Die Laute

von Michael Roes


EIN BEMERKENSWERT GERÄUSCHVOLLES BUCH IN DER STILLE


Es ist eine Ankunft in der Stille. In der südjeminitischen Hafenstadt Aden lässt er seine Laute für immer in Ibb zurück. Für Jahre wird er in dieser für ihn fremden Welt Gast sein. Das durch westliche Einflüsse geprägte Aden ist für den 14-jährigen Asis ein krasser Gegensatz zu der traditionellen Hochebene seiner Heimat. Gegensätzlich ist auch das Leben in der Gastfamilie. Statt der ihm bekannten einfachen Verhältnisse findet Asis hier Wohlstand und Bildung. Er fühlt sich fremd. Er muss alles neu lernen. Selbst die Sprache. Und die ist gerade so anders. Verlangt sie doch nach Gebärde und ständigem Blickkontakt.

Es ist nur ein winziger Moment der Natur gewesen, der sein Leben innerhalb kürzester Zeit drastisch verändert hat. Bis zu dem tödlichen Blitzschlag ist der Bolzplatz sein Leben. Er hat Glück, wird wiederbelebt und trägt keine sichtbaren Schädigungen davon. Doch in seinem Kopf dehnt sich eine akustische Halluzination aus. Eine ihm bis dahin unbekannte Lautenmusik nimmt immer mehr Besitz von ihm ein. Kein Fußballspiel mehr, einzig das Spielen der Laute steht für den aus einem nichtmusischen Haus stammenden Asis nun im Vordergrund. Der bereits versprochenen Schwester seines Freundes macht er Abend für Abend musikalische Liebesavancen. Die Reaktion der Familie des Mädchens ist ein brutales Bekenntnis zur religiös-archaisch verkrusteten Gesellschaft. Als Waffe benutzen sie nicht nur Steine, sondern eine Säure, mit der sie aus seinen Ohren alles Lebende hinaus ätzen.

In Aden lässt Michael Roes Asis nicht nur auf eine ihm unbekannte Lebenswelt treffen. Vielmehr entdeckt Asis hier eine bewusstere Form des Hörens. Es ist das Gefühl, die Wahrnehmung für Schwingungen. Er lernt die erloschenen Laute zu fühlen und die Wirklichkeit auf eine andere Art zu erleben.

Der zerrissene Jemen bietet jedoch keine Zukunft für einen Gehörlosen, der sich darauf versteift hat, sein Leben mit Musik zu füllen. Sein nächstes Leben liegt in Polen in Nowa Huta, dem düsteren Stadtteil Krakaus. Hier geht er in die Lehre eines großen Komponisten und beginnt seine Arbeit an einer modernen Oper über den griechischen Marsyas-Mythos. Bei einem Musikwettbewerb tritt Asis mit seiner elektronischen Komposition gegen den aus Krakau stammenden Klaviervirtuosen Rafał an und scheitert im Wettbewerb und in der eigenen Wahrnehmung zu sich selbst.

Der Titel des Romans baut durch seine Doppeldeutigkeit bereits eine Brücke zu den unterschiedlichen Wahrnehmungswelten des Protagonisten Asis. Die Laute als Musikinstrument ist der Motor der Veränderung, der Asis Laute zum Erlöschen bringt. Der Asis mit seinen erloschenen Lauten wird in der Stadt, die in einem erloschenen Vulkan gebaut ist, auf einen Weg der Gegensätze gedrängt.

Diese Gegensätze der Lebenwelten gewinnen durch geschicktes Einflechten unterschiedlicher Erzählstränge mit Rückblenden und wechselnden Erzähltechniken an Bedeutung.

Da ist auf der einen Seite der zerrissene Jemen, geprägt von starken Kontrasten der Lebenswelten zwischen dem Norden und dem Süden und einem sich anbahnenden Bürgerkrieg. Auf der anderen Seite ist das zerrissene Krakau. Dem Wohlstand und der Kultur tritt die Vorstadt Nowa Huta mit ihrem Grau des Hüttenwesens, der Tristesse der Arbeiter und der Armut gegenüber. Inmitten des Kessels steht der zerrissene Asis. Zerrissen zwischen der arabischen und der westlichen Gesellschaft und zerrissen zwischen seinem alten und neuem Leben. In dieser Zerrissenheit nimmt er sich selbst nicht wahr. Roes macht diese innere Zerklüftung von Asis anhand des griechischen Marsyas-Mythos deutlich. Die von Asis modern komponierte Oper steht stellvertretend für ihn selbst. Asis ist Marsyas. Er fordert in seiner Überheblichkeit und in seinem sich Klammern an die Musik den wahren Gott, Apollon, alias Rafał den Klaviervirtuosen, heraus. Der Sieger ist im Musikwettstreit wie im Mythos derjenige, der eine zusätzliche Sinneswahrnehmung mit einbringt. Ist es bei Apollon der Gesang, so ist es bei Rafał das Gehör. Die Häutung von Marsyas im Mythos, entspricht symbolisch der Demütigung, die Asis bei der musikalischen Niederlage empfindet. Asis ist mit der Häutung gezwungen sich selbst und sein Festklammern an der Musik wahrzunehmen. Das unausweichliche Bewusstsein zwingt ihn aus seinem stummen Turm herauszutreten in die Welt und sich selbst in ihr zu sehen. Für diesen Selbstfindungsprozess gehört Rafał zwangsläufig zu Asis wie Apollon zu Marsyas.

Michael Roes, Die Laute, Roman, Erste Auflage 2012 Matthes & Seitz Berlin, 525 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag, ISBN: 978-3-88221-986-9, 24,90 € / 33,90 CHF

© Soraya Levin












Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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