Die Schuld des Tages an die Nacht

Yasmina Khadra


Eine pulsierende Erzählung über den ewig andauernden Konflikt zwischen dem Abendland und dem Morgenland, großartig eingebettet in die Geschichte Algeriens und ergreifend erzählt anhand der Lebensgeschichte des arabischen Jungen Younes.



Yasmina Khadra erzählt die Lebensgeschichte eines muslimischen Algeriers, geprägt vom kolonial besetzten Algerien des 20. Jahrhunderts und dem Befreiungskrieg.

Die Geschichte nimmt ihren Anfang im französisch besetzten Algerien der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Eine unsichtbare Barriere liegt zwischen den französischen und arabischen Algeriern. Während die Einen fruchtbaren Boden bestellen und in schicken Vororten leben, kämpfen die Anderen ums nackte Überleben und vegetieren in schäbigen Vierteln. Ein jämmerliches Leben ist das, was die meisten arabischen Algerier führen und ein „Wunder, dass sie morgens aufwachen“. Sie, das sind in Yasmina Khadras Geschichte der arabische Junge Younes und seine Familie. Ein paar Schritte trennen sie erstmals von einer guten Ernte. Doch die voller Missgunst und Neid zerfressende Dorfmeute setzt die Felder in Brand. Der Vater beweint die verbrannte Erde. Der Familie bleibt nichts, nur die Flucht. Sie verlassen ihr Dorf Richtung Oran.
Oran, ein mediterraner Küstenort mit kolonialem Prunk und liberalem Lebensstil. Hier lebt der Bruder des Vaters. Er hat es zu etwas gebracht. Als Akademiker und Apotheker wohnt er im schicken Ortsteil von Oran. Er bietet seine Hilfe an, doch Younes stolzer Vater lehnt ab. So beginnt ihr neues Leben in einer Armutshöhle in mitten von Schmutz, Ratten, Katzenpisse, Bettlern, Dieben, Prostituierten und Totschlägern. Trotz aller Schufterei schafft es der Vater nicht, dem Elend zu entkommen. Übersät von Schrunden des harten Lebens, zerbricht er immer mehr. Letztlich geht er den für ihn entwürdigenden Schritt und bittet seinen Bruder um Hilfe, vertraut ihm seinen Sohn Younes an.
Während der Rest der Familie sein erbärmliches Leben im Schatten des Lebens fortführt, wird aus dem arabischen Younes, der europäische Jonas. Und während sich wie aus dem Nichts Younes Leben verändert, tobt der Zweite Weltkrieg, kämpfen und fallen die arabischen Algerier für Frankreich, wächst der Groll der arabischen Algerier gegen die Algerier-Franzosen, wird das Haus des Onkels zum Treffpunkt des Widerstands, wird der Onkel ein erstes Opfer einer Verhaftungswelle, kehrt er enttäuscht und innerlich zerschmettert zurück.
Younes neue Familie verlässt Oran und zieht nach Rio Salado. Für Younes ein wahres Paradies. Das Meer, die grünen mit Wein bewachsenen Hänge, der Geruch des Landes. In Rio Salado scheint das Leben sorgenlos. Unbefangen und frei verbringt Younes hier seine Jugend, gewinnt er, der Araber, Algerier-Franzosen als Freunde, trifft er die nie erreichte Liebe seines Lebens, Émilie. Émilie, sie wird ihn bis ins hohe Alter begleiten. Zumindest die Sehnsucht nach ihr.
Doch unter der vermeintlich friedlichen Oberfläche brodelt es bereits. Im Land werden Demonstrationen für ein unabhängiges Algerien


brutal unterdrückt. Und irgendwann erreicht diese Welle auch den friedlichen Küstenort Rio Salado, wo der Zusammenprall zwischen den Algerier-Franzosen und Arabern seine ersten Opfer fordert. „Wehe dem Europäer, der sich mit einem Muslim einließ, wehe dem Muslim, der sich mit einem Europäer einließ.“ Vergangen sind die ausgelassenen Tage der Jugend. Der Kontakt zu Younes Freunden bricht fast gänzlich ab, seine große Liebe Émilie lässt er ziehen. Eine tiefe Depression begleitet Younes die kommenden Jahre. Unterdessen begibt sich Algerien auf den harten steinigen Weg in Richtung Unabhängigkeit. Es ist das Jahr 1962. Younes ist Apotheker in Rio Salado, der Onkel tot, die einstigen Freunde entfremdet und unversöhnlich gespalten, Émilie in Marseille, Algerien unabhängig, die Algerier-Franzosen, die Pieds-Noir, überwiegend aus dem Land vertrieben. 1964 in Marseille. Hier stehen sie sich ein letztes Mal gegenüber, Younes und Émilie. Vermutlich ist der Schatten zu lang, um die Überreste einer nie gelebten Liebe einzufangen. Younes kehrt allein nach Algerien zurück. Den Boden Frankreichs betritt er erst 2008 im Jahr von Émilies Tod wieder.

Fazit

Es ist die Lebensgeschichte des arabischen Younes, durch die Yasmina Khadra uns die Geschichte Algeriens erzählt. Im Würgegriff zwischen dem Abendland und dem Morgenland wird aus Younes Jonas, „Du bist einer von uns, aber führst ihr Leben.“, pulsiert unter dem seichten Dunst des friedlichen Zusammenlebens zwischen den Arabern und den Pieds-Noir das Böse. Wie Albert Camus in seinem Roman „Die Pest“ wählt auch Khadra für den Ausbruch des Bösen die mediterrane Küstenstadt Oran. Oran steht für eine Melange aus kolonialem Prunk, aus reichen und überheblichen Algerier-Franzosen, aus unterdrückten Arabern, aus bitterer Armut, aus Ausgrenzung und wachsender Unzufriedenheit, aus Krieg, aus Vertreibung, wo für die Algerier-Franzosen nur die Wahl bleibt zwischen dem Koffer oder dem Sarg. Algerien, das ist auch ihre Heimat, die sie zum Schluss verlieren.

In der Abgeschiedenheit der Küstenstadt Rio Salado werden unerwünschte Kontakte zwischen Arabern und Algerier-Franzosen scheinbar überwunden. Der arabische Younes schließt Freundschaften und liebt ein Leben lang – doch unerreichbar – Émilie. Auch wenn die soziale Wirklichkeit eine ganz andere ist. Diese bestechend lebenslang währende Liebe ist ein Symbol für ein friedliches Zusammenleben zwischen dem Abendland und dem Morgenland, zwischen den ausgemachten und scheinbar Anderen, zwischen den Europäern und den Arabern.

YASMINA KHADRA, Die Schuld des Tages an die Nacht, Roman, gebunden, Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe, Die französische Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel Ce que le jour doit à la nuit bei den Éditions Julliard, Paris, 2010 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin, ISBN 978-3-550-08790-5

© Soraya Levin


Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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