Sie sind hier: Buch
Zurück zu: Rezensionen
Allgemein: Download Impressum Links Kontakt Sitemap

Suchen nach:

Frommes Elend

von Frans Eemil Sillanpää

Ein einschneidender gesellschaftskritischer Roman, der feudale Strukturen und hierarchisches Denken verurteilt.

Dies ist die Lebensgeschichte von Johan Abraham Benjaminssohn, dessen erbärmliches Leben brutal durch eine Gewehrkugel beendet wird. Man ruft ihn Janne, Juha oder den Toivola-Jussi, denn außer dem Kirchenbuch hat jeder seinen richtigen Namen vergessen. 1857 wird er einen Tag vor dem Michaelistag in Finnland auf dem Nikkilä-Hof geboren. Der grobschlächtige Bauer Penjami ist sein Vater. Er hat Spaß daran, Jussi zu schikanieren, säuft gern Schnaps, beschimpft seine Frau die Magd Maija und seine Töchter aus vorangegangenen Ehen als Weibsvolk, das ab und an auch Prügel einstecken muss.

Auf dem Nikkilä-Hof führen sie ein primitives bäuerliches Leben geprägt vom Katechismus und dem Rhythmus der Felder.
Es folgen Jahre der Missernten und des Hungers. Am Ende ist der Hof verloren und der Bauer Penjami tot. Die Magd Maija sucht mit Jussi Schutz auf dem gut gehenden Hof ihres Bruders. Bei dem Versuch, eine Arbeit zu finden, stirbt sie entkräftet. Zurück auf dem Hof des Onkels bleibt der stumpfsinnig wirkende Jussi, der sich hier nun als Viehhirte verdingt. Durch Waldverkäufe kommt sein Onkel zu Wohlstand. Der Bauer träumt von der finnischen Unabhängigkeit und von einem Politikerdasein. Um sich politisch beliebt zu machen, gibt er ein Fest, bei dem es zu einem Sabotageakt an den Rädern der Fahrzeuge der illustren Gäste kommt. Der Verdacht fällt auf den einfältigen Jussi. Ohne Mittel wird er vom Hof gejagt.

Jussi schlägt sich als Holzfäller, Wanderarbeiter, Knecht und Kätner durch. Der kontaktscheue Toivola-Jussi, selbst er findet eine Frau, die ihm ihr erstes Kind Kalle als seines unterjubelt. Die Familie wächst und vegetiert im Elend in der heruntergekommenen Kätnerhütte. Sie führen ein dürftiges Leben, gezeichnet von harter Arbeit und Dauerfrondiensten für den Bauern, gezeichnet von Hunger und Krankheit der Besitzlosen. Hier, bei diesem Kätner, reicht es für nichts.

Eines Tages schlägt Kalle seinen jüngeren Bruder derartig brutal, dass dieser behindert ist. Bei der Familie ist jetzt kein Platz mehr für Kalle. Später wird er Kutscher werden, sich für die sozialistische Idee interessieren und den Vater mit revolutionären Volkszeitungen versorgen.

Doch zunächst ist der jüngere kranke Bruder zu versorgen. Die dringend benötigten Medikamente kosten Geld. Und Geld zu beschaffen, ist aussichtslos. Genauso aussichtslos wie Jussis Hilfegesuch bei seinen vermögenden Verwandten. Mit dem Tod des Jungen atmet der Kätner durch, denn er entlastet die hungrige Familie. Das eintönige und freudlose lediglich auf den Tod wartende Kätnerleben in der finnischen Einsamkeit geht weiter. Währenddessen verstirbt Jussis Frau. Seine älteste Tochter Hiltrud schickt er als Magd zu einer Rektorenwitwe. Er ist stolz auf seine beiden ältesten Kinder, Hiltrud und Kalle. Sie haben es geschafft und sich aus dieser untersten Schicht befreit. Doch Hiltrud ist unglücklich und begeht bald darauf Selbstmord.

Während Jussi und seine anderen Kinder weiter hungrig auf den kommenden Tag warten, schwappt die russische Revolution nach Finnland herüber und mündet in einem Bürgerkrieg. Jetzt geht es gegen die Hofbesitzer. Mit dabei Jussi mit seinem verkümmerten Geist. Wie ein religiös-politischer Prediger läuft der Kätner durch das Dorf. Sie nennen ihn jetzt Demokrat und er unterstützt die Linken bei den Enteignungen der Hofbesitzer. Der Krieg dreht sich und die bürgerlichen Kräfte erstarken wieder. Jussi wird mit anderen verhaftet und als Unruhestifter zum Tode verurteilt. Doch selbst für das Todesurteil zeigt er sich zu einfältig. Er vereitelt die Genugtuung des Todesschützen, spielt bereits toter Mann vor der ausgeführten Exekution.

Frans Eemil Sillanpää erzählt die Lebensgeschichte des dumpfen Toivola-Jussi, die die bürgerlich-feudale Standesstruktur im Finnland des 19. Jahrhundert widerspiegelt. Der Besitz von Land, vom Ackerland bis zum Wald, bestimmt die Lebensumstände der Menschen. Auch wenn der Kätner Jussi bis zur Erschöpfung arbeitet, ist es ihm unmöglich, sich aus der Knechtschaft zu befreien. Die ausbeuterischen Frondienste für den Bauern betonieren die soziale Verelendung. Für die Bestellung der Kätnerfelder fehlt die Zeit. Rechtlich ist der Kätner Jussi wie viele andere Kätner nicht abgesichert. Es gibt keinen schriftlichen Vertrag. Mündliche Absprachen werden oftmals nicht eingehalten und dem Kätner bleibt am Ende nichts. Es ist ein jämmerliches Leben, in dem selbst der Tod eines Kindes als Befreiung empfunden wird. Nein, hier bei dem Kätner wird nicht einer mehr auch noch satt. Hier gilt es, die Familie nicht nur zu ernähren. Hier gilt es, sie vor dem Hungertod zu bewahren. Einem Hungertod, den in den sogenannten finnischen Hungerjahren Zigtausende zum Opfer fallen. In dieser gesellschaftlich gestörten Ausgewogenheit, wo die Hofbesitzer immer reicher und Unterdrückte wie der Kätner Jussi immer ärmer werden, entfesselt sich, angefacht durch die russische Revolution, der gesellschaftliche Widerspruch. Ein Widerspruch, der im Bürgerkrieg mündet und selbst die ruhige und eher dem Schnaps zugewandte Landbevölkerung revoltieren lässt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse werden nicht nur angeprangert, sie werden umgeworfen und münden in Enteignungen und Mord. Selbst einer wie Jussi, der sich fügsam den vorherrschenden sozialen Gesetzmäßigkeiten und denen der Natur beugt, fällt aus seiner dahindämmernden Rolle und befreit sich eher zufällig aus den scheinbar unveränderlichen hierarchischen Strukturen. Mit der Kehrtwende im Bürgerkrieg zerbrechen die freiheitlichen Hoffnungen der Besitzlosen. In dem die Besitzenden Jussi hinrichten, versinnbildlicht der Autor, dass Standesdünkel und hierarchische Zuordnung normativ gesetzt sind und den Blick auf die Gleichwertigkeit des Menschen verwehren. Denn Jussi ist ja eigentlich einer von ihnen. Auch er gehört ursprünglich dem Stand der Hofbesitzer an.

Frommes Elend ist ein einschneidender gesellschaftskritischer Roman, der feudale Strukturen und hierarchisches Denken verurteilt. Frans Emil Sillanpää gelingt es den Geist seiner Zeit einzufangen. Von der Armut und Knechtschaft der besitzlosen Landbevölkerung, die sich geduldig und klaglos der Weite der finnischen Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten hingibt, bis zur Problematik des hohen Branntweinkonsums unter den Bauern, bis hin zum Einfluss der russischen Revolution und der Verselbstständigung Finnlands und dem Bürgerkrieg zeichnet er eine sozialhistorische Milieustudie Finnlands des 19. Jahrhunderts.

Frans Eemil Sillanpää, Frommes Elend, Originaltitel: »Hurskas kurjuus«, Helsinki 1919, Aus dem Finnischen und mit einem Glossar von Reetta Karjalainen und Anu Katariina Lindemann, Mit einem Nachwort von Thomas E. Brunnsteiner, 2014 Guggolz Verlag, Berlin, 284 Seiten, Gebunden, fadengeheftet und mit Lesebändchen, ISBN 978-3-945370-00-1, € 24 / € 24,60 [A] / sFr 32 [CH]

© Soraya Levin

Gehe zu: Alles was war Wilhelm Brasse. Der Fotograf von Auschwitz