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Ökonomie der Zerstörung

Adam Tooze

1929 zwingt die Weltwirtschaftskrise die Industrienationen in die Knie. Allein in Deutschland sind rund sechs Millionen Menschen ohne Arbeit. In dieser Phase steigt die NSDAP zu einer Massenpartei auf. Adolf Hitler kommt an die Macht.

Mit seinem Werk „Ökonomie der Zerstörung“ tritt der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze in die historische Auseinandersetzung mit Götz Aly um die Frage, was Hitlers Erfolg ausgemacht hat.

Tooze entkräftet Alys These von Hitlers „Gefälligkeitsdiktatur“, die sich die Zustimmung der Bevölkerung mit sozialen Wohltaten, „gekauft.“ hat. Nach Analyse von Adam Tooze ist das „Dritte Reich“ von Beginn an eine totalitäre „Mobilisierungsdiktatur“, in der die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung von der Frage nach Krieg oder Frieden abhängt.

Die Frage nach Krieg oder Frieden

Die Weimarer Republik leidet nach dem Ersten Weltkrieg unter dem Makel und der Demütigung des Versailler Vertrages. Quer durch die deutsche Politik geht der Ruf und die Forderung, dass sich die Republik von den Fesseln und den Zwängen des Vertrages befreien muss.

In der Frage, wie man eine Revision des Vertrages erreicht, ist die Politik gespalten. Während Gustav Stresemann versucht, sich mit den Westmächten friedlich zu verständigen, setzt Adolf Hitler auf eine aggressive militaristische Politik.

Die Weimarer Bevölkerung entscheidet sich gegen einen mit den Westmächten ermöglichten Wohlstand und Frieden und tritt für Hitlers militanten Nationalismus und Krieg ein.

Lebensraumdoktrin und Rassenwahn

Nach dem Ersten Weltkrieg hat das „alte“ Europa seine Vormachtstellung in der Welt eingebüßt. Das neue Machtzentrum heißt nun USA. Hitler hat jedoch andere Vorstellungen von einer neuen Weltordnung. Sein Ziel ist die hegemoniale Neuordnung Europas unter der Führung eines autarken Deutschlands, die Schaffung von neuem Lebensraum im Osten durch die Vertreibung oder Unterjochung der dort ansässigen Bevölkerung sowie die Vernichtung der Juden. Die Propaganda einer „jüdischen Weltverschwörung“ wird zum Wegbereiter in den Holocaust. Bereits nach Hitlers Machtergreifung beginnen der Terror und die Gewalt gegen die jüdische Bevölkerung, die sich am 9. November 1938 mit der Reichskristallnacht über das ganze Reich ausdehnen.
Niederträchtig „die Verordnung über eine Sühneleistung der Juden deutscher Staatsangehörigkeit“, die von der jüdischen Bevölkerung eine Entschädigung von einer Milliarde Reichsmark für die Zerstörungen der Reichskristallnacht fordert.

Landesweite Pogrome treiben viele Juden in die Emigration. Die aufgrund des erheblichen Devisenmangels erlassene Reichsfluchtsteuer erschwert der jüdischen Bevölkerung jedoch die „Auswanderung“. Ab 1938 erfolgt die systematische Zwangsenteignung – „Arisierung“ jüdischen Eigentums.

Die Profiteure der Nazi-Ideologie

Die großen Industrien wie die Textilindustrien und die Banken, darunter auch die Deutsche Bank und die Dresdner Bank, nehmen teil an der Gewinnung so genannter „Arisierungsschnäppchen“. Die deutsche Wirtschaft spendet zunächst sogar freiwillig mit der „Adolf-Hitler-Spende“ für den nationalen Wiederaufbau. Industrielle Profitgier und Sozialprestige vermischt sich mit der Politik. Ob Krupp, IG Farben, Flick, AEG, Siemens, BMW, Henschel, Blohm & Voss. Die großen deutschen Unternehmen profitieren von der Zwangsenteignung der Juden, von der Beseitigung der ausländischen Konkurrenz, der Zerschlagung der Gewerkschaften und der Einfrierung der Löhne.

System der geräuschlosen Kriegsfinanzierung

Die gesamte Wirtschaft wird Stück für Stück immer mehr in die Kriegspolitik eingebunden. Bereits im Sommer 1933 sind die Ausgaben der Rüstungsindustrie dreimal so hoch wie die Ausgaben für die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Zivilwirtschaft.
Die Rüstungsindustrie wird zur Konjunkturlokomotive. Die Militärausgaben übersteigen schließlich nicht nur die zivilen Investitionen, sondern bringen diese ab September 1939 zum Erliegen. Zivile Produktionen wie der „Volksempfänger“ dienen lediglich der Propaganda. Der soziale Wohnungsbau liegt dar nieder und Engpässe bei der Versorgung mit Nahrungsmitteln und Ressourcen zeichnen sich ab. Ende 1941 sind die Benzinvorräte im Reich so eng bemessen, dass Opel seinen Betrieb einstellt.

Krieg und „Hungerplan“

Die massive militärische Aufrüstung zieht unweigerlich den Krieg nach sich. Obwohl die Ausrüstung der Wehrmacht keine Vorteile gegenüber der Ausrüstung der Alliierten hat und kämpfende Einheiten sogar zu Fuß gehen müssen, da die notwendigen Transportmittel fehlen, überfällt Hitlerdeutschland am 1. September 1939 Polen. Damit beginnt der Zweite Weltkrieg und weitet sich "Flächenbrand" auf fast ganz Europa aus. Zu Beginn des Jahres 1941 plant das Drittes Reich drei Kriege. Einen gegen die anglo-amerikanische Allianz der Briten und der USA, einen Krieg gegen die Sowjetunion und den dritten Krieg gegen die Juden und gegen die osteuropäische Bevölkerung.
Die Engpässe in der deutschen Nahrungsmittelversorgung sollen über Getreidevorräte aus der Ukraine gedeckt werden. Der Plan sieht vor, an die dreißig Millionen Bewohner der sowjetischen Gebiete verhungern zu lassen. Ein weiterer Teil der Bevölkerung sowie die osteuropäischen Juden sollen durch Zwangsarbeit vernichtet werden.
Mit dem Überfall auf die Sowjetunion im Juni 1941 wird der völkermörderische Plan in die Tat umgesetzt. Der Fall "Barbarossa" sowie der Kriegseintritt der USA läuten zugleich den Untergang des Dritten Reiches ein.
Speers „Rüstungswunder“, dem zigtausende von Zwangsarbeitern zum Opfer fallen, kann das Blatt nicht mehr wenden.

Fazit – Das Dritte Reich: eine Diktatur der Bonzen

Adam Tooze liefert mit „Ökonomie der Zerstörung“ eine überzeugende Analyse über Adolf Hitlers Erfolg und Machteroberung, über den Zweiten Weltkrieg und den apokalyptischen Völkermord. Ein bedeutender Meilenstein in dem Versuch der Erklärung über die Massenanziehungskraft des Nationalsozialismus. Ein Erklärungsansatz, der den Schwerpunkt auf die staatlich verordnete Wirtschaftslenkung und die ideologisch-rassistische Ausrichtung des Dritten Reiches legt.
„Ökonomie der Zerstörung“ enthüllt: „das Dritte Reich ist eine Diktatur der Bonzen“. Denn bereits ab 1933 wird systematisch gegen die Zivilbevölkerung zugunsten einer massiven Aufrüstung entschieden, aus der lediglich die Unternehmer Kapital schlagen. Der Krieg, eine von vornherein aussichtslose Materialschlacht, die aufgrund der technisch-materiellen Rückständigkeit und des Ressourcenmangels nicht gewonnen werden kann. Albert Speers „Rüstungswunder“ bleibt ein Mythos. Die Frage nach Krieg oder Frieden bestimmt nicht nur die wirtschaftliche Zukunft des Dritten Reiches, sondern sie hat Hitler erst ermöglicht den „totalen Krieg“ zu führen und einen barbarischen Völkermord an sechs Millionen Juden zu begehen. Hitlers Lebensraumdoktrin und der Antisemitismus führen die Völker Europas und das deutsche Volk in den Abgrund. Adam Tooze „Ökonomie der Zerstörung“ ist kein Streifzug und aufgrund der Datenberge nicht leicht zu bezwingen. Es ist aber ein außergewöhnlich wichtiges komplexes Werk in der politisch-historischen Auseinandersetzung in der Frage nach dem „Warum“ der verbrecherischen Hitlerdiktatur.

Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung, Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, Originaltitel: The Wages of Tyranny. The Making and Braking of the Nazi Economy, Aus dem Englischen von Yvonne Badal, Deutsche Erstausgabe 2007, Siedler Verlag München, Gebundenes Buch, 928 Seiten, mit zahlreichen Abb.,ISBN: 978-3-88680-857-1, € 44,00 [D], € 45,30 [A], SFr73,90 (UVP)

© Soraya Levin

Abbildung: © Siedler Verlag -

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