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Jerusalem. Die Geschichte einer heiligen Stadt

Annette Großbongardt und Dietmar Pieper (Hg.)


An dem Namen klebt Sprengstoff. Denn in kaum einer anderen Stadt entzündet sich der Nah-Ostkonflikt so hautnah wie in Jerusalem. Den täglichen Ausnahmezustand nehmen unterschiedliche Autoren in dem Buch „JERUSALEM. Die Geschichte einer heiligen Stadt“ in den Blick.

Die unersättliche Geliebte

Jerusalem, die Heilige, mit einer Vita von über 4000 Jahren spiegelt sie einen Querschnitt der Bewohner des modernen und archaischen Palästinas mit seinen drei monotheistischen Religionen. Für Juden, Christen und Muslime ist Jerusalem der Ort der Spiritualität, der Ort der Berührung mit Gott, der Ort ihrer religiösen Bande und Stätten, der Ort des Machtanspruches auf den einzig wahren Gott. Ein Machtanspruch, der in der Mischung von Glauben, Nationalbewusstsein und Identitätssehnsüchten zum gierigen Sprengstoff wird. „Jerusalem ist eine unersättliche Geliebte, der es gefällt, daß um sie gekämpft wird.“ Assyrer, Babylonier, Mamlucken, Griechen, Kreuzritter, Römer, islamische Feldherren, Briten bilden die Kette der Eroberer, nutzen das unscheinbare Jerusalem als Einfallstor im Kampf gegen andere Mächte. Mit jeder Eroberung bekommt Jerusalem ein neues machtpolitisches Gesicht.

Spirituelles jüdisches Kultzentrum

König David bringt die Bundeslade nach Jerusalem und macht die Stadt damit zum spirituellen Zentrum des ersten israelischen Großreichs. Mit dem Bau des ersten jüdischen Tempels unter König Salomo wird der Kult gefestigt. Ein Kult, der in der folgenden babylonischen Gefangenschaft unter König Nebukadnezar identitätsstiftend wirkt. 50 Jahre in der Verbannung stärken die Sehnsucht nach Jerusalem. Nach der Rückkehr aus dem Exil wird der durch die Babylonier zerstörte jüdische Tempel wieder aufgebaut. Doch das spirituelle Heiligtum wird ein zweites Mal vernichtet. Mit dem Einfall der Römer bleibt lediglich ein Rest der heiligen Steine. Steine, die zur bedeutendsten religiösen jüdischen Stätte werden, zur Klagemauer.

Islamisierung und Kreuzzüge

Mit der Islamisierung der Region verändert sich auch das religiöse Machtsymbol in Jerusalem. Dort, wo einst der jüdische Tempel stand, steht nun der islamische Felsendom und die El-Aqsa-Moschee. Von hier soll der Prophet Mohammed gen Himmel geritten sein.
Die muslimische Ausdehnung und Dominanz im Orient beeinflusst zunehmend die europäischen Interessen. Die Zerstörung der unter Kaiser Konstantin aufgebauten Grabeskirche, wo einst Jesus Leichnam gelegen haben soll, bietet einen willkommenen Anlass für Papst Urban II. Er nutzt die Religion als Schwert der Machtpolitik, ruft auf zur Befreiung der heiligen christlichen Stätten, zu den Kreuzzügen. Im Namen von Gott wird gebrandschatzt, geraubt und gemordet.

Britisches Mandat

Das christliche Königreich Jerusalem gerät im Laufe der Jahrhunderte unter die osmanische Herrschaft. Mit dem Ersten Weltkrieg und dem Zerfall des Osmanischen Reiches wird Jerusalem zum zündelnden Brennpunkt der machtpolitischen Interessen. Palästina fällt als Mandatsgebiet an die Briten. Der Völkerbund fordert die Umsetzung der Balfour-Deklaration, mit der die Schaffung einer jüdischen Heimstatt in Palästina verbunden ist. Der Mandatsträger hat Palästina aber bereits an die Araber im Kampf gegen die Türken versprochen. Unruhen sind vorprogrammiert, steigern sich in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts. Doch statt den Konflikt zu lösen, machen sich die Briten zum Kollaborateur Nazideutschlands. Sie begrenzen ab 1938 die jüdische Einwanderung auf 75.000 Personen innerhalb von 5 Jahren. Für viele jüdische Emigranten bedeutet dieses arabische Zugeständnis den Tod.

UN-Teilungsplan

Nach dem Ende des II. Weltkriegs sieht die UN 1947 eine Teilung für Palästina in einen arabischen und einen jüdischen Staat vor. Jerusalem, umstritten wie eh, soll international verwaltet werden. Der Teilungsplan wird von arabischer Seite abgelehnt, Israel ruft nach Abzug der Briten am 14. Mai 1948 seinen neuen Staat


aus. Am nächsten Tag überfallen die arabischen Nachbarländer Israel. Jerusalem, die Heilige, steht wieder im Zentrum der Machtpolitik. Die Stadt wird von den Jordaniern annektiert. Bis zum Sechstagekrieg 1967 gibt es einen jordanischen Ostteil und einen israelischen Westteil.

Jerusalem. Die Hauptstadt Israels, aber auch die proklamierte Hauptstadt eines zukünftigen Palästinenserstaates. „In Jerusalem vergeht die Zeit nicht, alles ist Gegenwart, nichts vergeben, gar nichts vergessen, Leute kämpfen die Kämpfe ihrer Vorfahren.“ Ein Kampf, den Menschen wie Teddy Kolleg und Anwar al-Sadat mit ihren Zukunftsträumen beenden wollten. Deren Visionen aber am Hass und Fanatismus einzelner scheiterten.

Zur Diskussion

Das Gesicht einer mit Gewalt geschminkten 4000 Jahre alten Stadt ist „…ein Rummelplatz der Religionen.“ Alle drei abrahmischen Religionen sehen ein Zentrum ihres Glaubens in Jerusalem. Für die Juden der Tempelberg und die Klagemauer, für die Muslime der Felsendom und die El-Aqsa-Moschee, für die Christen die Grabeskirche und die Via Dolorosa. Eine Spiritualität, die vereint ist im Urvater Abraham und in dem Glauben an den einzig wahren Gott. Eine Spiritualität, die über Jahrhunderte durch machtpolitische Interessen daran gehindert wird, den anderen auszuhalten. Machtpolitische Interessen, die das, was die einen aufbauten, zerstörten. Keine andere Stadt auf der Welt wie Jerusalem wird von einer derartigen Wucht der politischen Herrschafts- und Allmachtsansprüche getroffen. Eine Wucht, die Hass und Trennung zementiert. Eine Wucht, die für Lessings Toleranz aus der Ringparabel keinen Raum lässt.

Mit dem UN-Mandat von 1947 entscheidet wieder die Politik über Jerusalem, will sie doch „die Heilige“ unter internationale Verwaltung stellen. Die nach dem ersten Nahostkrieg 1948 geteilte Stadt wird 1967 nach dem Sechstagekrieg wiedervereint. "Jetzt wächst zusammen, was zusammen gehört!" Diese Aussage bezieht sich nicht auf Jerusalem, sondern auf Berlin. Damit drückte Willy Brand im November 1989 seine Hoffnung auf eine Zukunft für die Stadt aus. Eine Zukunft, die auch für Jerusalem gelten sollte. Mit welcher Berechtigung setzen sich Politiker der EU und insbesondere in Deutschland Politiker der Grünen dafür ein, die historisch spirituell gewachsene Stadt Jerusalem zu teilen? Das vorgeschobene Friedensargument ist eine reine Luftblase. Eine Annexion beziehungsweise Besetzung Ost-Jerusalems erfolgte nach dem ersten Nahostkrieg durch Jordanien. Auch in dem Zusammenhang, dass Israel 1980 Jerusalem zur einzigen Hauptstadt erklärte, kann nicht von einer Annexion gesprochen werden. Denn wie sieht der Begriff Annexion in Bezug auf einen zukünftigen Palästinenserstaat aus, der auch Jerusalem zur einzigen Hauptstadt erklärt?

Einzig durch die politische Instrumentalisierung werden Jerusalem und die Hauptstadtfrage zum Problem. Denn warum muss unbedingt Jerusalem Hauptstadt eines zukünftigen Palästinenserstaates sein? Zudem bleibt die Frage nach der palästinensischen Identität und der Identitätsstiftung. Eine Identität, die einzig politisch geschaffen wurde. Denn Palästinenser war zunächst jeder, der in dem ehemaligen britischen Mandatsgebiet Palästina lebte? Welches Palästina soll eigentlich befreit werden? Denn etwa 80% des ehemaligen Palästinas sind heute jordanisch. Durch eine Ignorierung derartiger Fragen wird der Konflikt zementiert.

Die Frage nach einem Frieden bleibt und könnte visionär mit Worten von Anwar al-Sadat gefasst werden. Jerusalem. An den Tischen sitzen Männer und Frauen, essen und trinken gemeinsam und sagen dem Fremden, dem Freund, dem militanten Fanatiker: „Wir alle, Muslime, Christen und Juden, beugen uns vor Gott … Die Lehren und Gebote Gottes sind Botschaften der Liebe, der Verlässlichkeit, der Sicherheit und des Friedens.“

Fazit

„JERUSALEM. Die Geschichte einer heiligen Stadt“
ist ein bewegender kaleidoskopartiger Einblick in die Vita der heiligsten Stadt der Welt. Eine aufrüttelnde Vita, die deutlich macht, warum Jerusalem „die unersättliche Geliebte“ ist, um die seit Jahrtausenden gekämpft wird.

ANNETTE GROSSBONGARDT (HRSG.), DIETMAR PIEPER (HRSG.), JERUSALEM, Die Geschichte einer heiligen Stadt, Ein SPIEGEL-Buch, DVA Sachbuch, Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 288 Seiten, München November 2009, Deutsche Verlagsanstalt in der Verlagsgruppe Random House, € 19,95 [D] / € 20,60 [A] / CHF 34,90 (UVP), ISBN 978-3-421-04465-5

© Soraya Levin

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