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Nacht

Edgar Hilsenrath

Der 1926 in Leipzig geborene Edgar Hilsenrath lebt seit 1975 in Berlin. Nach Hitlers Machtergreifung und der einsetzenden Judenverfolgung flieht er mit seiner Mutter und seinem Bruder 1938 zu den Großeltern in die Bukowina nach Rumänien. 1941 wird die Familie in das jüdische Ghetto der ukrainischen, vom Krieg zerstörten Stadt Moghilev-Podelsk am Dnjestr deportiert. Die Familie überlebt und wird 1944 von den Sowjets befreit. Der Autor geht zunächst nach Palästina. Ab 1951 lebt er - bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland - in den USA. Dort schreibt er über ein Jahrzehnt an seinem Romandebüt "Nacht".

"Nacht" ist ein Roman, der die Ermordung der europäischen Juden und den Holocaust vor Augen führt. Der Autor zeigt das Ghetto als Teil der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik und als Zwischenstation in den Tod, in dem er das Leben und Überleben des osteuropäischen Juden Ranek im fiktiven Ghetto Prokow schildert. Hilsenrath stellt die ausweglose Situation von Menschen unter Hunger, Krankheit, Ohnmacht und Angst dar, die zu einer sich steigernden Brutalisierung der Opfer führt. In der Welt der Toten weichen Moral und Rücksichtnahme der Selbsterhaltung.

Die Sicht auch auf die Schwächen der Opfer führte dazu, dass der Münchner Kindler-Verlag, der 1964 "Nacht" herausbrachte, sich zurückzog und den weiteren Verkauf des Buches behinderte. Hilsenrath fand den New Yorker Verlag Doubleday, der "Nacht" auf Englisch verlegte und auch in Großbritannien und in den Niederlanden fand der Roman Anklang und wurde veröffentlicht. Der Berliner Dittrich-Verlag hat nun "Nacht" in der Hilsenrath-Werkausgabe neu verlegt.

Der Autor nähert sich dem Thema mit der Voranstellung des Jesaja-Verses "Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln."

Es ist Sommer 1941 im fiktiven jüdischen Ghetto in der ukrainischen Ruinenstadt Prokow am Dnjestr. In das überfüllte Ghetto werden immer mehr rumänische Juden gesperrt. Die Juden werden aus ihrem bürgerlichen Leben herausgerissen. Zum Packen ist oft keine Zeit und Wertsachen dürfen sie nicht mitnehmen. Die Menschen sind arm, verelenden und hungern. So auch unser Protagonist Ranek aus Litesti, der bei Anbruch des Tages sein bisheriges Leben hinter sich lassen muss und ins Ghetto verschleppt wird. Ranek, auch der "Abgerissene" genannt, ist hart und verbittert. Zerlumpt und halbverhungert sprechen Not und Elend aus seinem verzweifelt grinsenden Gesicht. Er hat aber einen ungebremsten Lebenswillen. In dieser Welt der Toten ist der Tod allgegenwärtig und schlägt in Form von Hunger, Erschöpfung oder Fleckfieber zu. Die Betroffenen liegen im Schlamm, am Straßenrand und Ranek empfindet ihren Anblick als Sieg für sich, als Sieg im Kampf gegen den Tod. Die Sieger plündern die Leichen aus und schmuggeln unter Lebensgefahr das "Erbe" der Toten um selber zu leben.

Wie Ware werden die Toten unter dem Applaus von den Ghettobewohnern auf Karren verladen. Die Endstation heisst "Massengrab". Die Lebenden sind durch die ständige Unterernährung nur noch Haut und Knochen. Jeder Versuch, das Ghetto zu verlassen, ist tödlich. Trotz allem gibt es Gewinner: Schmuggler, Prostituierte, die jüdische Ghettopolizei und Menschenhändler.

Die schlimmen hygienischen Verhältnisse, begünstigt durch die Angst der Menschen, nachts ihre Notdurft außerhalb der Häuser zu verrichten, begünstigt durch die Leichenberge, die die Ghettobewohner in den Hausfluren errichten, führen zum Ausbruch von Seuchen. In Raneks Unterkunft erkranken die Menschen an Fleckfieber. Sein Freund Nathan stirbt daran. Ranek weiß, dass er dem Tod nur entgehen kann, wenn er sich nicht der Ansteckungsgefahr aussetzt. Er bemächtigt sich Nathans Hut und Fußlappen und macht sich auf die Suche nach einer neuen Schlafstelle für die Nacht.

Nacht heißt barbarische Hetzjagd auf Menschen. Nacht heißt Verschleppung, Nacht heißt, als Obdachloser erschossen zu werden, Nacht heißt pure Angst, Nacht heißt schreiende Opfer und Begegnung mit dem Tod. Eine Schlafstelle ist ein Stück Sicherheit, ein Stück Leben und hart umkämpft. Die wenigen intakten Häuser sind überfüllt und nicht alle finden eine Unterkunft. Die Nacht mobilisiert Raneks Kräfte und er spricht sich selbst Mut zu, noch eine Schlafstätte zu finden.

Ranek erinnert sich an seine erste Ghettounterkunft, das "Nachtasyl". Auf dem Weg dorthin begegnet er Sara, die gerade erst eingetroffen ist und deren einziger Besitz das ist, was sie am Leib trägt. In ihrer Verzweiflung hängt sie sich an Ranek und bietet nicht nur ihren Mantel, sondern letztlich ihren Körper - ahnungslos, dass Ranek impotent ist - für einen Schlafplatz. Alleine schafft man es aber eher, die Nacht zu überstehen und Ranek versucht, sie loszuwerden. Doch Sara ist wie sein Schatten. Im Tausch für ihre Kleidungsstücke schleppt er sie fortan mit durch. Als sie ein paar Seidenstrümpfe ohne sein Wissen für Essen veräußert, schlägt er auf sie ein. Essen ist ein Verbrechen für die, die hungern.

Im "Nachtasyl" liegt der an Fleckfieber erkrankte Levi im Treppenhaus. Sein vom Tod gezeichnetes altes Gesicht verdeckt sein junges Leben. Er weiß, dass die Lebenden höhere Ansprüche stellen und sein Schlafplatz bald von einem anderen besetzt sein wird. Ranek bringt ihn aus der Gefahr, von der jüdischen Ghettopolizei entdeckt zu werden und versteckt ihn unter der Treppe. Nicht Menschlichkeit treibt ihn zu der Handlung an, sondern blanker und berechnender Überlebenswille. Noch bevor Levi stirbt, raubt er ihm die Schuhe und bricht damit die bisherigen moralischen Grundsätze der Ghettobewohner, nur die Toten zu bestehlen.

Ranek nimmt neben Levis Mutter dessen Schlafplatz ein. Ist schon ihr ältester Sohn barbarisch während der Zwangsarbeit erschlagen worden, greift der Tod nun gnadenlos nach ihrem Jüngsten. Sie ist vor Schmerz am Boden zerstört. Raneks Kaltblütigkeit führt ihn wieder ans Leben heran. Beim Schmuggler Dvorski tauscht er Levis Schuhe gegen Brot. Dvorski, auch aus Litesti, hat sich im Ghetto zu einem gefühlskalten, mitleidlosen und berechnenden Menschen entwickelt.

Die Hemmungen der Menschen schwinden immer mehr. Vergewaltigung und Beischlaf vor den Augen der anderen Schlafsaalbewohner, Diebstahl, Handgreiflichkeiten, gemeinsame Latrinengänge, Notdurftverrichtung im Zimmer. So groß ist das Elend und die Qual, dass sich alle Maßstäbe verschoben haben, so groß ist das Elend und die Qual, dass ein Bruder seinen Bruder verhungern lässt.

Am Tag bleiben nur die restlos Ausgelaugten im "Nachtasyl" zurück. Die anderen begeben sich auf die Suche nach etwas Essbaren. Sie durchwühlen Mülltonnen, fallen über die Toten her und berauben sie ihrer letzten Habseligkeiten, um diese gegen Essen einzutauschen. Sie gehen zur einzigen nicht völlig zerstörten Strasse der Stadt, der Puschkinskaja. Hier befindet sich der Basar, wo die Kleider, Fußlappen und Goldzähne der Toten feilgeboten werden. Hier befindet sich aber auch ein Rest an symbolischer Hoffnung für die noch Lebenden. Hier sind sie für einen Moment inmitten von Leben, für einen Moment im Besitz ihrer Erinnerungen. Obwohl der Tod immer begieriger im "Nachtasyl" nach den Bewohnern greift, fällt er kaum auf, da die Schlafplätze sofort wieder belegt sind und die Toten keine Namen haben.

Ranek, der unterdessen zur Zwangsarbeit verschleppt wurde, kann fliehen und kehrt nach einigen Wochen wieder ins "Nachtasyl" zurück. Hier ist er in Sicherheit, hier ist sein Zuhause. Sein mit Naturalien und Geld erkaufter neuer Schlafplatz ist neben dem "Rotem" unterm Herd. Raneks tot geglaubte Schwägerin Debora taucht auf. Trotz des Grauens ist sie nicht in Bitterkeit und Hoffnungslosigkeit verfallen. Ihre menschliche und mitfühlende Art ist noch nicht zermürbt. Unter Einsatz ihres Lebens befreien sie den schwer an Fleckfieber erkrankten Fred, Raneks Bruder, aus dem totbringenden Spital.

Jetzt liegt Fred dort, wo vorher Levi lag. Im "Nachtasyl" unter der Treppe. Doch der Tod steht schon bei Fred. Als er stirbt, schlägt Ranek seinem Bruder eiskalt kalkulierend den Goldzahn, der Essen und Leben bedeutet, mit einem Hammer aus.

Doch auch unter den barbarischsten Bedingungen findet Zuneigung ihren Weg: Ranek und Debora finden zueinander. Im "Nachtasyl" bricht bald darauf das Fleckfieber aus. Aus Angst von der jüdischen Ghettopolizei entdeckt zu werden, werfen die Bewohner die Kranken in eine abgetrennte Ecke des Schlafraums. Hier liegen sie entmenscht, auf den Tod wartend.

Unerbittlich wütet nicht nur die Seuche, sondern auch der verrohte Mensch. Der Zigarettenjunge Mischa und seine achtjährige Schwester Ljuba, deren Eltern erschossen wurden, können dem Fleckfieber nicht standhalten. Ebenso Moische, der seine Frau, um überleben zu können, ins Bordell geschickt hat und der nun Vater eines nicht gewünschten Kindes ist.

Das Ghetto zerbricht sie körperlich und moralisch Stück um Stück. Sie sind gefangen und dem sicheren Hungertod ausgesetzt. Bei einem im "Nachtasyl" durchgeführten Schwangerschaftsabbruch versucht ein gewisser Dr. Blum das Menschentum zu bewahren. Der Niedergang ist jedoch nicht zu stoppen.

Debora und Ranek bringen sich vor der Seuche in Sicherheit und verlassen mit dem in Obhut genommenen Kind Moisches das "Nachtasyl". Im Bordellhof finden sie eine neue Schlafstelle. Als aber auch Ranek an Fleckfieber erkrankt, kehrt er zurück ins "Nachtasyl", auf den Platz unter der Treppe, wo schon Levi und sein Bruder Fred lagen. Debora sagt zu dem Kind, "...du brauchst keine Angst zu haben...", und geht mit ihm einer unbestimmten Zukunft entgegen.

Mit "Nacht" ist Edgar Hilsenrath eines der eindrucksvollsten und bedeutendsten Werke innerhalb der Holocaustliteratur gelungen. Es ist der Glaube und die Hoffnung an Gottes Gerechtigkeit und ewigen Frieden, an seine Kraft, die Leidenden zu befreien und nie mehr dergleichen zuzulassen, die den Autor veranlassen, seinen Roman den Jesaja-Vers "Ich habe dich einen kleinen Augenblick verlassen, aber mit großer Barmherzigkeit will ich dich sammeln" voranzustellen.

Edgar Hilsenraths Roman zeichnet ein authentisches Bild des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte. Aus dem Blickwinkel des Lebensschicksals seines Protagonisten Ranek im fiktiven Ghetto Prokow spürt der Autor der Wahrheit des höllischen Systems der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik nach.

Wie Primo Levi stellt Hilsenrath die Frage nach Gut und Böse, die Frage wie man angesichts barbarischer Umstände und des nackten Existenzkampfes "Mensch" bleiben kann. Der Autor schildert die verzweifelte Lage des menschlichen Individuums unter dem Druck eines gnadenlosen Hungerkäfigs. Auch wenn im Nachwort des Autors autobiografische Züge sichtbar werden, ist das Ghetto der ukrainischen Ruinenstadt Mogilew-Podolsk, in das Edgar Hilsenrath 1941 deportiert wurde, nicht das ohne "h" geschriebene Ghetto Prokow. Prokow ist fiktiv und steht stellvertretend für jedes Ghetto auf dieser Welt. Hilsenrath ist auch nicht Ranek.

Der Autor zeigt, wie Menschen allmählich durch ständiges Hungern, ständige Angst und ständiges Leid letztlich mitleidlos und verhärtet werden. Sie werden namenlos und nur noch nach äußeren Merkmalen benannt wie "der Abgerissene" oder "der Rote". Dem Horror, den die Menschen ausgesetzt sind, kann kein Sinn abgewonnen werden. Einzig das Lachen bleibt, beim Anblick des Entsetzens, des Grauens, des zur Ware degradierten, toten Menschen. Was heisst in diesem entmenschten Höllenkäfig, dem Ghetto, noch Moral und Sittlichkeit, wenn sie nicht nur gebogen, sondern zerbrochen wird? Wer hat noch die Kraft, in diesem erbarmungslosen, verrohten System nach Anstand und Würde zu suchen? Hilsenrath gelingt es, die stille Verzweiflung und den Schmerz der Opfer zu formulieren. Die Lebensschicksale sind von tiefem Ernst, die unerbittliche Darstellung der erbarmungslosen Lebensumstände quälend. Nichts verbleibt bei all dem, außer zu weinen. Zu weinen um die Entwurzelung von Menschen, um ihre schrittweise Brutalisierung, um ihre Verzweiflung, um ihren Schmerz und ihre Angst.

Die Impotenz der Schlüsselfigur Ranek kann symbolisch für die Vernichtung der Ghettobewohner, letztlich für die Vernichtungsmaschinerie der Nationalsozialisten stehen. Seine Figuren sind mit Tiefe ausgestattet. Selbst unter den schlimmsten Bedingungen handeln sie noch rational und sind zum Leben entschlossen. Und dieser Wille zum Leben gibt ihnen Hoffnung und Humanität. So steht Debora für die nichtsterbende Menschlichkeit.

Hilsenrath nennt nicht ein einziges Mal die Deutschen, nicht ein einziges Mal die Nazis, nicht ein einziges Mal die Täter. Dennoch verschweigt sein Text nichts. Die Täter sind ständig präsent. Sie stehen hinter jeder Zeile. Sie stehen hinter der Angst, hinter den zerstörten Hoffnungen, hinter dem Schmerz, hinter dem Leid der Menschen, hinter dem Hunger, hinter dem auf Schritt und Tritt begleitenden Tod. Die Opfer sind gut und böse wie jeder Mensch unserer Welt. Sie sind aber nicht die Täter. Sie sind Opfer, weil sie Juden sind. Und sie werden nochmals Opfer, weil ihre Sittlichkeit und Moral zerbrochen wird, weil sie ihrer Würde und Menschlichkeit beraubt werden.

Diese Wahrheit konnte scheinbar in den 60er-Jahren noch nicht ausgesprochen werden. Denn wie erklärt es sich, dass der Kindler-Verlag dieses Buch nicht weiter verlegte? Ein Dank an den Dittrich-Verlag, der dieses klare Bekenntnis und Zeugnis zur Wahrheit, diese überaus wortgewaltige Anklage an radikale und totalitäre Systeme, die eine Bedrohung für jede menschliche Gesellschaft darstellen, nach all den Jahren wieder veröffentlicht hat.

Nacht, Edgar Hilsenrath, Dittrich Verlag, 2005, 646 Seiten, gebunden, ISBN 3-937717-00-5

© Soraya Levin

Abbildung: © Dittrich -

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