Astrid Lindgren

von Birgit Dankert


Was diese Biografie sehr lesenswert macht, ist die Kombination der biografischen Elemente mit dem literarischen Werk


„2 x 3 macht 4 Widdewiddewitt und Drei macht Neune !!
Ich mach' mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt.“ Wer denkt da nicht gleich an die Sommersprossen und das sonnige freche Gemüt von Pippi Langstrumpf. Die Rebellin mit den roten Zöpfen, stark und selbstbewusst, die sich so gar nicht kindgerecht verhält. Sie stemmt Pferde und lebt ganz allein in der Villa Kunterbunt. Ein paradiesischer Rückzugsort aus der Erwachsenenwelt, in dem die Kindheit unangetastet bleibt.

Diese nie abgestreifte Kindheit hat viele Namen. Pippi Langstrumpf, Michel aus Lönneberga, Karlssohn auf dem Dach, Ronia Räubertochter, die Kinder aus Bullerbü, Madita, Mio mein Mio, Ferien auf Saltkrokan. Es sind keine Helden, es sind Kinder, die zu Wort kommen, geschaffen von der Kinderbuchautorin Astrid Lindgren. Eine lebenslange Kindheit, dieser Untertitel der Biografie von Birgit Dankert über Astrid Lindgren verdeutlicht den Stellenwert der Kindheit, die sich wie eine Schleifspur durch das Leben und das literarische Werk der Kinderbuchautorin Lindgren zieht.

Es ist diese Kindheit der 1907 geborenen Astrid Ericcson auf dem Bauernhof Näs bei Vimmerby in Schweden, die ihr Freiheit, Behütetsein und Gefahrlosigkeit vermittelt. Nur der Tod kann diese Kindheit unangetastet lassen. Es ist nicht nur eine Mischung aus einer Vorstellung und Sehnsucht nach der Leichtigkeit und dem Übermut der Kindheit, dessen Herzstück das Spiel ist. Es ist vielmehr diese kindliche Nestwärme von Näs, in die sich Astrid Lindgren vor ihrer Last der Schwermut mit ihren Kindererzählungen flüchtet. Anhand von Textauszügen aus den Kinderbüchern verdeutlicht die Biografin dieses melancholische Ventil.

Dankert spricht davon, dass Lindgren in ihrer Kindheit und dem Spiel gefangen ist. Ist das Spiel beendet, ist auch die Kindheit beendet wie in dem Jugendkrimi Kalle Blomquist.

Das Festhalten an der geliebten Kindheit ist ein tradiertes Festhalten. Es geht nicht um Umbrüche. Es geht um den kindlichen freien Raum. Dahinter steckt bei Lindgren immer das Recht des Kindes, für das sie sich sehr stark einsetzt. Ein hörbares Zeichen setzt sie bei der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels im Jahr 1978 mit ihrer Rede „Niemals Gewalt“.

Phasen ihres Lebens sind daher auch politisch gesetzt wie Kinderrechte und der Tierschutz. Der mediale Hype um ihre Werke als Print, als Hörbuch und als Film sowie die Kommerzialisierung machen sie zu einer weltbekannten moralischen Instanz. Dankert spricht hier sogar von einem lebendigen „Mythos“. Ihre politischen Kernaussagen wirken daher in die Gesellschaften hinein.

Es ist die Konstruktion einer gesellschaftlichen Sehnsucht zwischen dem Kindsein und dem Erwachsenwerden. Ein Weltbild, auf das sich Astrid Lindgren in ihren Büchern zurückzieht, indem sie Ankerpunkte der Fantasie und Realität vermischt. Es sind die wiederkehrenden Jahreszeiten und Bräuche, die verinnerlichte gelesene Literatur, es sind die gehörten Geschichten, es sind die gelebten Orte wie die alte Heimat Näs und die neue in Stockholm im Vasaviertel, es sind ihre Figuren, in denen die Freunde sowie die Familie und ganz besonders der Vater sichtbar versteckt sind.

Für die Biografin sind es die Momente der eigenen schwierigen Lebensphasen von Astrid Lindgren, die ihr Werk prägen. Ihre heile Welt von Näs verschwindet als sie als Volontärin eine Beziehung mit dem sehr viel älteren und verheirateten Chefredakteur eingeht und ein uneheliches Kind bekommt. Mit der Geburt ihres Sohnes Lars und der vorübergehenden Trennung von ihrem Kind erlebt sie einen Wendepunkt. Die Sehnsucht nach ihrem Kind, dass sie Weihnachten nicht bei sich hat, zieht nach Dankert harmonische Weihnachtsgeschichten wie die in Bullerbü nach sich.

Birgit Dankert zeigt auf, dass Astrid Lindgrens private Höhen und Tiefen in ihrer Literatur mit schwingen. Sie bieten dem aufmerksamen Leser einen Orientierungspunkt über die Gefühlslage der Kinderbuchautorin. So taucht der verschwiegene und nicht vorzeigbare Alkoholismus ihres Ehemannes Sture Lindgren und ihres Sohnes Lars als wiederkehrendes Motiv in ihrer Literatur auf.

Birgit Dankert stellt fest, dass Lindgren durch ihr Schweigen über die Schattenseiten ihres Lebens selbst zur Fassadenbildung beiträgt. Stockholm als Zufluchtsort, als Folge ihrer unehelichen Schwangerschaft?

Stockholm ist auf jeden Fall ein selbstbestimmter Neuanfang. Die Ehe mit Sture Lindgren bietet ihr nicht nur ein bürgerliches Leben mit ihrem Sohn Lars und ihrer acht Jahre später geborenen Tochter Karin, sondern ein bewegtes Reiseleben, das sie literarisch für kurze Zeit aufgreift.

Astrid Lindgren spricht nicht von Liebe zu ihrem Mann. Sie spricht von Freundschaft. Ein Hinweis für Kritiker, einen liebesfreien Raum zu orten. Ein Raum, der in ihren Kinderbüchern nicht besetzt ist und zur Unterstellung der „Asexualität“ geführt hat. Birgit Dankert macht dennoch hinter der Freundschaft mehr aus. Als Sture Lindgren 1952 verstirbt, schreibt Astrid Lindgren in ihr Tagebuch „... MEIN Liebster liegt im Sterben. ... Er war mir ein Kind, das ich sehr geliebt habe.“. Birgit Dankert hebelt die unterstellte Asexualität mit dem Hinweis auf den Liebsten aus. Ohne die Interpretation der Biografin weiter auszudehnen, ist der Hinweis „Er war mir ein Kind …“, ein Hinweis auf die Liebe zu ihrem Kind. Eine Liebe, die – entgegen jedweden Kritikern - selbstverständlich ohne das sexuelle Moment auskommen muss. Der Ehemann nicht als geliebter Partner, sondern als geliebtes Kind, das sie verliert. Und noch eins wird sie verlieren, eins, das eine große Lücke in ihr Leben reißt. Ihren Sohn Lars. Die tiefe Trauer über seinen Tod im Jahr 1986 gleicht einer Zäsur und wirft die mit Lebenskraft ausgestattete Frau für etliche Wochen aus der Bahn.

Zwischen Britt Marie erleichtert ihr Herz und Ronja Räubertochter hat Astrid Lindgren nicht nur die Kinderwelt, sondern auch die Erwachsenen in Staunen versetzt. Ihr literarischer Aufstieg, ihre öffentlichen Stellungnahmen für die Rechte von Kindern führen zu einer hohen gesellschaftlichen Wertschätzung im In- und Ausland. Birgit Dankert nennt in ihrer Biografie zahlreiche Preiswürdigungen.

Der Einladung zum 80. Geburtstag folgen Hunderte, darunter politische und künstlerische Prominenz. Für Birgit Dankert ist diese Würdigung „der spektakulärste Ausdruck ihres Erfolges.“

Zeitlebens ein Rückzugsort für Lindgren ist die schwedische Insel Furusund. Es könnten auch Ferien auf Saltkrokan sein, die Astrid Lindgren das letzte Mal vor ihrem Tod auf der Insel verbringt.

Noch im Tod wird ihr eine hohe Wertschätzung entgegengebracht. Die Trauerfeier hatte „durch die Anteilnahme der Bevölkerung, der Politik und des Königshauses den Charakter eines Staatsbegräbnisses“ wie Dankert den letzten Gruss formuliert.

Astrid Lindgrens literarisches Werk lebt auch nach ihrem Tod weiter. Es sind Bücher, Filme, ein Freizeitpark, die laut der Biografin nicht nur die Erinnerungskultur aufrechterhalten, sondern auch für den monetären Fluss sorgen.

Es ist nicht die erste Biografie über Astrid Lindgren. Diese Biografie versucht die klaffende Lücke der Persönlichkeit Astrid Lindgrens etwas zu schließen, in dem sie nicht in die vorgezeichneten Spuren der üblichen Lebensleiste stapft. Der Fokus liegt bei Birgit Dankert auf der Verknüpfung der Lebensstationen Astrid Lindgrens mit den sie begleitenden positiven und negativen Umweltfaktoren.

Ob das bäuerliche Leben auf Näs, die elterliche Fürsorge, die Geschwister und Freunde, die Kleinstadt Vimmerby, Stockholm, Berührungen mit dem Zweiten Weltkrieg und der Nachkriegszeit, die uneheliche Mutterschaft, die Verlagskontakte, das bürgerliche Leben, die Ehe und die Sucht des Ehemannes und Sohnes, die Weltpolitik. Sie alle wirken auf das literarische Werk Astrid Lindgrens ein. Sie führen zur Flucht in, wie Dankert es nennt, einen „zeitlosen Kinderkosmos“. Birgit Dankert reduziert den Antrieb für das literarische Schaffen Astrid Lindgrens auf ihre nicht erfüllten Sehnsüchte. Ob diese Begrenzung dem Werk und der Person Astrid Lindgrens gerecht wird, bleibt fraglich.

Was diese Biografie sehr lesenswert macht, ist die Kombination der biografischen Elemente mit dem literarischen Werk. Ausgewählte Textpassagen aus den Kinderbüchern unterstreichen den Lebensweg der Autorin und verdeutlichen, dass hinter dem Namen Astrid Lindgren nicht nur eine großartige Kinderbuchautorin mit einem Blick für Kinder steckt, sondern eine engagierte „Anwältin" für die Rechte von Kindern.

Ergänzt wird diese interessante biografische Darstellung durch einzelne Fotos und durch eine Chronologie der veröffentlichten Werke sowie ein Verzeichnis der zitierten Literatur über und von Astrid Lindgren.

Dankert, Birgit, Astrid Lindgren, Eine lebenslange Kindheit, mit 9 s/w Abb., Bibliogr. und Reg., geb. mit SU und Lesebändchen. Lambert Schneider Imprint der WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), 2013 Darmstadt, 320 Seiten, ISBN 978-3-650-25526-6, EUR 24,90

© Soraya Levin












Soraya Levin: Politologin, freie Redakteurin und Rezensentin

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