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Letzte Fischer

Volker Harry Altwasser ist kein Hochseefischer, aber er schildert die Hochseefischerei so emotional und greifbar nah, als ob er selbst einer wäre. Und wie die Hochsee, die mal ruhig und mal aufwühlend ist, so ist es auch seine Erzählung über die letzten Hochseefischer.


An diesem Tag geht für den Hochseefischer Robert Rösch nicht nur „die Ära der schweigsamen Männer“ zu Ende, sondern auch sein Leben. Es ist der Tag, an dem seine Frau Mathilde seine Bewerbung für den neuen Job an Land als Fischzüchter absendet.

Mit dem brutalen Tod des Hochseefischers Robert Rösch, genannt Filigraner, beendet Altwasser seine Trilogie. In diesem dritten Band "Letzte Fischer" nimmt Altwasser den Leser mit zu Männern, die jenseits des Landlebens im Rhythmus des Meeres in ihrer eigenen Welt leben. Es sind die letzten Hochseefischer. Ihre Heimat ist die Saudade.

“Hiev up, hiev up!“ schreien sie gegen den Sturm. Mit jedem Seilzug spannen sich ihre Muskeln, bis das mit Fischen aufgeblähte Netz an Bord ist. Männer, deren Gesichter von der Sonne und dem Salz des Meeres gezeichnet sind. Männer, die sich im Rhythmus der Meere und der Naturgewalten bewegen. Der Sturm und die Fahrt durch lebensgefährliche Ozeane schweißt sie zusammen. Unter extremen Bedingungen und Strapazen, hindurch durch Seeberge und knirschendes Eis, eingepackt in robustes Ölzeug und trotzdem sind die Füße und die Hände nicht mehr zu spüren, wenn der Wind die Worte verschluckt, wenn sich ein Fuß vor den anderen nur langsam gegen die Sturmwand stellt, dann fühlt sich Robert Rösch heimisch, dann ist er einer von ihnen, dann gibt es fernab der Saudade kein weiteres Leben. Hier hat jeder seinen Spitznamen, hier ist jeder ein anderer. Hier gehört jeder dazu. Hier ist jeder von den 178 Männern an Bord zu haus. Auf der Saudade schleppen sie die Netze gemeinsam, die Jungen und die Alten. Hier jagen sie in den Weiten der Hochsee den Rotbarschen und Thuns nach, Robert Rösch und der „uralte Richard“.

Während die Saudade immer weiter dem Fisch Richtung Somalia nachläuft, schiebt sich Mathildes aufgezwungene Entscheidung, sie oder das Meer, wie eine Eisscholle über Robert. Während der Bauch des Schiffes Massen von Fische verschlingt, wird die Saudade von kaltblütigen Piraten gekapert. Und während die Männer der Saudade im Todeskampf ihr Schweigen brechen, wird das Walfangschiff Rimbaud von Greenpeace-Aktivisten überfallen. Während auf der Saudade die letzten Hochseefischer ihren Kampf gegen die Piraten verlieren und ihr Leben lassen, kommt auf der Rimbaud für den letzten Hochseefischer-Auszubildenden Tommy jede Hilfe zu spät.

Die raue See verschlingt Tommy, den sie Doppelbläser genannt haben, gerade in dem Moment, als er seinen Platz zwischen den alten Seebären der Rimbaud gefunden hat. Die letzten Wochen hat er die Spur des Wals wie vor ihm Kapitän Ahab in Moby Dick mit verfolgt. Zwischen Blut und Blubber hat er mit den Männern schwer geatmet, hat die Axt bei klirrender Kälte in den abgeschlachteten Giganten gehauen und ihn wie Eisschollen aufgebrochen. Es hat gebrodelt und gezischt inmitten dieser klebrigen roten Masse.
Tommy ist zu einem Mann unter Männern geworden. Auch sexuell, denn an Bord, wo nur Männer zu Haus sind, hat er seine erste Liebe gefunden. Luise, der weiblich bewaffnete Begleitschutz und die Stieftochter von Robert Rösch.

Altwassers Trilogie setzt Wendepunkte im Leben. In seinem dritten und letzten Band entdeckt Mathilde die beiden vorangegangen Bände "Letzte Haut" und "Letztes Schweigen" in einem Bücherregal ihrer Tochter Luise. Robert Rösch, der in "Letztes Schweigen" unter der mangelnden Zuwendung seiner Mutter gelitten hat, flieht in "Letzte Fischer" vor der Verantwortung des Lebens und auf der Suche nach einem Halt auf die Saudade. Ob beabsichtigt oder nicht, den Schwermut, den Robert Rösch in sich trägt, der trägt ihn auch über die Weltmeere. Denn Saudade bedeutet Melancholie und eine schmerzende Seele. Ein Schmerz mit dem Robert Rösch nicht umgehen kann, vor dem er wegläuft. An Bord braucht er nicht er selbst zu sein, hier ist er nur der Filigrane, hier bleiben seine Probleme und seine Selbstzweifel an Land. Hier kämpfen die robusten Männer gemeinsam um volle und leere Netze. Hier tummeln sie sich im Blut der abgeschlachteten Wale, hier verlieren sie die Kontrolle im Kampf gegen die mordenden Piraten.

Die parallel zwischen Robert, Mathilde und Luise verlaufenden Handlungsstränge sind gefüllt mit Sehnsucht, der Suche nach Wegweisern und Verlust. Verlust von Liebe, Verlust der alten DDR-Heimat und der Heimat der Hochseefischer, Verlust von Natur bis letztlich dem Verlust von Leben. Altwassers männliche Figuren sind am Ende alle vernichtet. Den überlebenden Frauen hat er die Last der Schuld aufgebürdet. Mathilde und Luise haben das Leben herausgefordert, beide sind dadurch zum Unglücksbringer geworden. Mathilde, weil sie Robert gezwungen hat, sich für das Meer oder für sie zu entscheiden und er diesen Zwang mit auf die Saudade genommen hat. Luise, die in die geschlossene Männerwelt auf der Rimbaud eingebrochen ist.

Volker Harry Altwasser, Letzte Fischer, 503 Seiten, gebunden, 2011 MSB Matthes & Seitz Berlin Verlagsgesellschaft mbH, ISBN 978-3-88221-554-0, € 24,00 / CHF 34,90

© Soraya Levin

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