. Für Niel bricht eine Welt zusammen. Er, der an Marian Forresters Anstand und an ihre Treue geglaubt hat, sieht sich verraten. Der Blick auf ihre Durchschnittlichkeit ist enttäuschend. Ohne ein Wort an sie, verlässt er Sweet Water. Jahre später und als Marian Forrester für ihn fast schon in Vergessenheit geraten ist, hört er wieder von ihr und erkennt, wer sie wirklich war.

Fazit

Es ist eine zutiefst provinzielle Welt, in die Willa Cather ihre an Luxus und gesellschaftliches Leben gewöhnten Figuren setzt. Das Haus der Forresters in Sweet Water wird zum Symbol des amerikanischen Aufstiegs. Als die Pionierära zu Ende geht, wird die verlorene glamouröse Welt hinter der Fassade des Forrester Hauses sichtbar. Willa Cathers Figuren stehen im Kampf um ihren amerikanischen Traum zwischen materiellen Erwägungen und Moral.

Willa Cathers Roman Die Frau, die sich verlor ist eine sinnlich beeindruckende Prosa über den Niedergang der amerikanischen Pionierzeit des 19. Jahrhunderts.

WILLA CATHER, Die Frau, die sich verlor, Roman, Mit einem Nachwort von Sibylle Mulot,
Originaltitel: A lost Lady, Originalverlag: Alfred A. Knopf, New York 1923, Aus dem Amerikanischen von Eva Brückner-Tuckwiller, Titel der ersten deutschen Ausgabe Frau im Zwielicht, Urban Verlag, Freiburg im Breisgau 1928, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 160 Seiten, Knaus Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München im Februar 2009, ISBN: 978-3-8135-0335-7, € 16,95 [D] | € 17,50 [A] | CHF 30,90

© Soraya Levin


Knaus Verlag

Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

Diese Seite drucken