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Joseph Süß Oppenheimer, genannt "Jud Süß"

Jörg Koch

Eine anschauliche Dokumentation, die Licht hinter den Mythos Jud Süß bringt und auf verständliche Weise verdeutlicht, dass der Ausgangspunkt der Spurensuche nach dem echten Oppenheimer die historische Figur ist.

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Die historische Figur Joseph Süß Oppenheimer ist bis heute nicht in Vergessenheit geraten. Entsprechend dem politischen und gesellschaftlichen Zeitgeist haben Kulturschaffende aus allen Sparten die Geschichte des Jud Süß für sich interpretiert. Die unterschiedlichen Deutungen und Missbräuche von Wahrheiten zeichnet der Historiker und Germanist Jörg Koch in seiner Dokumentation Joseph Süß Oppenheimer, genannt „Jud Süß“ sehr anschaulich nach. Dabei liefert er ein historisches Zeugnis, das vom jüdischen Sündenbock bis zum Opfer politischer Machtintrigen reicht.

Aufbau

Ausgangspunkt der Dokumentation ist die historisch-tragische Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer. Es folgt die Darstellung der literarischen Verarbeitung der Figur anhand der Novelle von Wilhelm Hauff und des Romans von Lion Feuchtwanger. Im Anschluss setzt sich Jörg Koch mit der filmischen Inszenierung des Stoffs auseinander. Im Mittelpunkt steht hierbei die dramaturgische antisemitische Darstellung von Veit Harlan bis zur filmischen Neuauflage 2010 von Oskar Roehler. In der Schlussbetrachtung steht die Neuinszenierung von Dieter Wedel und Joshua Sobol für die Bühne, uraufgeführt bei den Wormser Nibelungenfestspielen im Jahr 2011.

Der historische Oppenheimer

Koch beleuchtet seine historische Figur Joseph Süß Oppenheimer vor dem Hintergrund des gesellschaftspolitischen Wandels in der Zeit zwischen dem Barock und dem Merkantilismus. Es sind die politischen Umbrüche und Machtverschiebungen, die für Oppenheimer letztlich zum Fallstrick werden. Oppenheimer genießt als Finanzberater des württembergischen Herzogs Karl Alexander eine exorbitante Stellung für einen Juden. Er ist beruflich sehr erfolgreich, so dass er das Vermögen des Herzogs und sein eigenes stetig anwachsen lässt. Doch Ansehen erringt er als Jude damit nicht, eher schürt er die Missgunst. Seine rigide Steuerpolitik kollidiert mit den Landständen, die um ihren Einfluss fürchten. Das Rütteln des Herzogs und Oppenheimers an den bisherigen Machtverhältnissen heizt eine negative Atmosphäre auf. Mit dem plötzlichen Tod des Herzogs entlädt sich diese ganz allein auf Oppenheimer. Obwohl er als Schutzjude dem Schutz des Fürstentums untersteht, nutzen die Landstände ihre Chance und mit Hilfe einer politisch instrumentalisierten Justiz wird Oppenheimer verhaftet und ihm der Prozess wegen "Hochverrats, Korruption und Religionsschändung" gemacht. Ein inszeniertes juristisches Spektakel, da bereits vor dem eigentlichen Prozess das Todesurteil feststeht. Oppenheimer wird vor den Toren Stuttgarts im Februar 1738 gehängt und sein Leichnam sechs Jahre zur Abschreckung in einem sichtbaren Käfig aufbewahrt.

Aus Oppenheimer wird Jud Süß

1827 verarbeitet der deutsche Schriftsteller Wilhelm Hauff die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer in seiner Novelle Jud Süß. Mit dem verunglimpfenden Titel zeigt sich bereits der Bedeutungswandel. Hauff bedient sich antisemitischer Klischees und liefert damit die Vorlage für den antijüdischen Hetz- und Propagandafilm Jud Süß von Veit Harlan.
Der zum Besteller avancierte Roman des deutschen Schriftstellers Lion Feuchtwanger trägt ebenfalls den Namen Jud Süß. Im Gegensatz zu Hauffs antisemitischer Novelle spiegelt Feuchtwangers Roman die gesellschaftliche Situation der Juden nach der Aufklärung wieder.

Jud Süß wird zur antisemitischen Propaganda

Koch zeigt auf, wie geschickt die Nationalsozialisten den Stoff des Joseph Süß Oppenheimer für ihre antijüdischen Hetzkampagnen nutzen. Der 1940 uraufgeführte Film Jud Süß hat als zentrales Motiv den Antisemitismus. Mit der filmischen Umsetzung durch den Regisseur Veit Harlan wird systematisch durch die manipulierte und gefälschte Geschichte Judenhass produziert. Er festigt antijüdische Feindbilder und liefert für 20 Millionen Zuschauer im Reich und

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in den besetzten Gebieten die Stimmungsvorlage für die Vernichtung der europäischen Juden.
Nach Kriegsende wird die Ausstrahlung des Films von den Alliierten verboten. In der neu gegründeten Bundesrepublik wird dieses Verbot 1955 aufgehoben. Kommentiert darf der Hetzfilm als Vorbehaltsfilm gezeigt werden.

Veit Harlan wird nach Kriegsende wegen des Tatbestandes der Mitwirkung an Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor Gericht gestellt. Im Prozess wird er entlastet und freigesprochen. Ein Freispruch, über den sein Sohn Thomas sagt, "Sein Film ist ein Mordinstrument geworden, so einer hätte nicht arbeiten dürfen.". Ähnlich hat es auch der SPD Politiker Carlo Schmid gesehen, der Veit Harlands Film mitverantwortlich gemacht hat, für den Holocaust.

Veit Harlands antisemitischer Propagandafilm wird auch nach Kriegsende in Europa und außerhalb in den Vereinigten Arabischen Emiraten weiterhin zum Zweck der Anstachelung antijüdischer Hasskampagnen gezeigt.

Im Jahr 2010 erfährt der Film unter dem Titel Jud Süß - Film ohne Gewissen eine Neuinszenierung durch den Regisseur Oskar Roehler. Im Blickpunkt steht der Schauspieler Ferdinand Marian. Roehles Film zeigt, dass Marian sich gegen die Annahme der Hauptrolle des Jud Süß wehrt, er sich letztlich aber dem nationalsozialistischen Repressionssystem nicht entziehen kann. Der Aufstieg und der tiefe Fall Marians lassen den Schauspieler so zum Opfer werden.

Ebenfalls eine Neuinszenierung des Stoffs liefert der Regisseur Dieter Wedel im Jahr 2010. Für die Wormser Nibelungenfestspiele wird die Geschichte des Joseph Süß Oppenheimer für die Bühne neu interpretiert. Um Irritationen vorzubeugen, entsteht das Stück in Zusammenarbeit mit dem jüdischen Dramatiker Joshua Sobol.

Fazit

Jörg Kochs Dokumentation zeigt, dass die in der Literatur, im Film und auf der Bühne verarbeitete Figur Joseph Süß Oppenheimers ein weiterhin andauernder Mythos ist. Denn anhand der historischen Person Joseph Süß Oppenheimers wird deutlich, dass Oppenheimer ein politisches Opfer geworden ist. Das Politikum wird nach dem Tod Oppenheimers für die antijüdische Provokation missbraucht, wie anhand der Novelle von Wilhelm Hauff sichtbar wird. Lion Feuchtwanger macht insbesondere diesen auch nach der Aufklärung weiterhin bestehenden Antijudaismus und den Versuch nach jüdischer Gleichstellung zum Leitmotiv seines Romans. Die nach Feuchtwanger "naiv-antisemitische" Novelle Hauffs liefert die Vorlage für die antisemitischen Propagandazwecke der Nazis.
Kochs Dokumentation zeigt, dass der Regisseur Veit Harlan die historische Figur Oppenheimers für die Festsetzung antijüdischer Stereotype missbraucht. Ein Missbrauch, der für den SPD Politiker Carlo Schmid mitverantwortlich ist, für Auschwitz. Harlans Distanzierung und Ausblendung der psychologischen Wirkung seines Films, zeigt den Umgang der Täter mit ihrer Schuld. Einer Schuld, die in der NS-Nachkriegsjustiz nicht geahndet wird. Einzig sein Sohn Thomas macht das schändliche Wirken seines Vaters zum Thema.

Das Aufgreifen des Motivs Joseph Süß Oppenheimer für den Film und die Bühne ist auch heute nicht weniger unkritisch. In dem Film von Oskar Roehler Jud Süß - Film ohne Gewissen entspricht die historische Darstellung nicht den Tatsachen. Der Schauspieler Ferdinand Marian steht zum Schluss in Roehlers Film als das eigentliche Opfer dar. Diese Opferrolle liefert kein realistisches Zeugnis der Handlungsmöglichkeiten der Schauspieler im Nationalsozialismus und trägt zur Verklärung der Situation bei. Denn zahlreiche andere Schauspieler, unter ihnen Gustaf Gründgens, haben diese schäbige Propagandarolle abgelehnt.

Dieter Wedels Versuch gemeinsam mit dem jüdischen Dramatiker Joshua Sobol in seiner Bühneninszenierung für die Wormser Nibelungenfestspiele eine Annäherung an die historische Figur des Joseph Süß Oppenheimer und Richtigstellung der historischen Tatsachen zu finden, zeigt wie die Bearbeitung dieses schwierigen Stoffes an ihre Grenzen stößt.

Jörg Koch, Joseph Süß Oppenheimer, genannt "Jud Süß". Seine Geschichte in Literatur, Film und Theater, 2011 by WBG (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt, 52 S. mit 18 s/w Abb., Bibliogr. und Reg., WBG-Preis EUR 9,90, Buchhandelspreis EUR 14,90, ISBN 978-3-534-24650-2

© Soraya Levin

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