Sie sind hier: Buch
Zurück zu: Rezensionen
Allgemein: Download Impressum Links Kontakt Sitemap

Suchen nach:

Die schönsten Erzählungen

Mark Twain


"Für mich ist die literarische die wichtigste Seite meines Lebens". Diese wichtigste Seite seines Lebens hat der amerikanische Schriftsteller Mark Twain seinem Lesepublikum humorvoll und sozialkritisch nahe gebracht. Ist er für lange Zeit fast in Vergessenheit geraten, so erinnern wir uns zu seinem 100-jährigen Geburtstag wieder an ihn und an Die schönsten Erzählungen.

In den originellen und skurrilen Geschichten spiegeln sich in völliger Zeitlosigkeit die Eigenheiten der Menschen wider. Ihre immer wiederkehrenden Fehler, ihre Doppelmoral, ihre Fehltritte, ihre Gewalttätigkeit, ihre Versäumnisse und ihre Schuld.

Lustig scheint sie zunächst zu sein, die Geschichte von jungen Männern und vom Krieg. In Privater Bericht eines gescheiterten Feldzuges zerplatzt die Illusion vom Krieg. Niemand weiß, worum es überhaupt geht, warum der Dorfnachbar plötzlich über die anderen herumkommandiert, wo es überhaupt hingeht, gegen wen sich eigentlich der Kampf richtet. Mit dem Tod eines Reiters sehen die jungen Männer, dass der Gegenspieler überhaupt nicht anonym ist. Sie begreifen nun das Unglück, sie haben getötet, sie haben einen Menschen getötet.

In Ein merkwürdiges Stück Geschichte werden Bürger zum Terroristen. Sie nutzen ein Politikum wie die Abschaffung der Sklaverei als Vorwand für ihre anarchischen Aktionen. Nicht ihre Überzeugung ist es, die sie mit offenen Augen in die Todesstrafe gehen lässt, sondern ihre grenzenlose Effekthascherei, die durch die breite Volksmasse gespeist und bejubelt wird. Eine verkehrte Bewunderung, die im fanatischen Narzissmus mündet und keinen Mangel an Märtyrern lässt.

Ein verbogenes Weltbild zeigt sich ebenfalls in der


Geschichte Edward Mills und George Benton. Einer bescheiden, fleißig und rücksichtsvoll, der andere genau das Gegenteil. Doch nicht der Zurückhaltende und in seiner Lebensart Anständige bekommt die Gunst des Umfeldes, nein, genau entgegengesetzt wird für den Charakterlosen Verständnis aufgebracht, wird er mit aller Energie von der Gesellschaft unterstützt und gefördert.

Kurios ist sie, die Täter- und Opferverdrehung, deutlich sichtbar in Die Geschichte vom bösen Knaben. Besagter Jim klaut, schiebt anderen den Diebstahl in die Schuhe, begeht einen gräulichen Mord an seiner Familie und durch zahlreiche Rücksichtslosigkeiten und Gaunereien bringt er es schließlich zum Wohlstand und gesellschaftlichem Ansehen.

Wie Geld das Ansehen hebt, zeigt sich auch in der Geschichte Die Eine-Million-Pfund-Note. Twain zeigt den Unterschied zwischen absolutem Reichtum und Mittellosigkeit sowie die Funktionsweise der Börse auf. Zwei alte Londoner Millionäre überlassen einem armen heruntergekommen wirkenden Penner eine "Eine-Million-Pfund-Note", um zu sehen, ob er es dreißig Tage schafft, damit zu überleben. Wird der Mittellose zunächst noch wie „Dreck“ behandelt, so steigt sein Ansehen mit der Vermutung über seinen Reichtum.

Fazit

Selten zeigt ein Schriftsteller solche sozialkritische Themenvielfalt auf. Ob Betrug, Gier, Gewalt, Mord, Rassismus, Terrorismus, wilder Kapitalismus, schlichte Ungerechtigkeit. Mark Twain stutzt aber nicht offensiv den Leser zurecht. Vielmehr entlarvt er auf spöttisch und bissige Art und Weise die Doppelmoral des Menschen und seine stetigen Verfehlungen.

Mark Twain, Die schönsten Erzählungen. Sozialkritisch zeitlose Geschichten der Ersten Klasse mit dem Kolorit des amerikanischen Westens des 19. Jahrhunderts. Gekonnt klassisch geschrieben und vergnüglich zu lesen.

Mark Twain, Die schönsten Erzählungen,
ausgewählt und mit einem Nachwort von Dr. Alexander Pechmann, aus dem Amerikanischen von Anna Maria Brock, Günther Klotz und Otto Wilck, Leinen, 304 Seiten, Aufbau-Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-351-03304-0
16,95 € / 29,60 Sfr

© Soraya Levin

Gehe zu: Die Liebe einer Frau VERRATEN Sechs Freunde, ein Spitzel, mein Land ...