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Der letzte Zug

Produktion: Artur Brauner

April 1943. Der bis zum Exodus betriebene Vernichtungsfeldzug gegen die jüdische Bevölkerung macht auch vor Berlin nicht halt. Die letzten 688 jüdischen Bewohner, Männer, Frauen und Kinder werden in Richtung Osten deportiert.
Wie Vieh pfercht die Gestapo sie in Viehwaggons. Abfahrt Bahnhof Grunewald. Ziel das Vernichtungslager Auschwitz.
Eine sechstägige qualvoll und alptraumhafte Reise in die Hölle. In der stickigen Enge dursten und hungern die Eingesperrten. Unaufhaltsam fährt der Zug und mit ihm der Zuschauer, der sich mit im Innern des Waggons zwischen dem Liebespaar Ruth Zilbermann und Albert Rosen, zwischen Jakob Noschik, dem Komiker und Sänger und seiner Klavierbegleitung und Lebensgefährtin Gabriele Hellmann, zwischen der Familie Neumann, zwischen ihrem Säugling David und ihrer Tochter Nina befindet. Einzige Zwischenstopps sind die Bahnhöfe. Für ein bisschen Wasser geben die Eingepferchten ihr Letztes, ihren Schmuck, Uhren, für ein bisschen Wasser prügeln sie sich, für ein bisschen Wasser erniedrigen sie sich. So leckt Gabriele Hellmann die Wassertropfen kriechend vom Waggonboden auf.
Die verzweifelten Rufe und Schreie durch die Gitteröffnungen der Waggons am Bahnhof, die herausgestreckten flehenden Hände, all das registrieren die dort wartenden Menschen mit äußerster Gleichgültigkeit. Selbst eine Nonne zeigt keine Regung. Ein Kind zielt, die Hand zur Pistole geformt, sogar auf den Waggon.
Ein Stück Menschlichkeit lediglich von einigen Soldaten der Wehrmacht, die sich der Gestapo und dem SS Obersturmführer Crewes widersetzen und den Hungernden Brotstücke durch die Gitter stopfen.
Doch das Sterben im Waggon geht weiter. Ob Alte oder Säuglinge. Sie verhungern, verdursten, sterben an Erschöpfung. Ihr Ende ist eine Ecke des Waggons, wo sie gestapelt liegen.
Als an einer Haltestation Galgen gebaut werden, lauscht die eingesperrte Menge den grauenvollen Schlägen entgegen. Das Gesicht des Grauens wandelt sich für kurze Zeit in Erleichterung und Freude, als sie feststellen, dass der Galgen nicht ihnen, sondern den Partisanen galt.
Albert Rosen sieht die Flucht als einzigen Ausweg. Neumann wird zum Mitstreiter. Tag und Nacht sägen sie an den Gitterstäben, Tag und Nacht versuchen sie ein Loch in den Waggonboden zu hauen.
Ruth Zilbermann und Nina Neumann gelingt die Flucht. Für die anderen heißt die Endstation Auschwitz. Als letzter aus dem Waggon tritt Jakob Noschik, der Komiker. Er steht in der Öffnung, und singt Beethovens „Hymne an die Freude“, derweil ein Regen voller Asche der Verbrannten auf ihn niedergeht.

Den Regieführenden Joseph Vilsmaier und Dana Vávrová ist mit „der letzte Zug“ ein erschütterndes Dokument des nationalsozialistischen Völkermordes gelungen. Obwohl der Film keine zusätzlichen historischen Informationen liefert, drückt die Fahrt im Viehwaggon, vor allem auch durch die schauspielerische Leistung von Sebil Kekilli, Gedeon Burkhard, Lale Yavas, Roman Roth und anderen, die alptraumhafte unbarmherzige Atmosphäre aus. Menschen aus ihren Alltag gerissen, beraubt ihrer materiellen und nicht zuletzt körperlichen Existenz, zusammengepfercht und schlimmer behandelt als Tiere, kämpfen ums Überleben, sehen den rettenden Strohalm in einem Stück Hoffnung. Sichtbar wird eine zusehende Zivilisation, die wenn überhaupt, nur noch aus Fragmenten besteht. Während die Menschen sich verzweifelt im Todeskampf gegen Durst und Hunger bewegen, neben uns im Kino eine Familie wie zum Picknick. Capri Sonne schlürfend während Gabriele Hellmann den Boden nach etwas Flüssigem ableckt. Tortilla Chips in Dipp getunkt, während die Menschen im Waggon vor Hunger sterben. Wie viel Distanz zu ethisch und moralischem Empfinden herrscht in unserer Gesellschaft vor. Wie fragmentiert ist eigentlich unsere viel gepriesene Zivilisation angesichts solcher Verhaltensmuster?

© Soraya Levin

Abbildung: © CCC Filmkunst GmbH Berlin -

Der letzte Zug

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