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Weinen Sie nicht, die gehen nur baden

Jochanan Shelliem

„Arbeit macht frei“, diese zynische Inschrift über dem Eingang zum KZ-Auschwitz steht für eines der größten geplanten und durchgeführten Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Von der Schriftstellerin und Sozialphilosophin Hannah Arendt als „Verwaltungsmassenmord“ bezeichnet. Ein Millionenfacher Mord, verdrängt aus dem öffentlichen Bewusstsein, der erst 20 Jahre nach seiner Tat vor Gericht gestellt wird. Jochanan Shelliem zeichnet in dem Feature „Weinen Sie nicht, die gehen nur baden!“ den Frankfurter Auschwitz-Prozess mit zahlreichen Originalaufnahmen der Zeugen nach.

Der Auschwitz-Prozess als erster Massenmordprozess der deutschen Justizgeschichte

Die Prozesslawine beginnt mit dem ehemaligen Auschwitz-Häftling Emil Wulkan, der im Besitz von Todeslisten aus Auschwitz ist. 1958 zeigt er den ehemaligen Gestapo-Angehörigen von Auschwitz Wilhelm Boger wegen Mordes an. Aber erst durch den massiven Druck des Internationalen Auschwitz-Komitees nimmt die Staatsanwaltschaft die juristische Verfolgung auf. Forciert vom hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer, wird die Ermittlung der Auschwitz-Verbrechen an die hessische Staatsanwaltschaft übergeben. Nach jahrelanger intensiver Ermittlungsarbeit, die neben Hunderter von Zeugenbefragungen auch die Begehung des in Polen liegenden KZs Auschwitz-Birkenau beinhaltet, beginnt im Dezember 1963 in der „Strafsache gegen Mulka u.a.“ gegen lediglich 20 Personen der erste Massenmordprozess in der deutschen Justizgeschichte.

Von den 360 Zeugen sind 211 Überlebende, die nun im Prozess noch einmal die Gräueltaten durchleben.

Unter ihnen der jetzt in Israel lebende Arzt Mauritius Berner, der im Zuge der Deportation der ungarischen Juden 1944 gemeinsam mit seiner Frau und seinen drei Töchtern nach Auschwitz geschafft wird.

Der Zeuge Mauritius Berner berichtet

Als sich der Güterwaggon öffnet, erblicken sie als erstes das Bild Tausender Gepäckstücke an den Gleisen. Er versucht seine Frau zu beruhigen. „Tut nichts. Hauptsache, dass wir fünf zusammen sind“. Doch sofort nach der Ankunft im KZ beginnt auf der sogenannten ‚Neuen Rampe‘ von Birkenau die Selektion, „Männer nach rechts, Frauen nach links“. „Komm, küsse uns!“ sind die letzten rufenden sich verlierenden Worte seiner Frau. Der einzige Trost für Mauritius Berner kommt vom Chef der Lagerapotheke, SS-Sturmbannführer Dr. Victor Capesius. Er sagt, „weinen Sie nicht, die gehen nur baden“. Baden im Zyklon B, denn für Mütter mit Kindern, Frauen, Alte und Kranke führt der Weg direkt ins Gas. Dort warten sie oft über zwei Stunden nackt und entblößt wie sie sind, auf die sich noch auskleidenden anderen Opfer. Bei Überfüllung der Gaskammern werden die kleinen Kinder in die Menge geschmissen. Ein perfide ausgeklügeltes System, das die Leichentransporte direkt über der totbringenden Gaskammer baut. Ein System, das in den Rotkreuzwagen, die für die Opfer ein Hoffnungsschimmer sind, Zyklon B transportiert.

Erinnerungen der Zeugen

Die Krematorien schaffen bald die Arbeit nicht mehr, denn mit jedem Transport, der bis zu 3000 Menschen zählt, steigt die Zahl der ins Gas wandernden Opfer. Die Verbrennungen finden mittlerweile schon in Massengräben statt.
Die Aussagen der Zeugen und Angeklagten schildern die über zehn Minuten gehenden quälenden Schreie der in den Gaskammern Erstickenden, die Schläge, Folter, die Menschenexperimente, die Erschießungen, die mit Phenol gespritzten totbringenden Injektionen, den Hunger, das schier unmenschliche Dasein. Und Keiner wird vergessen, denn alle haben eine Nummer. Selbst vor Säuglingen macht dieses verbrecherische System nicht halt. Weil die Haut unter ihren Achseln zu dünn ist, wird ihnen ihre zugewiesene Häftlingsnummer in die Schenkel tätowiert.

Täterkonturen

Capesius führt nach dem Krieg in Göppingen wieder ein Leben als ehrbarer Kaufmann. Neben einer Apotheke betreibt er einen Kosmetiksalon. Im Dezember 1959 wird er verhaftet und im Auschwitz-Prozess wegen gemeinsamer Selektion mit dem SS-Arzt Mengele an der Rampe, wegen der Verwaltung und Ausgabe von Zyklon B und dem Gift Phenol vor Gericht gestellt. Nach Aussagen von Zeugen hat sich Capesius während seiner Zeit in Auschwitz zudem die Wertgegenstände der Opfer angeeignet. Aber nicht nur Capesius bedient sich. Geraubt wird generell. Tausende Gramm Gold, gewonnen aus den Goldplomben der Opfer, werden an die Reichsbank übergeben, die wertvolle Kleidung der Opfer geht an das Winterhilfswerk. Persönliche Stücke wie Bilderalben, Urkunden, Dokumente gehen im Feuer auf.

Prozessende

Nach 20 Monaten des Versuchs dieses unsagbare Morden aufzuklären, geht der Prozess im August 1965 zu Ende. Die Angeklagten, die Täter, leugnen nicht den Völkermord, nehmen aber für ihr eigenes Handeln den Notstandsparagraphen in Anspruch und sprechen sich damit von jeder Schuld frei. Aussagen wie von Wilhelm Boger „wenn ich ein schlechtes Gewissen gehabt hätte, hätte ich fliehen können“ sind für die Opfer entwürdigend und unerträglich. Der Vorsitzende Richter Hans Hofmeier, dem während der Urteilsverkündigung aufgrund des dargestellten Grauens und der Ignoranz der Täter mehrfach die Worte fehlen, weist darauf hin, dass das Gericht lediglich einen Straftatbestand untersuchen konnte. Die ethische Verantwortung stand nicht vor Gericht. Eine entsprechende weltliche Strafe wäre aufgrund des unsagbaren Grauens nicht möglich.
In der Urteilsverkündung wird das Argument des Befehlsnotstandes verworfen, da das eigene Leben der Täter nach Erkenntnissen des Gerichtes zu keinem Zeitpunkt bedroht war. Daher werden sechs der Angeklagten zu lebenslanger Haft verurteilt. Elf von ihnen erhalten mehrjährige Haftstrafen wegen Beihilfe zum Mord. Und bei drei von ihnen reicht die Beweislage nicht aus, sie werden freigesprochen.

Fazit:

20 Jahre nach Auschwitz ist in der deutschen Bevölkerung wieder Normalität eingekehrt.
Die eigene Vergangenheit, die scheint es nicht gegeben zu haben. Niemand hat etwas damit zu tun, niemand mag sich damit auseinandersetzen, niemand trauert wie Hannah Arendt sagt, um die Toten. Mord wird in Rechtsstaaten als schwerwiegendste Strafe geahndet, doch in dem neuen Rechtsstaat der BRD wird bis in die 60er Jahre hinein ein Massenmord an Juden, Sinti, Roma, Behinderte und anderen Opfern nicht verfolgt. Warum nicht? Es scheint wie eine verflochtene Abwehrfront der Täter, die sich auf die Funktionseliten in der Politik, der Rechtssprechung, Medizin und der Wirtschaft konzentriert und sich durch die Masse der Bevölkerung zieht. Namen wie Globke und Kiesinger sind Ausdruck dafür, wie es um den tatsächlichen Neuanfang steht und worauf die neue junge Demokratie aufbaut.

Das Feature ist besonders durch die O-Töne und die Sensibilität der Sprecher ein wesentlicher Beitrag zur historischen Erarbeitung des Umgangs der Deutschen mit ihrer NS-Vergangenheit. Ein Feature, das viele Fragen aufwirft und zeigt, auf welchem Boden die Bundesrepublik Deutschland gegründet wurde. Es zeigt die ethisch tiefste Stufe eines Menschen, nämlich Rassenhass und Mordlust, die in einem Massenmord mündet. Ein Massenmord, der lediglich durch Überlebende und der Hartnäckigkeit eines hessischen Generalstaatsanwalts, Fritz Bauer, zur Anklage kommt. Ein Massenmord, dem sich nur wenige Täter gegenüber zu verantworten haben.

„Weinen Sie nicht, die gehen nur baden!“ ist ein fühlbar bedeutendes Tondokument, das das Scheitern der bundesdeutschen Justiz in der Verbrechensahndung der Vernichtungspolitik der Nazis deutlich macht.

Jochanan Shelliem, „Weinen Sie nicht, die gehen nur baden!“
, Zeugen des Auschwitz-Prozesses berichten. Feature, Redaktion: Paul Assall, Sprecher: Gerd Wameling, Matthias Haase, Regie: Iris Drögekamp, Produktion: Südwestrundfunk, 1 CD mit Booklet, Laufzeit 56 Minuten, ISBN 978-3-89813-409-5, 16,49 €, 2005 bei: Der Audio Verlag

Abbildung: © Audio Verlag -

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