Die Familie Hardelot

Irène Némirovsky


Ein feiner Familienroman, über die Ignoranz und sinkende Sonne des französischen Bürgertums, erzählt in einer klaren klassischen Sprache.


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Seit Generationen leben die Hardelots in Saint-Elme. Die Zeit scheint hier still zu stehen. Hier in der Provinz geht noch alles seinen ruhigen Gang. Hier wünscht man keine Veränderung. Nur ein Angepasster kann hier, inmitten des bürgerlichen Rhythmus von Umgangsformen, Etikette, Arbeitsethos und Familiendisziplin leben. Hier hat sich jeder dem geschäftlichen Kalkül und Standesdünkel unterzuordnen. So auch Pierre, dessen Großvater Besitzer der örtlichen Papierfabrik ist. Die Hochzeit mit der standesgemäßen und gut betuchten Simone steht bevor. Doch während eines Aufenthalts im mondänen Badeort Wimereux trifft Pierre seine wirkliche Liebe Agnès wieder. Auch sie ist einem ihren Stand entsprechenden Mann versprochen. Beide wissen, dass sie sich in die bürgerliche Tradition einfügen müssen, können aber dennoch nicht voneinander lassen. Ihre heimlichen Begegnungen fliegen auf. Agnès ist bloßgestellt. Pierre lässt seine Hochzeit mit Simone platzen. Von seinem Großvater enterbt, verlässt er Saint-Elme und heiratet Agnès.
In die vermeintliche Idylle von Saint-Elme platzt der Erste Weltkrieg, der mit den bürgerlichen Vorstellungen eines gesicherten Lebens unverträglich ist. In gutem Glauben an die eigenen Kräfte verleugnen die Bürger die Realität. Doch der Krieg schert sich nicht darum und schafft sich seine eigene Wirklichkeit. Pierres Vater, Charles Hardelot, kommt bei einem Bombenangriff ums Leben. Pierre gerät schwer verwundet in Gefangenschaft. Saint-Elme wird bis auf den Grund zerstört. Ausgestattet mit der bürgerlichen Beharrlichkeit beginnen die Hardelots mit dem Wiederaufbau. Der eine Krieg ist gerade mal zu Ende, Saint-Elme und die Papierfabrik gerade wieder aufgebaut, da beginnt der zweite Krieg. Und auch dieser passt

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nicht in das Bild von Saint-Elme. Wie schon beim Mal davor, ignorieren die Bürger auch ihn, bis er Saint-Elme und den Besitz der Familie Hardelot gefällt hat.

Gefällt wird auch das Leben der jüdischen Autorin Irène Némirovsky. Ausschwitz ist ihre letzte Station.
Mit ihrem Roman Die Familie Hardelot zeigt sie den Selbstbetrug des Bürgertums auf. Ein Selbstbetrug, der erst mit den beiden Weltkriegen entlarvt wird. Im Angesicht der Zerstörung des bürgerlichen Selbstverständnisses zerbröckelt die Fassade eines scheinbar gesicherten Lebens, beginnt der bürgerliche stoische Rhythmus, der von Generation zu Generation in gesellschaftlichen Schranken und Standesdünkel weiter schwingt und Unannehmlichkeiten und Katastrophen einfach beiseiteschiebt, zu vibrieren. Gefesselt in dieser bürgerlichen Starre und allen Widrigkeiten zum Trotz, lässt sich die Familie Hardelot nichts anmerken und schluckt selbst den Krieg hinunter.
Die Familie Hardelot ist nicht nur ein großer Familienroman über bürgerliche triumphale Aufstiege und Abstiege, sondern auch eine Kritik an deren übelschmeckende und wahrlich würdelose Ignoranz. Denn nicht im Angesicht des Krieges steht die bürgerliche Schwingung still, sondern erst mit der Vernichtung des eigenen Wohlstandes.

Irène Némirovsky, Die Familie Hardelot, Roman, Originaltitel: Le biens de ce monde, Originalverlag: Albin Michel, Paris, Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 256 Seiten, Knaus Verlag, München 2010, ISBN: 978-3-8135-0375-3, € 19,99 [D] | € 20,60 [A] | CHF30,90

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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