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Zola Jackson

Gilles Leroy

Die Lebensgeschichte einer taffen Farbigen inmitten des Hurrikans Katrina, deren bissige und sarkastische Sprüche bei allem Ernst der Situationen trotzdem schmunzeln lassen.

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Zu dieser Stadt im tiefen Süden der USA, dieser Stadt am Mississippi und am Lake Pontchartrain gehören Jazz-Legenden wie Louis Armstrong, Fats Domino und der Schriftsteller William Faulkner. Seit August 2005 gehört auch Katrina dazu. Ein tropischer Wirbelsturm, der für viele in New Orleans die Endstation bedeutet. Der wie eine Furie über die Stadt hinweg peitscht, der alles mit sich reißt, was ihm in den Weg kommt, der an den für die Ewigkeit gebauten Deichen rüttelt, der sie zerstört und der die Stadt untergehen lässt.
Wer jetzt nicht weg ist, der ist verloren. So auch die Heldin von Gilles Leroy in dem Roman Zola Jackson.

Mit ihrer Hündin Lady harrt sie bis zum Letzten aus, stellt sich der Gewalt der Natur. Das Wasser steigt und steigt, verschlingt Häuser, Bäume und Menschen. Die Rettungsaktionen laufen nur mühsam an.
Während das Wasser die über 60-jährige Zola bis in das Dachgeschoss treibt, wird sie von ihren eigenen Erinnerungen getrieben. In Rückblenden durchlebt sie nochmals ihr Leben. Als junges Mädchen verstößt sie gegen alle gesellschaftlichen Normen. Sie, die Farbige, hat sich in einen Weißen verliebt. Das Kind dieser unerlaubten Liebe heißt Caryl und entspricht gar nicht dem Aussehen der farbigen Community. Ihr Sohn schafft es bis zum promovierten Historiker. Doch Zolas Stolz hat einen Makel. Caryl ist schwul. Die Umgebung duldet aber schwul sein nicht. Der farbige Schuldirektor verpasst ihr scheinmoralische Seitenhiebe, stigmatisiert ihren Sohn als anders und krank.

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Caryl ist körperlichen und verbalen Angriffen ausgesetzt, ist ein "warmer Bruder". Zola erträgt den Gedanken nicht, will es nicht wahrhaben, sucht die Schuld bei sich und tabuisiert das Schwulsein ihres Sohnes. Sie ist hasserfüllt gegenüber Caryls Freund Troy, versucht die Beziehung zu zerstören. Mit jedem Besuch des Paares zeigt sie ihre innere Ablehnung, ist aggressiv und dabei kränkend. Das Schlimmste für Zola ist unvermeidbar. Das Todesurteil ihres Sohnes, unheilbarer Krebs. Statt gemeinsam mit Troy den nahenden Verlust durchzustehen, vergräbt sie sich in ihre Einsamkeit, begräbt den Sohn, will es ungeschehen machen und flüchtet sich immer öfter in den Alkohol. Das Hochwasser reißt sie aus ihrem Haus und ihren Erinnerungen.

Gilles Leroy lässt seine Protagonistin neben der Geschichte des Hurrikans Katrina zwei weitere tief gehende Geschichten erzählen. Es ist die der farbigen Verlierer und die der geächteten "warmen Brüder". Was die erzählten Stränge verbinden, sind Brüche.
Die gebrochen Versprechen der Regierung, alle Farbigen und Weißen auch in der Katastrophe gleich zu behandeln, für einen Katastrophenschutz zu sorgen, rechtzeitig Hilfe zu geben. Daneben das Brechen der Dämme, das Brechen gesellschaftlicher Schranken und Tabubrüche. Brüche, die schwere Schäden hinterlassen, die Identitäten und Landschaften begraben. Brüche, die aber nicht die Klüfte zwischen arm oder reich, farbig oder weiß, hetero oder homo überwinden.

Gilles Leroy, Zola Jackson, Roman, Orig.: Zola Jackson, aus dem Französischen von Xenia Osthelder, gebunden, 176 Seiten, 2011 by Kein & Aber AG Zürich – Berlin, ISBN: 978-3-0369-5585-8,18.90 €, 26.90 CHF

© Soraya Levin

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