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Die Farbe der Reue

Ein kraftvoller Titel, der nicht hält, was er verspricht.

Ein gewalttätiger Vater, eine Falschbeschuldigung und Gefängnismauern, die Vater und Tochter um Jahre trennen.

Dies ist die Geschichte von Hans Larsen und Marianne, die Roy Jacobson in seinem Roman Die Farbe der Reue erzählt.

Seit zehn Jahren sitzt er wegen zahlreicher Gewalt- und Betrugsdelikte im Knast. Im fortgeschrittenen Alter von 72 Jahren wird Hans Larsen vorzeitig entlassen. Der letzte Kontakt zu seiner Tochter Marianne ist ein vor zehn Jahren geschriebener Zornesbrief von ihr, den er seit dem ungelesen mit sich herumschleppt. Marianne, selbst Mutter einer Tochter, versucht den Vater aus ihrem Leben zu streichen. Ihre vorgetäuschte Missbrauchsbeschuldigung vor Gericht hat den verhassten Vater erheblich länger hinter Gitter gebracht.

Die ersten Stunden von Hans Larsen in Freiheit nimmt Jacobson den Leser mit in dessen innere Erlebniswelt der Gerüche und Empfindungen. Lebensfreude ist spürbar, auch für den Leser. Nur die Rückblenden wirken störend, da sie ruckartig aus der Geschichte rausführen.

Larsen steigt bei seinem alten Arbeitgeber am Hafen wieder ein und versucht sich dem Alltag zu stellen. Bis hierhin ist die Geschichte authentisch.

Bevor Larsen seine Freiheit begreifen kann, wird er von einem Bus überfahren. Dieses zufällige Ereignis ist der Aufhänger für den weiteren Handlungsverlauf. Dieser verliert mit dem Zufall jedoch seine Glaubwürdigkeit und die folgenden Szenen wirken erzwungen.

Im Krankenhaus macht Hans Larsen die Bekanntschaft mit Agnes und ihrem Mann Arthur, der nach seinem Schlaganfall nicht mehr richtig sprechen kann.
Gesellschaftlich könnten Hans Larsen und Agnes nicht unterschiedlicher sein. Der eine ein Knasti und arm, Agnes gebildet und reich. Roy Jacobson schafft mit Agnes einen mit Macht gesuchten künstlichen Gegenpart. Der Versuch hier eine Mittlerfunktion zwischen Larsen und Marianne herzustellen misslingt nicht in der Geschichte, aber in der Wirkung für den Leser.

Jacobson arbeitet mit vielen Klischees. Der im sterbenden liegende Arthur flüstert mit letzten Kräften Larsen zu "Kümmer dich um sie". Aus diesem "Kümmer dich um sie“ wird eine kurze Liebesbeziehung, die radikal durch einen Schlaganfall Larsens beendet wird.
Marianne schreibt der Autor ebenfalls eine Liebesbeziehung mit dem jüngeren Motorradfahrer Trond zu. Diese zu fade Liebe dient als Brücke, um Mariannes psychische Situation darzustellen. Sie, die ihren Vater falsch beschuldigt hat, sie selbst hasst daher Lügen und reagiert aggressiv auf Unwahrheiten. Doch warum wieder diese Klischees und dieses wenig glaubwürdige Geschehen? Trond spioniert Larsen hinterher. Er entdeckt zufällig, dass dieser seine gesamten für Marianne bestimmten Rentenersparnisse versteckt und er klaut sie natürlich, um mit dem Geld Marianne auf die Probe zu stellen.

Ihr jahrelang gehütetes Geheimnis der Falschbeschuldigung lüftet Marianne bei einem Urlaub auf Kreta, den Agnes bezahlt hat. Denn Agnes möchte nichts weiter als das Vater und Tochter sich wieder versöhnen.
Unausweichlich treibt die Geschichte langsam auf die Begegnung Larsen und Marianne zu. Marianne kann sich von ihrem Hass kaum lösen und ringt mit sich, dem Vater auf dem Sterbebett zu vergeben.

Obwohl Hans Larsen verstorben ist, ermittelt die Polizei in einem sich vor Monaten zugetragenen Mordfall. Aufgesetzt und wenig wirkungsvoll klingt es, wenn Marianne für ihren verstorbenen Vater die Verteidigung übernimmt und ihn als den besten Vater bezeichnet. Marianne bereut am Ende eines. Ihre geringe Schulbildung, die sie endlich nachholt.

Jacobsons Leitthema ist eine Festung aus Schuld und Vergebung, in der Marianne und ihr Vater gefangen sind. Jacobson nutzt die Dynamik dieses Erzählstoffs nicht aus. Die anfänglich authentische Stimmung versiegt unter einer Expansion von Klischees.
Das Leseerlebnis leidet unter dieser Überstrapazierung, die mit Macht diese Geschichte konstruiert. Szenisch passiert zu wenig und wenn das Wenige dann noch kommentiert wird, geht die Spannung verloren.

Roy Jacobson, Die Farbe der Reue, Roman, Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs und Andreas Brunstermann, Titel der norwegischen Originalausgabe: Anger, J.W. Cappelens Forlag AS, 2011, 272 Seiten, Gebunden, Osburg Verlag Berlin 2012, Preis: € 19,95[D], € 20,60 [A], SFr 28,50, ISBN: 978-3-940731-74-6

© Soraya Levin

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